in der Hand , der soeben aus Rom eingetroffen war . Der Graf hatte sehr gealtert in diesen letzten Jahren , das Haar war grau geworden , das Antlitz tief gefaltet und auch in dem Auge sprühte nicht mehr das alte Feuer , es lag ein bitterer , tief schmerzlicher Zug darin , der einst nicht dagewesen , und er verschwand auch nicht beim Lesen des Briefes . Es waren die festen kraftvollen Schriftzüge des Prälaten , auf denen sein Blick haftete , aber er überflog schnell die Eingangsworte , um desto länger auf einer Stelle zu verweilen , die ihn augenscheinlich am meisten interessirte : „ Ich würde mich über Dein langes Schweigen beklagen , wüßte ich nicht längst , daß eine Entfremdung zwischen uns eingetreten ist , die die Zeit nicht heilen wird . Du hättest mir Alles verziehen , selbst den Tod Ottfried ’ s , den ich unwissentlich verschuldete . Daß ich die Hand an Deinen Bruno legen wollte , verzeihst Du mir nie . Sei ’ s drum ! Jenes unselige Wagniß hat mich mehr gekostet als nur die Liebe meines Bruders ! Was ich von dem Stifte höre , überrascht mich nicht , wenn es mir auch bitter ist , eine Schöpfung verfallen zu sehen , an die ich dreißig Jahre lang die beste Kraft meines Lebens gesetzt habe . Unter Eusebius ’ Regiment war nichts Anderes zu erwarten , und von all den Uebrigen ist Keiner im Stande , Besseres zu leisten . Du weißt , wen ich mir zum Nachfolger ausersehen hatte , wenn ich früher oder später den Bischofsstuhl bestieg . Den Mönchen imponiren und die Zügel der Herrschaft mit einer Hand festhalten , wie die meine war , konnte nur Einer , und der ist jetzt drüben im Lager unserer Feinde ! Du wirfst mir mit Unrecht Haß gegen ihn vor , ich habe ihn nie gehaßt , selbst da nicht , als ich ihn opfern wollte , und in diesen letzten drei Jahren habe ich ihn fast bewundern gelernt . Was ist von unserer Seite nicht versucht worden , ihm die Bahn zu kreuzen , den Weg zu hindern und in der Dunkelheit und Vergessenheit die Gefahr zu begraben , die für uns in diesem Kopfe lag – er wußte Allem die Stirn zu bieten , Alles niederzutreten , was ihm im Wege stand , und jetzt hat er sich zu einer Bedeutung aufgeschwungen , die jeden Versuch , sie ihm noch ferner abzustreifen , thöricht erscheinen läßt . Die – sche Universität war uns von jeher ein Pfahl im Fleische ; daß man ihn dorthin berufen , ihn mit solcher Acclamation dort empfangen konnte , beweist am besten , wie ohnmächtig wir geworden sind in einem Lande , wo sonst Alles in unseren Händen lag . Man konnte uns nicht offener den Krieg erklären , als indem man diesen Mann auf ’ s Schild hob . Ich weiß am besten , was sie an ihm besitzen , denn ich habe diese Kraft wachsen sehen und kann es noch heute nicht verschmerzen , daß sie uns verloren ging . Ottfried war der schwächliche , verweichlichte Sproß seiner unbedeutenden Mutter , Bruno war unser Blut , und wenn er zehnmal in stolzem Trotze den Namen zurückweist , er hat es gezeigt , daß er ein Rhaneck ist ! Wie ich höre , stehst Du im Begriff , nach unserem Stammschlosse aufzubrechen ; ich ahne , was Dich dorthin führt , grade in dem Augenblick , wo Bruno das Siegel auf seinen Abfall drückt und Günther ’ s Schwester zum Altar führt . Aber nimm Dich in Acht vor Deinem Sohne , Ottfried , wenn Du etwa versuchen wolltest , den zärtlichen Vater zu spielen . Ich sage Dir , er kann seine Mutter nicht vergessen , und er wird Dir ihr Andenken wieder ebenso vernichtend in ’ s Antlitz schleudern , wie damals , wo Du zum ersten Male die Arme nach ihm ausstrecktest . Weichherzigkeit war nie der Fehler unseres Geschlechtes ! Du wirfst mir in Deinem letzten Briefe vor , daß ich es war , der im Grunde das Ganze verschuldete ; nun , so solltest Du auch bedenken , daß die Folgen mich am schwersten trafen . Ich entriß den Knaben seiner Heimath und seinem Glauben , um ihn zur Ehre der Kirche und unseres Klosters zu erziehen , und dieser Knabe stürzte mich , vernichtete die Macht des Stiftes und steht jetzt an der Spitze unserer Gegner , bereit , uns den Kampf auf Leben und Tod zu bieten . Ich dachte den angeerbten trotzigen Ketzergeist zu bändigen mit der Priestererziehung , und vergaß , daß ihm der Freiheitsdrang im Blute liegt . Das war mein Mißgriff und wurde mein Verhängniß . Von meinem römischen Aufenthalt kann ich Dir nichts Neues berichten ; auch hier wächst und drängt die Bewegung mit jedem Tage , und mit jedem Tage reißt sie uns ein Stück von dem Boden weg , auf dem wir stehen . Wir stemmen uns dagegen mit der ganzen geschlossenen Macht , die Jahrhunderte lang allen Stürmen getrotzt und die Reformation überdauert hat , aber – ich habe es stets für Schwäche gehalten , sich die Wahrheit zu verhehlen , selbst wenn sie vernichtet – ich fürchte , unsere Zeit ist vorbei ! Im Einzelnen mögen wir noch die Gewalt behaupten , die Weltmacht geht uns verloren – und Dein Bruno ist auch Einer von denen , die sich einst rühmen können , sie uns entrissen zu haben ! “ – Der Graf überflog noch rasch die Schlußworte des Briefes , dann faltete er ihn zusammen und schob ihn von sich . Die Art , wie dies geschah , zeigte zur Genüge , daß die Versöhnung zwischen den beiden Brüdern nur eine äußerliche gewesen war , und daß Rhaneck wenigstens nie das tiefe Grauen überwunden hatte , das er seit jener Zeit vor dem Prälaten empfand . Er stand auf und trat an ’ s