jetzt in ein neues Stadium , in das der Bitterkeit , geraten . „ Wär ’ ich nur gleich gestorben , “ klagte sie wieder und wieder , „ läg ’ ich auch nur gleich da drunten , dann hätten meine Kinder doch die große Last nicht , die so ein armes , verlassenes , altes Tier verursacht wie ich es bin ! “ Der Lieutenant , der etwas von ihrem Temperament besaß , legte das Wochenblättchen hin , in dem er gelesen , und nervös mit dem Finger seinen Halskragen lockernd , sagte er . „ Von uns hat sich noch keiner beklagt , Mutter , noch keiner gesagt , daß du eine Last bist . „ Du mußt in deinem Schmerz auch nicht ungerecht werden . “ Es war so in der Dämmerung zwischen vier und sechs Uhr , eine Lampe brannte noch nicht , draußen stöberte der Schnee . „ Hat einer von euch gefragt , Mutter , wo wirst du dein Haupt hinlegen ? antwortete sie grollend aus ihrem Lehnstuhl am Ofen . Keiner hat das gethan . Ihr lebt hier so hin , als wäre gar nichts passiert . “ „ Wenn wir das thaten , “ lautete die gereizte Antwort , „ so geschah es überhaupt nur aus Zartgefühl – wir ehrten deine Trauer . Da du nun aber von selbst darauf zu sprechen kommst , Mama , so können wir das Thema gleich erörtern . Wo ist denn Aenne ? “ „ Oben ! “ antwortete Tante Emilie , „ sie schläft ein bißchen , laßt sie doch ! “ Aber in diesem Augenblicke klinkte die Stubenthür und die schlanke dunkle Gestalt des jungen Mädchens glitt wie ein Schatten in das Zimmer . „ Na , da bist du.ja ! “ sagte der Lieutenant , „ wir wollten dich eben rufen ; man muß doch ’ mal darüber reden , was nun werden soll . “ „ Ist Mutter hier ? “ fragte sie , „ in der Dunkelheit kann ich gar nichts sehen . “ „ Wo soll ich denn anders sein ? “ stöhnte die alte Frau aus ihrer Ecke heraus . „ Setze dich nur , Aenne , “ eröffnete der Lieutenant die Unterredung , „ wir brauchen kein Licht . Es ist eben von Mutter die Frage aufgeworfen worden , was nun werden soll mit euch . In diesem Hause werdet ihr ja leider nicht bleiben können , aber in der Nähe , dächte ich , müßte es doch Wohnungen geben ? “ Die Witwe begann bitterlich zu schluchzen . „ Weine doch nicht , Muttel “ , tröstete Aenne . „ Ein Vierteljahr bleibst du jedenfalls noch hier wohnen , und nachher kommst du selbstverständlich zu mir . “ „ Das heißt – du kommst zu Mutter , “ erklärte der Referendar , der bis jetzt geschwiegen hatte . Aenne antwortete nicht . „ Oder willst du etwa , daß sich Mutter noch auf ihre alten Tage an eine Großstadt und eine vier Treppen hoch gelegene Wohnung gewöhnen soll ? “ „ Dann nur lieber gleich tot ! “ erklärte Frau Rat . „ Ach , hätte der Vater mich doch mitgenommen ! “ „ Aber , Mutter “ , bat Aenne , „ werde doch nur erst ruhiger , es ist ja doch heute noch nicht nötig , einen Beschluß zu fassen ! “ „ Ja , ja , ich habe alles vorher gewußt ! Selbst die einzige Tochter ! “ rief sie laut weinend . „ Mutter , “ sagte jetzt das Mädchen mit fester Stimme , „ wenn ich nun verheiratet wäre , würdest du dann auch verlangen , ich sollte hierher nach Breitenfels kommen ? Nicht wahr – dann kämest du doch zu mir , ganz selbstverständlich zu mir . “ [ 266 ] Die alte Frau hörte einen Augenblick zu weinen auf . „ Du bist aber doch noch nicht verheiratet ! “ warf sie ein wie ein eigensinniges Kind . „ Aber ich habe meinen Beruf , Mutter , einen Beruf , dem ich Jahre meines Lebens opferte , der mich ernährt und beglückt , an den ich gebunden bin wie an einen Mann . „ Ach so – das geht natürlich vor ! “ klang es bitter . „ Aber würdest du denn von Robert oder Walter verlangen , daß sie ihren Beruf aufgeben und hier bei dir bleiben ? “ „ Blech ! “ scholl die Stimme des Referendars aus dem Winkel . Der Lieutenant räusperte sich . „ So bist du also auch eine von den Frauenrechtlerinnen geworden , die unser Familienleben verderben ? “ sagte er gereizt . „ Der Beruf der Frau liegt innerhalb der Familie – die Tochter gehört zur Mutter ! “ „ Habe ich das bestritten ? fragte Aenne . „ Bis zu meinem letzten Hauch werde ich ihr gehören , ich kenne keine heiligere Pflicht . Und in dem letzten Brief , den der Vater an mich schrieb , vielleicht unter der Ahnung seines Todes , da steht : ’ Nicht wahr , Aenne , du bleibst mit Mutter zusammen ? ’ Er hätte die Mahnung nicht nötig gehabt , auch ohne sie würde meine Kindesliebe wissen , was sie zu thun hat . Aber ich meine doch , daß diejenige von uns , die nur noch ausruht vom Leben , der andern , die mitten darin steht , wirkt und schafft , die da kämpft um ihre Existenz , sich fügen würde . „ Na also , geh ’ doch nur , “ lamentierte die alte Frau , „ kannst ja gleich gehen , ich habe es dir sofort angemerkt , daß dir der Boden hier unter den Füßen brennt . “ „ Lieber Gott , ich kann doch nichts dafür , daß der Vater uns keine Reichtümer hinterlassen hat , “ sagte das Mädchen . „ Ja , wenn ich recht reich hinterblieben wäre , dann würdest du wohl stillsitzen bei