Du wohl ? – fand das Stück aus dem Kollier , gewiß , aber noch etwas – fand ein Stück Papier mit meinen Schriftzügen . Einen Brief an Dich ! – Meine Finger zitterten heftig , als ich das Papier glättete und las . Gretchen , es war der Brief an Dich , auf dessen Antwort ich so vergeblich gewartet hatte – damals kurz vor unserem Bruch . Das Ausbleiben der Antwort hatte mich in jenem Verdacht bestärkt , daß Dein Herz nicht mehr mir gehöre ! – Wie soll ich Dir sagen , was ich empfand , als ich diese Entdeckung machte ! Eine ohnmächtige Wut ergriff mich . Ich habe an jenem Abend heiße Tränen in meinem einsamen Zimmer vergossen über meine Irrtümer , mein verfehltes Leben . Immer und immer wiederholte ich mir den letzten Satz aus Deinem früheren Briefe : » Wilhelm , wenn man Dir je etwas Böses sagen sollte über mich , so wirst Du es nicht glauben . Denn Du weißt ja , daß kein Mensch auf der Welt Dich so treu liebt wie Deine Grete . Ich wäre das elendeste Geschöpf , wenn Du mich einmal weniger lieben könntest als jetzt – aber das ist ja auch unmöglich ! « – An diese einfachen Worte dachte ich immerfort . Dann schwebte mir Dein blasses Gesicht vor mit den traurigen Augen , die mich so fragend , so vorwurfsvoll anblickten . Ein Glück , ein großes Glück , daß sie nicht zu Hause war , die mich um das Teuerste auf Erden betrogen hatte . Gretchen , wie hat sie es nur angefangen , diesen Brief in ihre Hände zu bekommen ? Oh , wieviel Elend hätte es Dir und mir erspart , wäre er richtig bestellt worden ! Und doch , ich konnte ihr nicht allein die Schuld beimessen . Warum war ich so schwach , warum ließ ich mich durch ihre kokette Schönheit blenden ? Ach , ich schäme mich noch , Gretchen , vergib mir ganz , ich habe wirklich schwer gebüßt . Doch weiter . Ruth kehrte zurück , unfügsamer als je , nachlässiger gegen das Kind und mich als früher . Die ganze Reife war überhaupt nur ein Vorwand gewesen . Ich sah aus ihrem Benehmen , wie sehr sie sich danach sehnte , die lästige Fessel abzustreifen . Ihre schönen Augen suchten unablässig nach irgendeinem Vorwande dazu . Wie ein Raubtier erschien sie mir , das jeden Moment zum Sprunge bereit ist . Eines Tages nun kam die erwünschte Gelegenheit . Ruth hatte die Einladung zu einem Diner auf dem Lande angenommen , ich aber abgelehnt . Mir ekelte vor diesem Komödienspiel , ich konnte mich nicht als den glücklichen Ehemann aufspielen , der ich ganz und gar nicht war . Ich saß an meinem Arbeitstisch und schrieb irgend etwas Dienstliches oder an Bergen , ich weiß es nicht mehr . Dann flogen meine Gedanken wieder dahin , wo sie jetzt so oft weilten – zu Dir . Ich nahm Dein Bild aus meiner Brieftasche , zog Deine Briefe aus dem Geheimfache des Schreibtisches und versenkte mich mit ganzer Seele in jene wundervolle Zeit , da sie geschrieben worden waren . Ich hatte alles um mich vergessen , als mich die Stimme des Kleinen , der laut und ängstlich schrie , aufschreckte . Ich eilte durch die Zimmer nach der Kinderstube . Es war nur ein blinder Lärm gewesen , der kleine Bursche saß schon wieder lachend auf dem Schoß der Wärterin . An Deine Briefe denkend , schritt ich rasch zurück und gewahrte , als ich in mein Zimmer trat , die Schleppe von Ruths blaßgelbem seidenen Kleide , die eben hinter der dunklen Portiere verschwand . Sofort eilte ich ihr nach und fragte , ob sie mich zu sprechen wünschte . Sie stand im anstoßenden Zimmer in grande toilette . Sie hatte die kleinen Fäustchen geballt und die dunklen Augen waren mit unbeschreiblicher Wut und Verachtung auf mich gerichtet . Sie fing an , ihre Rolle zu spielen , und fürwahr , sie war eine so routinierte Schauspielerin , daß ich mich im ersten Moment täuschen ließ . » Rühr mich nicht an ! « rief sie mir entgegen , » was willst du von mir ? Ich verlange nicht nach dir . « Und mit rauschender Schleppe verließ sie den Salon , wo ich , nicht wissend , was dies bedeuten sollte , zurückblieb . Bald hörte ich sie fortfahren , und erst am anderen Tage sah ich sie in der Kinderstube wieder . Ich hatte den ganzen Morgen Dienst gehabt und sehnte mich nun , in das Gesicht des kleinen , ahnungslosen Buben zu blicken . Mein Gruß blieb unerwidert . Nach einer Weile sagte sie mir , sie habe mit mir zu sprechen , ob ich zu ihr kommen wolle . Ich ging nach einer Stunde in ihr Boudoir . Sie stand am Fenster und zerriß die Spitzen ihres feinen Taschentuches . » Ich habe es nun satt , dieses Leben an deiner Seite « , leitete sie brüsk unser Gespräch ein . » Ich kann es nicht mehr ertragen , mich getäuscht und betrogen zu sehen . Bisher habe ich immer noch geglaubt , daß ich mich vielleicht irrte . Aber seit kurzer Zeit weiß ich bestimmt , daß man mich hintergeht . Ich will zu meinen Eltern fahren und bitte dich , mich zu begleiten . Ich muß Entscheidung haben , noch heute – auf der Stelle , oder ich werde verrückt . « » Sehr gern « , sagte ich , » obgleich ich vorläufig noch keine Ahnung davon habe , was du mit dieser Rede meinst . Ich glaube aber selbst , daß es gut ist , wenn wir die Entscheidung herbeiführen – ich werde das Anspannen bestellen . « Ich ging , mir den Kopf zerbrechend , was sie mit diesem » getäuscht und betrogen werden « gemeint habe . Dann saßen wir stumm nebeneinander im Wagen