Gesicht war totenbleich . » Das Schloß ? « fragte der Portugiese – er war der einzige , der scheinbar seine Ruhe behauptete – alle anderen standen so gänzlich bestürzt und fassungslos , als habe eine gewaltige Faust die überraschende Erscheinung aus dem Erdboden gehoben . » Nein – im Dorfe brennen mehrere Häuser zugleich ! « antwortete das junge Mädchen mit halberstickter Stimme und warf die prachtvolle Haarsträhnen zurück , die ihm über den Busen gefallen waren . » Und um deswillen machst du einen solchen tollen Ritt ? ... Wahnsinnige ! « rief der Minister maßlos empört , während sich der Portugiese mit einer tiefen Verbeugung und einigen Worten von Seiner Durchlaucht verabschiedete und gleich darauf um Walde verschwand . Fast schien es , als habe die Reiterin von allen Anwesenden nur diesen Mann bemerkt ; bei seiner Frage hatte sich ein wahres Rosenlicht über ihr blasses , erschrecktes Gesicht ergossen , und mit dem Verschwinden der hohen Gestalt erlosch es sofort . Jetzt kam aber auch Leben in die erstarrte Versammlung . Die Herren , unter ihnen die Gräfin Schliersen , umringten stürmisch Pferd und Reiterin ; und wenn auch die jüngeren Damen infolge unliebsamer Überraschung und eines sehr erklärlichen Unbehagens sich fern hielten , so hingen doch alle diese schönen Augen mit wahrhaft verzehrender Spannung an dem Gesicht der jungen Einsiedlerin , die » der boshafte Zufall « so unvorbereitet und plötzlich mitten in den Hofkreis hineinwarf ... Wie , die Erscheinung , die so ätherisch leicht da oben schwebte und doch mit so kühner und kräftiger Hand ihr Pferd beherrschte , sie sollte das verkrüppelte , gelbe Geschöpfchen sein , das nach Aussage der Stiefeltern in tiefster Einsamkeit eines langsamen Todes starb ? ... Vor diesen wundervollen , keuschen , braunen Mädchenaugen wollte sich einst die schöne Hofdame gefürchtet haben ? Und hinter der leuchtenden , vom schönsten Blondhaar umflatterten Stirne sollte maßlose Bosheit brüten ? » Liebste Jutta , du hast uns einen reizenden Fastnachtsschabernack gespielt ! « sagte die Gräfin Schliersen in ihrem beißendsten Ton zu der schönen Exzellenz . » Zu deiner Genugtuung will ich dir nur gestehen , daß ich überrascht bin , wie noch nie in meinem Leben ... Deine schmerzliche Entrüstung über meine › neugierigen Augen ‹ war aber auch zu gelungen ! « Die Baronin erwiderte auf diese Bosheit kein Wort . Sie sah aus wie ein Geist mit ihren schneeweißen Lippen und Wangen , hatte aber die Fassung vollständig wiedergewonnen . Sie schlug die Augen vorwurfsvoll zu der Stieftochter auf . » Mein Kind – Gott mag dir verzeihen , was du mir angetan hast ! « sagte sie in weichen Tönen . » Diesen Augenblick verwinde ich nie ! ... Du weißt , daß es mir namenlose Angst macht , dich auf dem Pferde zu wissen ! Du weißt , daß ich fortwährend für dein Leben zittere ! ... Was hattest du mir versprochen ? « Giselas Blick war einen Moment verschüchtert über alle die fremden Gesichter hingeglitten ; jetzt aber sprühten die braunen Augen auf . » Ich hatte dir versprochen , nicht in deinen Gesichtskreis zu kommen , Mama « , versetzte sie . » Aber soll ich mich denn wirklich rechtfertigen , daß ich mein Versprechen nicht halten konnte , weil ich Hilfe für mein armes Dorf holen muß ? ... Unsere Leute sind auf dem Jahrmarkt in A. ; nur der alte Braun , der nicht reiten kann , und der lahme , kranke Stallknecht Thieme sind zu Hause ... Im Dorfe ist nicht ein einziger Mann – die Leute arbeiten ja fast alle in Neuenfeld – , Frauen und Kinder laufen schreiend und ratlos um die brennenden Häuser – « Sie verstummte – das ganze Entsetzen , das sie auf ungesatteltem Pferd über Berg und Tal getrieben , kam wieder über sie , und wenn auch ihr Aufenthalt auf der Wiese sich kaum auf wenige Minuten erstreckte , diese Minuten waren doch verloren ... Sie mußte weiter . Von all denen , die sie umstanden , rührte auch nicht einer Hand und Fuß ; die vornehmen Herren schienen es nicht gehört oder bereits vergessen zu haben , daß es drüben hinter dem Wald brannte ... Jener verächtliche Zug , der auch einst das schöne Gesicht der Gräfin Völdern charakterisiert hatte , bog ihre Mundwinkel herab . Ihr Blick flog über die Köpfe hinweg nach dem Neuenfelder Weg – man sah , sie war im Begriff , den Kreis , der sie umringte , ohne weiteres zu sprengen . Wären nicht aller Augen beharrlich auf die Reiterin gerichtet gewesen , dann hätten diese Hofschranzen ein Schauspiel haben können , für sie vielleicht interessanter noch , als die » hereingeschneite Schönheit « auf dem Pferde . Der Minister , dieses Urbild eines Diplomaten , Seine Exzellenz mit der ehernen Stirne , an der alle Angriffe wirkungslos abprallten , der Mann mit den schlaffen Augenlidern , die sich hoben und senkten wie der Theatervorhang , um gerade nur das zu zeigen , was gesehen werden sollte – der gewaltige , gefürchtete Minister war augenblicklich schwächer als seine gewandte Gemahlin ; er rang vergebens nach äußerer Ruhe und Fassung , er konnte weder die Blässe , noch den verzweifelten Grimm von seinen Zügen wegwischen . Bei der Bewegung des jungen Mädchens griff er mit rauh zufassender Hand in die Zügel des Pferdes , und ein dämonisch wilder , furchtbar drohender Blick traf ihr Auge ... Sie erbebte . Er hatte sie vorhin in bezug auf ihre Handlungsweise eine Wahnsinnige genannt ; er hielt offenbar seine gräfliche Stieftochter in den Augen des Hofes für kompromittiert , weil sie um einiger elender , zusammenprasselnder Schindeldächer willen ihre Standeswürde und die strengen Gesetze der Etikette achtlos beiseite setzte ; er wollte sie an einer weiteren » Tollheit « verhindern – was kümmerte ihn der verzweifelte Jammer da drüben in dem Nest , über dessen Wohl und Wehe die gehorsame Stieftochter früher mit denselben gleichgültigen Augen hinweggesehen hatte wie