. Die schmerzende Schulter hielt Peters erst nur für verrenkt . Er nahm Paul , hob , reckte ihn , wie Fuhrleute pflegen , wenn sie einen Fall erlebten . Paul schrie so laut , daß er in dem Stall , wo ihn Peters barg , kaum sicher war . Mitleidig , sagt ' er mir , schauten sich sogar die Pferde um . Im Fieber war ' s ihm , als wären sie alle todte Gerippe und sausten durch die Luft mit klappernden Gebeinen , bohrten die Köpfe an Eichenstämme und in die Erde und sprangen wieder empor , daß sie auf den Hinterfüßen überschlugen . Den Schrein kannte Peters wohl . Er hatte den wol hüten gelernt , er und sein Hündchen Bello , den vorbeisausend bei der Flucht am Pelikan ihnen die dort harrende Louise Eisold noch nachwarf . Er wäre vor vierzehn Tagen vom Profoßhaus lieber mit Dankmar und dem Schrein zugleich zurückgefahren . Paul galt nun bei ihm für einen verunglückten Pferdeknecht . Ärzte kamen , erkannten den Bruch , preßten die Knochen in Verbände und kühlten den Brand , den sie fürchteten . Paul lag bei den Pferden über der Futterkammer und ächzte . Vor dem Niederlegen im Verband raffte er die letzte Kraft zusammen und schrieb mit der linken Hand an Louise Eisold . Peters konnte nicht schreiben , nur ein Packet Geld legte er aus dem jetzt von dem treuen Fuhrmanne fester verschlossenen Schrein für Dankmar Wildungen bei . Peters blieb noch in Angerode . Es war sein altes Häuschen , sein alter Stall , den er verkaufen wollte . Der Brief wurde irgendwo auf dem Lande zur Post gegeben . Peters hütete den langsam Genesenden , der nie würde haben ruhen können , wenn seine ausgestreckte Hand neben sich unterm Stroh nicht das Holz , das Kreuz , das Kleeblatt des Deckels gefühlt hätte . So bekam ich endlich Nachricht von meinem Sohn durch dritte , vierte Hand . Es war die höchste Zeit , daß ich mich entfernte . Rodewald , mein alter Freund , kam eines Tages voll Erregung und gestand mir , daß er nicht anders gekonnt hätte , als der Mutter meines Sohnes das Leben wenn nicht des Vaters , doch ihres Kindes wie eine Drohung von jenseits des Grabes zuzurufen . Seine Gründe waren gerecht . Mein Entschluß mußte aber gefaßt sein . Schon lange hatte die Untersuchung der Flucht auch meine Person gefährdet ; nun konnt ' ich neue Schrecken ahnen . Ich wußte , wo Hülfe nöthig war . So ging ich heimlich nach Angerode , lebte dort verborgen , bis Paul zur Reise nach dem Tempelstein sich stark fühlte . Dorthin rief ja die Loosung . Louise Eisold soll den Schrein von ihm selbst empfangen , den unversehrten und nur in Dem , was ihm an jenen Mann , der sich das Leben nehmen wollte , verloren ging , an Werth verringerten . In drei Tagen , Freund , sind wir am Tempelstein . Ich hüte den Schrein am Tage , Paul des Nachts . Sein Übel ist in alter Gewalt entstanden , aber des Vaters Auge wird ihn schützen . Diese Hingebung jetzt an ein Einziges , diese Mühe und Sorge um ein verpfändetes Wort wird seine Gedanken reinigen . Ich werde nicht erröthen , Ihnen den Sohn zu zeigen , den ich Ihnen verdanke , Ihrer treuen Aufopferung , Ihrer Liebe . Empfangen Sie uns mit dem alten Herzen - darum brauch ' ich kaum zu bitten - aber empfangen Sie uns auch mit Freude - das muß vom Himmel kommen . « Sorglos , überglücklich , sahen nun die Freunde dem Tage der Entscheidung entgegen , der endlich bedeutungsvoll genug herankam . Feuerraketen stiegen von den Bergen auf , um den Einzug der Mächtigen auf das Schloß von Buchau zu verkündigen . Die Umwohner des Tempelsteins hörten die Böller lösen , hörten das Rollen der vielen langspännigen Staatswägen , hörten die Ruderschläge auf goldgeschmückten Festesgondeln von den blauen Wogen her . Es war die alte Welt , die sieggebläht zur Herbstesfreude vom Osten einzog . Es kam der Abend des fünfzehnten Septembers , der Tag des Nikodemus ... Schon um sieben Uhr Abends vergoldete des Mondes Licht den Wald , die Flur , den Strom , Berg , Schloß , die Ruine ... das Vergangene , das Bestehende und das Werdende ... Ich will ein Kind sein , sagte sich Dystra , ich will diese Nacht für ein Märchen nehmen . Ich weiß , daß dort drüben heut in Buchau Leuchtkugeln steigen . Die Raketen und die Schwärmer werden prasseln . Aber ich will das Zaubervolle näher suchen . Die Fäden , die das Wunder am Drahte natürlich lenken , kenn ' ich wohl , weiß auch , daß unter dem Menschenstrom , der heut nach Buchau zum Feuerwerk der Könige wallt , die Maurer und Zimmerleute nicht auffallen werden , die sich zum Schlosse Tempelstein wenden , an der Brücke vor dem Meister Leidenfrost die Kundschaft sagen , emporsteigen und hinten in die Ruinen treten , wo Dankmar Wildungen sehen will , wer sich nun meldet , wer sich enthüllt , wer zu seinem Bund gehört , den ich selber nur belausche . Ich nehme das Seltsame , wie es ist . Ich nehm ' es als eine Phantasie dieser wunderlichen deutschen Nation und will von einem alten Leichenstein des Kreuzganges aus dem Herbstnachtstraume zusehen , wie ich in den Sagen lese , daß einst Hirtenknaben sich verirrten in den Untersberg oder den Hörselberg oder den Kyffhäuser und die Felsen geöffnet sahen und das Treiben der Zwerge und Kobolde belauschten . Ich will für Märchen nehmen , was ich sehe und froh sein , daß ich nicht mehr nöthig habe , mir über die Feuerwerke der Höfe den Hals auszurecken , was freilich für meinen Wuchs nützlicher wäre , wär ' es nicht zu spät . Dieser Nacken bleibt leider in den Schultern sitzen und gehört zu meinem Bild