und bei diesem Gedanken flammte auch ihr Stolz und Trotz empor . Sollte sie es zum zweiten Male ertragen , daß ihre Vertheidigung nicht gehört , daß sie selbst zurückgestoßen wurde , wie es schon einmal geschehen war ? Nun und nimmermehr ! Die Baronin war weit entfernt , diesen Gedankengang ihrer Tochter zu ahnen . Sie dachte nicht einmal daran , daß sich Assessor Winterfeld in der Residenz befand und daß man ihn eigens [ 447 ] dorthin gesandt hatte , um eine Annäherung zu verhindern . Die Dame hatte jetzt wichtige Dinge im Kopfe , und da sie bei Gabriele so gar kein Verständniß für die Toilettenangelegenheiten fand , klingelte sie ihrer Kammerjungfer und begann eine ausführliche Berathung mit derselben . Es war merkwürdig , wie sehr diese Reise die Lebensgeister der Baronin anzuregen vermochte ihre Krankheit und Mattigkeit schienen auf einmal verschwunden ; sie traf die nöthigen Anordnungen mit einem Eifer und einer Lebhaftigkeit , die schon jetzt den besten Erfolg von dieser „ Luftveränderung “ hoffen ließ . Der Freiherr war unmittelbar , nachdem er seine Schwägerin verlassen hatte , zu dem Oberst Wilten gefahren . Er hatte von jeher freundschaftlich mit ihm verkehrt , und in der letzten Zeit war dieser Verkehr noch enger und vertrauter geworden , wenigstens von Seiten der Wilten ’ schen Familie , die mit vollem Eifer die Verbindung zwischen dem Sohne des Hauses und der jungen Baroneß Harder anstrebte . Heute aber lag in dem Empfange und der ganzen Haltung des Obersten eine gewisse Gezwungenheit , die er sich zwar Mühe gab zu verbergen , indem er lebhafter und angelegentlicher sprach , als es sonst seine Art war . Der Freiherr achtete nicht darauf ; er war von ganz anderen Gedanken erfüllt und nicht in der Stimmung , aus solche Dinge Gewicht zu legen . Er wollte eben das Gespräch auf die Sicherheitsmaßregeln in der Stadt lenken , die noch größtentheils in den Händen des Militärs lagen , als Wilten ihm zuvorkam und mit einer gewissen Hast fragte : „ Haben Sie schon nähere Nachrichten aus der Residenz erhalten ? Sie erwarten ja wohl Antwort auf Ihren Brief hinsichtlich der Winterfeld ’ schen Broschüre . “ Die Stirn des Freiherrn verfinsterte sich auffallend bei der Frage , und es vergingen einige Secunden , ehe er antwortete . „ Ja , “ sagte er endlich . „ Die Antwort ist heute Morgen eingetroffen . “ „ Nun ? “ fragte der Oberst in größter Spannung . Raven lehnte sich in den Sessel zurück , und in seiner Stimme lag ebenso viel Spott wie Bitterkeit , als er erwiderte : „ Man scheint in der Residenz vollständig zu vergessen , daß ich als Vertreter der Regierung in ihrem Namen gehandelt habe , und daß man mein Wirken jahrelang mit allen Kräften unterstützte . Sie hatten Recht , mich vor den Intriguen zu warnen , die dort gegen mich gesponnen werden . Ich sehe es erst jetzt , wie unterwühlt der Boden ist , auf dem ich stehe . Vor wenigen Monaten noch hätte man es nicht gewagt , wir eine solche Antwort zu geben . “ „ Wie , man hat doch nicht etwa versucht , Ihnen anzudeuten – ? “ der Oberst hielt inne , er mochte den Satz nicht aussprechen . „ Man hat mir sehr Vieles angedeutet . Allerdings in verbindlichster Form und mit einem ungemeinen Aufwande von Redensarten , aber die Sache selbst bleibt die gleiche . Ich glaube , es wäre den Herren in der Residenz nicht unlieb , wenn ich ginge . Es giebt dort verschiedene Persönlichkeiten , denen ich sehr im Wege bin und die jeden Angriff nach Kräften gegen mich ausbeuten werden . Ich bin aber vorläufig noch nicht gesonnen , ihnen Platz zu machen . “ Oberst Wilten schwieg und sah vor sich nieder . „ Auch die jüngsten Ereignisse hier in der Stadt geben Anlaß zu ernstlichen Differenzen , “ fuhr Raven fort . „ Ich habe deswegen einen lebhaften Depeschenwechsel mit der Residenz gehabt . Man begreift durchaus nicht , daß das Einschreiten des Militärs nothwendig war . Man giebt mir Allerlei anzuhören , von schwerer Verantwortlichkeit , maßloser Erbitterung der Bevölkerung und dergleichen mehr . Ich habe einfach geantwortet : Aus der Ferne lasse sich dergleichen nicht beurtheilen . Ich sei zur Stelle und wisse , was Noth thue , und ich würde genau dasselbe thun , wenn die Unruhen auf ’ s Neue ausbrechen sollten . “ In dem Gesichte des Obersten zeigte sich wieder jene Gezwungenheit , die im Laufe des Gespräches allmählich gewichen war . „ Das dürfte kaum möglich sein , “ bemerkte er . „ Es ist wahr , die Erbitterung ist größer , als wir anfangs glaubten , und ich sagte es Ihnen ja schon früher , man wünscht bei solchen Anlässen die militärischen Maßregeln durchaus zu vermeiden . “ „ Es kommt nicht darauf an , was man wünscht , sondern auf das , was nothwendig ist , “ erklärte der Freiherr mit jener Schroffheit , die bei ihm stets eine große innere Gereiztheit barg . „ So wollen wir hoffen , daß die Nothwendigkeit nicht wieder eintritt , “ sagte Wilten , „ denn ich bin leider – ich wäre gezwungen – mit einem Worte , ich müßte Ihnen meinen Beistand versagen , Excellenz . “ Raven fuhr auf und richtete einen funkelnden Blick auf den Sprechenden . „ Was soll das heißen , Herr Oberst ? Sie kennen doch meine Vollmachten ? Ich kann Ihnen versichern , daß sie noch in ihrem vollem Umfange bestehen . “ „ Daran zweifle ich nicht , aber die meinigen sind beschränkt worden . Ich habe künftig nur den Weisungen meiner Vorgesetzten zu folgen . “ „ Sie haben Gegenbefehl ? “ fragte der Freiherr rasch und heftig . „ Ja , “ war die etwas zögernde Antwort . „ Seit wann ? “ „ Seit gestern . “ „ Darf ich die Ordre sehen