Lage und freute sich nur , daß er ihr manches mitteilen konnte ; aber einmal , bei einem recht gleichgültigen Gespräch sprach sie mit ihrer Stimme , die jetzt müde war , von Zwecklosigkeit . Da tat er einen erschreckten Blick in die dunkle Tiefe ihres Überdrusses und ihrer unerklärten Verzweiflung , und für sich selbst wußte er plötzlich , daß er an demselben Überdruß litt . Und wie er sich nun so umsah nach andern , da fand er , daß ihr Bruder ein glücklicher Mensch war . Den hatte er früher immer verachtet , weil er gar keinen Sinn besaß für die Dinge , die Hans und den andern wichtig erschienen , sondern er verharrte nur immer mit unverdrossenem Eifer bei seiner kleinen Gelehrsamkeit . Eben trat er ins Zimmer , als Luise jene Worte gesagt ; der Vater hatte ihm zum Geburtstag eine Geldsumme geschenkt , und er hatte sich dafür schmutzige Trümmer eines alten Buches gekauft , ohne Titel und ohne Schluß , das ein Stück eines im siebzehnten Jahrhundert in Venedig gedruckten arabischen Werkes war ; sein ganzes Gesicht strahlte von innerer Heiterkeit , liebkosend strich er über den zerfetzten Einband , und Hans wechselte einen schnellen Blick mit Luise , und beide dachten , sie möchten wohl gern solchen Glückes fähig sein , und verwunderten sich , weshalb sie das nicht konnten . Die Ehe von Karl und Johanna hatte sich immer grausiger entwickelt in Haß und Sehnen ; und er gewann bald das heimliche Gefühl des Sieges und wußte , daß er in Kürze frei sein mußte von seiner Kette , und sie war gänzlich ratlos und sah sich von Unverständlichem umgeben . Unmerklich hatte sich eine Wand erhoben zwischen ihnen , deren Wachsen hatte er gesehen und kannte ihre Fugen , sie aber war erstaunt über die neue Mauer , denn ganz plötzlich merkte sie von ihr , dann schlug sie zornig gegen die empfindungslosen Steine , und zuletzt sank sie in sich zurück . Er hatte schon lange geahnt , daß sie ihn nach einiger Zeit vor andern lächerlich machen werde , und nun hatte sie damit begonnen , indem sie über seine Tracht spottete , seine Gangart , seine Art zu sprechen . Und wiewohl sie wußte , daß er sehr litt und sich in ihm Bitterkeit häufte , so fuhr sie doch fort in dieser Weise ; aber der Grund war , daß sie die Mauer einreißen wollte , denn sie verspürte wohl , daß sie ihn gar nicht hatte , weil sie nichts von ihm wußte wegen dieser Mauer , und sie wollte ihn ja verzehren . Auch stellte sie in seiner Gegenwart Betrachtungen über seinen Charakter an . So fühlte er zuzeiten deutlich hinter diesen Roheiten ein Flehen zu ihm , eine Sehnsucht , und einen Willen , der ihn halten wollte ; das machte ihn glücklich durch befriedigte Rache . Ihr dunkler Trieb suchte weiter und äußerte sich in andrer Form , und dachte , daß Karl vielleicht nach irgend einer andern Seite eine starke Neigung hatte , die ihn unangreifbar machte ; deshalb suchte sie mit heftiger Eifersucht in allem , was ihn beschäftigte , und begann Bücher zu hassen , Bekannte zu verfolgen , gegen Gewohnheiten zu schelten , aber fand nichts , das ihr eine Erklärung gab . Da bezwang sie ihre Natur zu Freundlichkeit , zu Entgegenkommen , suchte ihn auf seinem Zimmer auf , indem sie eine andre Absicht vorschützte , und wollte ihn bewegen , zu ihr zu sprechen , ja , sie ging zu ihm , der gebückt über seinem Buche saß , und streichelte ihm die Stirn mit ihrer Hand , und ihre Hand war weich und kühl , und etwas Seltsames floß aus ihr . Aber sein Haß wurde so heftig , daß er sich nicht ruhig halten konnte , und er stand hastig auf und ging fort . Da setzte sie sich und weinte ; und wie er zurückkam und sie mit verweintem Gesicht in seiner Stube fand , mußte er sich zwingen , daß er sich nicht auf sie stürzte , um sie zu töten . So war die Vorbereitung zum Ausbruch . Sie hatte eine große Gesellschaft ihrer Freunde , die ihm alle verhaßt waren , denn er sah in einem jeden von ihnen einen Teil ihres Wesens lebendig vor sich . An jenem Tage erschienen ihm alle Gesichter unnatürlich verzerrt , und wie sie um den runden Tisch sich drängten und verwirrt durcheinander sprachen , da saß er für sich und war zusammengesunken und vergrübelt . So hörte er wie durch einen Schleier eine Weile einzelne Worte aus dem allgemeinen Gespräch , die Johanna mit Krechting wechselte , und langsam wurde es ihm bewußt , daß sie sich auf ihn bezogen , und wie er aufblickte , nahm er einen Blick des Einverständnisses der beiden wahr , das auf seine Kosten ging . Da stand gerade vor ihm ein Tellerchen mit Backwerk , das nahm er und warf es Johanna ins Gesicht . Er warf mit Absicht so , daß es ihr Gesicht flach traf , nicht mit der Kante , damit sie nicht verletzt wurde . Während er das tat , war es ihm , als ob nicht er es sei , der das tue , sondern ein andrer , der ihn gar nichts anging , denn er war ganz ruhig , äußerlich wie innerlich , und wunderte sich , wie er den Teller vor ihrem Gesicht sah . In dem Augenblick , wo er zielte , waren alle stumm geworden und hatten erstarrt auf ihn geblickt . Das Tellerchen traf , und das Backwerk fiel wohl vor ihm auf die Erde , aber das Tellerchen traf sie mitten ins Gesicht . Sie fing es im Herabfallen auf und hielt es in der Hand , ohne Gedanken , indes sie ihn mit großen und erstarrten Augen ansah ; mit einem Male schrie sie laut auf und warf es auf den Boden ,