, verlangt persönliche Besprechung . Leider , leider kann ich zu Ihnen nicht kommen , das ist mir nicht vergönnt . Werden Sie die Güte haben und zu mir kommen ? Ich bitte Sie darum im Namen der Menschlichkeit , der Sie dienen , im Namen der unschuldig gekränkten Kindlein , deren Recht Sie verkündigen . Nur Sie können helfen , nur auf Sie hab ich meine Hoffnung gesetzt . Es wird Ihnen Zeit kosten , aber da Sie retten sollen , wird es Ihnen um die Zeit nicht leid sein , wie ich Sie kenne . Unser Dorf liegt vier Stationen von Zürich weg , kommen Sie , wann Sie können , ohne Anmeldung . Fragen Sie nur nicht nach im Dorfe - ich lege Ihnen eine Skizze des Weges bei , den Sie gehen müssen , um mein Haus zu finden . Von der Kirche zum Brunnen links , dann über die Brücke , an der die große Linde steht . Von da ist ' s nimmer weit , die Kiesgrube bleibt rechts , hinter unseren Häusern beginnen gleich wieder die Felder . Ich erwarte Sie mit Sehnsucht und grüße Sie in Verehrung . Ihr Rudolf Fischer . Josefine hatte schon öfter Briefe ähnlichen Inhalts empfangen , sie kamen von jenen unbekannten Freunden , die sie in ihren Vorträgen anrief , die sie überall in der Welt verstreut wußte , und deren Dasein ihr Herz gewärmt und erhoben hatte bis zu diesem letzten , schweren Erlebnis . In den Tagen dieses Kummers , in den Wochen dieser Niederlage , in den Monaten dieser Verzweiflung hatte sie die unbekannten Freunde vergessen . Und nun meldeten sie sich wieder , meldeten sich durch diesen Brief des Vertrauens und der Sympathie , riefen sie zu Hilfe , wandten sich an ihre Kraft . Wer ist Rudolf Fischer ? Warum kann nicht er kommen ? Was verlangt er von mir ? Wie ist es möglich , daß er an mich glaubt , an mich , die ich selbst nicht mehr an mich glaube ? Der warm innige Ton des fremden Briefes war wie ein Duft auf ihren Wegen . Die Veilchen kommen wieder , und es wird nun Frühling , und ich - ja , ich fühle , daß die Sonne wärmt , auch mich wärmt , und ich bin nicht mehr schwach , ich werde niemand enttäuschen , der mich für stark hält - ich werde sogleich - sogleich heute - heute ist Sonntag , und ich bin frei - sogleich fahr ich zu diesem Rudolf Fischer im Dorfe Glatt ! Dies ist eine dringliche Sache ! Sie rief Rösli und fragte sie , ob sie mit ins Dorf fahren wolle . Das Mädchen zauderte . » Ins Dorf möcht ich schon , aber zu den Kranken nicht . « » Dies ist kein Kranker , Mädchen - dies ist ein kräftiger Mensch , der um andere sorgt . « Rösli drehte sich hin und her . » Wenn er nicht krank wäre , gingest du nicht , Mama - du gehst ja nur immer zu Kranken . « » Aber ich sage dir - und - übrigens - ist es dir denn so unangenehm , zu Kranken - « Die Kleine nickte kummervoll ; ihr zartes Gesicht drückte heftigen Ekel aus . » Ich kann es nicht , Mama - laß mich zu Hause , sie sind so häßlich anzusehen , und « - aus den glanzlosen , dunklen Augen kam ein Anklageblick , zornig und düster - » du gehst ja nur immer zu ihnen , sogar am Sonntag . « Josefine wandte sich ab . » So bleib , « sagte sie herb , » es wird einmal niemand glauben , daß du mein Kind bist . Häßlich und langweilig - andere Worte hört man nicht von dir ! Schäme dich ! « Rösli nickte , blutrot im Gesicht , dann tropften Tränen herunter auf die zusammengepreßten Hände . » Immer sagst du das ! Immer ! Immer ! « Josefine wurde ungeduldig . » Ach , das Gewinsel ! Mach dich fertig und komm ! Zu Mittag sind wir zurück , aber Papa und Hermann sollen voraus essen , auf alle Fälle . « Rösli wollte nicht , nun erst recht nicht ... » Heut nachmittag ist doch die Vorstellung , Mama ! Ich will lieber ins Theater . Ich freue mich so auf die Versunkene Glocke . Es kommen Elfen drin vor und Waldgeister . Gehst du nun nicht mit hin ? « » Weiß nicht , ob ich zurück bin - die Versunkene Glocke kann man noch immer sehen , Kind . « Ein Wehlaut schrillte . Rösli weinte laut . Plötzlich schrie sie ganz außer sich : » Ich hasse die Kranken ! Oh , wie haß ich sie ! « Sie stampfte mit den Füßen , wie sie als eigensinniges Kind zu tun pflegte , schüttelte ihre Locken , lief endlich hinaus . Nicht einmal Adieu hatte sie gesagt . Josefine fuhr . Aber sie war tief niedergeschlagen , und zuweilen vergaß sie ganz , wohin sie fuhr . Sie sind mir entglitten , alle miteinander . Nina , meine kleine Knospe , die dort oben liegt unter den Gletschern von Camischolas , Hermann , der dort unten kriecht im Sumpf der gemeinsten Niedrigkeit seinen widrigen Genüssen nach - und mein Rösli - mein Rösli ein Nichts , eine kleine , enge , hirnlose , eifersüchtige Taube ! Was wird ihr Schicksal sein ? Der Zug rollte langsam durch eine hellbesonnte Hügellandschaft . Zwischen den blauenden Wäldern dehnten sich ebene , weiße Streifen , die Täler im leichten Schneeüberzug , der vor der Sonne zerfloß . Hier und da lag schon eine Matte schneefrei im gelblichen Sammetgrün des Frühlings . Buchen und Eichen glitten nahe am Wege vorüber , rostrot und blank im Schmuck der vorjährigen Blätter . Ein kleiner Birkenwald , durch den sie fuhren , stand noch blattlos , aber sonnig