wieder gut und sagt ihr jetzt artig Lebewohl . “ Die Angeredeten standen , ohne sich zu rühren . Der alte Mann schaute in peinlicher Verlegenheit im Zimmer umher : „ will ihr Keines mir zu Liebe die Hand geben ? “ „ Ich ! “ ertönte Käthchens glockenreine Stimme , und die kleine Beherzte , die Ernestine nur gefürchtet hatte , weil die Andern es taten , trat heran und streckte Ernestine ihr dickes Patschchen und das nasch ­ hafte Mäulchen hin . Ernestine beugte sich nieder , küßte den kleinen schwellenden Mund und sah mit stiller Freude in die offenen , leuchtenden Augen des hübschen Kindes . „ Seht , Ihr Großen “ , sagte der Schulmeister , „ das sechsjährige Mädchen beschämt Euch ! Warum seid Ihr nur so furchtsam — Ihr seht doch Fräulein von Hartwich alle Tage ? “ „ Ja , aber nicht im Zimmer , nur unter freiem Himmel — da kann man davon laufen “ , meinte einer der Älteren höchst scharfsinnig . Ein trübes Lächeln verzog Ernestinens Lippen und sie verließ ohne ein Wort weiter das Schulzimmer . Der Lehrer maß seine Schüler der Reihe nach mit . einem strengen Blick . „ Ihr habt Euch und mich heute mit Schande bedeckt , und ich sehe ein , daß Alles verloren ist , was ich in dieser Hinsicht zu Euch und Euren Eltern gesprochen habe . Ich gebe es auf , gegen Euren Aberglauben und Haß zu kämpfen , dazu bin ich ein zu schwacher , alter Mann . Ich rufe Euch nur noch einmal zu : Richtet nicht — auf daß Ihr nicht gerichtet werdet ! Euern Eltern aber könnt Ihr sagen , daß , wenn , ich über kurz oder lang aus Eurer Mitte scheide , der heutige Vorfall mir das Scheiden recht erleichtern wird ! “ Die Kinder schwiegen sehr betroffen , denn so un ­ zufrieden hatten sie ihren Lehrer noch nie gesehen . Sie senkten ihre Köpfe tief über ihre Bücher und Hefte und wagten fast nicht mehr zu atmen , noch weniger ein Wort der Entschuldigung hervorzu ­ bringen . Der Unterricht nahm diesmal stiller als je seinen Verlauf , und als es zwei Uhr schlug , war es , als gingen die Kinder aus einem Trauerhaus , um eine Leiche zu geleiten , so trübselig und bedrückt schlichen sie sich davon . Kaum aber lag das Schulhaus hinter ihnen , da fiel der Bann von ihnen ab und nun ging es über das arme Käthchen her . „ Pfui , Käthchen , hast Dich von der Hartwich küssen lassen ! Jetzt mag Dich Niemand mehr ! “ „ Etsch , etsch — Käthchen hat einen schwarzen Mund , weil es die Hartwich geküßt hat ! “ „ Brr , Brr — Käthchen , Dir gibt Keiner mehr einen Kuß ! “ — „ Na warte nur , was die Hartwich Dir angehext haben wird ! Morgen werden wir ’ s sehen ! “ Solcher Redensarten mußte das arme Käthchen eine Flut über sich ergehen lassen . Es machte sich aber nicht viel daraus , denn ihm war die Zufrieden ­ heit des Lehrers das Höchste und es war stolz auf seinen Mut , daß es nicht gefürchtet habe , was alle Andern scheuten . „ Wenn Ihr so garstig seid , gebe ich Euch auch die Heidelbeeren nicht , die ich Euch mitgebracht “ , drohte es und schlenkerte seine große Mappe sorglos hin und her . Dieser Trumpf verfehlte seine Wirkung nicht , denn die Heidelbeeren konnte man immerhin annehmen , die hatte ja die Hartwich nicht berührt und so genoß die Kleine die Genugtuung , den ganzen Schwarm wieder rasch um sich versammelt zu sehen . — Als Leonhardt bei seiner Frau eintrat , fand er sie mit Ernestinen im freundlichsten Gespräch . „ Mein liebes , gnädiges Fräulein “ , begann er , „ wie sehr schmerzt es mich , daß Sie , die gekommen , um mir wohlzutun , in meinem Hause so beleidigt wurden . Es sind freilich nur Kinder , die Sie eigent ­ lich nicht beleidigen können , aber — “ „ Wie die Alten , so die Jungen , heißt es da “ — unterbrach ihn Ernestine , „ das wollten Sie sagen oder dachten es wenigstens . Nun beruhigen Sie sich , Herr Leonhardt . Ich bin daran gewöhnt , angefeindet oder verlacht zu werden , und dagegen abgestumpft . Seltsam nur ist es , daß ich gerade heute vor zwölf Jahren als Kind einen ähnlichen Vorfall erlebte und zwar in der ersten und einzigen Gesellschaft , die ich je besucht . Von da her schreibt sich meine , wie ich eben wieder sah , berechtigte Menschenscheu . Ich passe nicht unter Menschen und am wenigsten unter das , was man hier zu Lande so nennt ! Sagen Sie , Herr Leonhardt , war es Ihnen denn gar nicht mög ­ lich , dieses Volk etwas aufzuklären ? “ „ Offen gestanden — ich glaube , es wäre mir möglich gewesen , wenn mein Einfluß nicht immer wie ­ der von den Herren Pfarrern aufgehoben worden wäre . Ich vermochte nicht als Lehrer , der neben dem Geist ­ lichen ohnehin der Untergeordnete ist , — dem Aber ­ glauben , der religiösen Unduldsamkeit , worin sie die Bauern bestärkten , das Gleichgewicht zu halten , denn den Bauern ist immer Der die höchste Autorität , dessen Gelehrsamkeit ihre Irrtümer unangefochten läßt . Ein Quacksalber , dessen Heilmethode sich auf Altweibermittel stützt , wird mehr Zutrauen bei ihnen finden , als ein rechter Arzt , dessen Verfahren all ihren diätetischen und medizinischen Vorurteilen widerspricht . Ein Geistlicher , der ihrem Aberglauben , ihren Gehässig ­ keiten noch von religiöser Seite Nahrung und Berech ­ tigung gibt , wird ihnen ein würdigerer , zuverlässigerer Seelsorger sein , als einer , der das Wort Gottes rein und echt lehrt ! So kämpfte ich stets mit ungleichen Waffen