. Dann hob sie die Achseln , spreizte die Finger mit dem Ausdruck von Hilflosigkeit und wiederholte nachdrücklich : » Weggetragen - alles ... « Schwer und bang waren besonders die Nächte . Der Kranke kam fast nicht mehr zu Ruhe . Unablässig verlangte er seine Lage zu verändern , mußte immer wieder vom Bett in den Lehnstuhl und von da wieder zurück getragen werden . Die Tochter stand am Fußende des Bettes . Ab und zu sah er sie mit starren , umflorten Augen an und sagte dann erkennend : » Mei Kind ... « Im übrigen fragte er nach nichts , was ihn sonst interessiert hatte . Mit keinem Wort fragte er nach dem Leben der Kinder , während der letzten Zeit . So ist es , wenn es zur letzten , dunklen Reise geht , dachte Olga , - da hat kein anderer Gedanke mehr Platz . Der alte Mann starb schwer . Angstvoll wehrte er sich gegen den Tod . In den letzten Nächten stieß er immer wieder einen Klagelaut hervor » o je , o je « - dessen dumpfe Monotonie Olga mit Grauen erfüllte . Einmal erfaßte er ihre Hand und sagte : » Verzeih ' mir . « Es überlief sie kalt ; was hatte sie ihm denn zu verzeihen ? Sie küßte die fahle Stirn , auf der die Schweißtropfen perlten und deren eisige Kälte sie mit ihren Lippen fühlte . » O je , o je ! « sagte der Kranke . Es war keine Auflehnung mehr in diesem Klagelaut ; er klang so abgewandt von allem , so wissend hoffnungslos , so sterbensbang ... Als der Morgen dieses Tages graute , floh sie aus dem Krankenzimmer . Sie lief durch das Städtchen , bis hinaus auf die öde Heide und dann im selben Tempo wieder zurück . An diesem Morgen kam Stanislaus an . Der Vater erkannte ihn nicht mehr . Er lebte noch einen Tag und noch einen Teil der Nacht . Die Kinder wichen nicht von seinem Lager . Um jene Stunde , da Tag und Nacht miteinander ringen , führte seine Seele den letzten Kampf . Im Morgengrauen sahen sie , daß eine völlige Veränderung der Gesichtszüge des Kranken eintrat . Die Augen schienen aus ihren Höhlen zu quellen , der Unterkiefer sank herab , das Atmen wurde röchelnd , es klang , als ob zwischen zwei Mühlsteinen etwas Sprödes zermahlen würde . Der übermüdete Wärter lag und schlief , die alte Salke saß zusammengebrochen in einer Ecke , und die Tränen strömten endlos aus ihren halbblinden Augen . Endlich stieß der Kranke einen tiefen Seufzer aus , hob noch einmal mit letzter , krampfhafter Anstrengung den Unterkiefer , formte die Lippen , über die ein letzter Laut kam , - ein hohles O , und der Ansatz des Wortes » je « - dann streckten sich seine Glieder , der Atem wurde schwächer , die Augen drehten sich in den Höhlen , - der Kiefer fiel herab . Aus dem unerwartet schneidenden Weh , das durch das Sterben des Vaters über die Geschwister gekommen war , rüttelte sie die Notwendigkeit , eine Menge von Entschließungen zu treffen . Sie verkauften den ganzen Besitz dem Prokuristen , der das Geschäft in letzter Zeit allein geführt hatte . Von dem ehemals großen Vermögen war nur noch ein Rest vorhanden , der unbegreiflich gering schien . Stanislaus versuchte es , aus den Büchern über das Zusammenschmelzen des Vermögens Aufschluß zu erlangen , aber , was in den Büchern stand , das stimmte . Er begriff , daß der Verlust in jenen Posten steckte , die hinter den Büchern geblieben waren . Diese Unterschlagungen waren in so vorsichtigen Tritten ausgeführt , daß sie keine Spuren hinterließen , auf denen man ihnen hätte nachgehen können . Und auch von diesem Vermögensrest , der als Buchwert vorhanden war , mußten sie sich , beim Verkauf , noch große Abzüge gefallen lassen . Der Vater hatte ein Testament hinterlassen , des Inhalts , daß bei der Realisierung des Vermögens Olga bis zur Höhe ihrer Versicherungssumme die Erbin sei . Der Rest sollte zwischen ihr und dem Bruder geteilt werden . Diese Summe kam immerhin bei der Erbschaft heraus . Was darüber hinaus jedem als Anteil zufiel , war nicht viel mehr , als Stanislaus für sein Buch eingenommen hatte ; und so sah er , daß er mit seiner Arbeit doch auf einem festeren Grunde stand , als mit der ehemals ausgesprochenen Absicht - zu erben . Nachdem die peinlichen Verhandlungen des Geschäfts- und Hausverkaufes überstanden waren und hier alles aufgelöst war , was sie jemals mit diesem Städtchen verband , nachdem sie auch noch die alte Salke bei einer ihrer Nichten untergebracht und ihr für den Rest ihres Lebens eine bescheidene Leibrente gesichert hatten , zogen sie wieder fort , - und die letzte Spur des Nestes , dem sie entstammten , war nun für sie verweht . Olga fuhr nach Berlin zurück . Stanislaus beschloß , eine Reise durch Deutschland zu machen , um in verschiedenen größeren Städten , wie auch auf dem flachen Lande , statistisches Material über die Lebens-und Sterbeverhältnisse der unehelichen Kinder zu sammeln und besonders unter den verschiedenen Gruppen der Unehelichen zu unterscheiden . Vor allem war es die soziale Gruppe der Stiefvaterfamilie , deren Struktur er untersuchen wollte . Viel Arbeit erwartete sie in Berlin . Ruhiger , sicherer , stärker als früher , nahm sie sie auf . Sie wußte nun , daß sie hier zuhause war . Zum erstenmal hatte sie das Gefühl einer klaren Lebenslage . Bald nach ihrer Rückkehr erhielt sie einen unerwarteten Besuch . Koszinsky und Erika standen zusammen an ihrer Tür , und sie hörte , was sich zwischen ihnen begeben hatte . Sie sah in Erikas freudestrahlende Augen - und erkannte , daß das Wunderbare dicht neben der Finsternis seinen Platz hat . Seit jener Nacht , da Erika in dem schwarzen Wasser des Landwehrkanals den Tod gesucht und