Garten , ist für empfindliche Leute zum Bewohnen nicht recht ratsam ; der Straßenlärm , die feuchte Nachtluft von der Isar herüber , die Nähe des Grundwassers , die Ausdünstung der verschiedenen Kanäle und so weiter - nein , nein , Herr Raßler konnte sich nicht entschließen , da unten zu hausen . Außer zwei eleganten Gesellschaftsräumen , die mit exotischen Gewächsen vollgestellt waren und als eine Art Treibhaus und Anhängsel des Gartens gelten konnten , enthielt das Hochparterre noch die Küche mit den notwendigen Nebengemächern und die Zimmer für das Dienstpersonal nach der Hofseite . Außer dem ersten Stock auch noch den zweiten zu bewohnen , das erlauben die schlechten Zeiten nicht einmal einem Kommerzienrat . Man hat ja ohnedies noch das teure Landhaus am Starnberger See auf dem Hals . Und den zweiten Stock würde Herr Raßler , der trotz aller , wenn auch nur schüchternen , Versuche mit der Schweningerei immer noch seine wohlgewogenen hundertzehn Kilo wiegt , schon aus dem einfachen Grunde nicht bewohnen , weil er das Treppensteigen als eine der häßlichsten Einrichtungen des Lebens empfindet . Jawohl , eine Aufzugsmaschine ! Aber wie viele Unglücksfälle sind schon passiert durch das Zerreißen einer Kette , Brechen des Fahrstuhls und hundert andere Fährlichkeiten , welche das teure Leben bedrohen . Zudem ist auch das Treppenhaus so verbaut , daß sich die nachträgliche Einrichtung einer Aufzugsmaschine nur mit den größten Kosten bewerkstelligen ließe . Ganz abgesehen von dem riesigen Entgang an Mietzins , den die englische Familie bezahlt , die seit sechs Jahren den zweiten Stock inne hat . Eine Familie von verrückten Kunst- und Naturschwärmern , die sich alle drei Jahre die unverschämteste Preissteigerung gefallen läßt , nur um die herrlich gelegene Wohnung an der wildbrausenden Isar mit dem Ausblick auf das bayerische Hochgebirge , besonders den mächtigen Alpenstock des Wettersteingebirgs mit der Zugspitze , zu behaupten , obwohl vom Balkon aus nur noch ein hausgroßes Stück davon über dem Isarthal zu erblicken ist , seit die Neubauten der Großbräuer auf dem Auer und Giesinger Höhenzug entstanden sind und die Rundsicht auf die Alpen bis auf einen schmalen Streifen zugedeckt haben . Aber das genügt den Engländern im zweiten Stock : allmorgendlich und allabendlich tummeln sie sich auf dem Balkon , bewaffnen sich mit ellenlangen Fernröhren , strecken die Hälse , begucken sich die schimmernden Alpenspitzen und debattieren ihre Wetterprognose . Die mächtigste Anziehung nächst dem Blick auf die Alpenwelt jedoch übt auf die englische Familie die Isar selbst : auf die weiblichen Mitglieder besonders zur Floßzeit , wenn die wetterharten Holzknechte von Tölz und Lenggries mit den blauen Falkenaugen , den kühnen Hackennasen , den starren blonden Schnauzbärten und dem gemsbart- und auerhahnfedergeschmückten Filzhut , das Hemd auf der Brust offen , daß die braune Haut mit dichten Haarbüscheln heraussieht , - ihre Flöße dahertreiben und auf dem Floßkanal , hart am Wehr vor dem Raßlerschen Hause , verankern . Da jauchzt das Herz der Lady Mary Vivian und ihrer Kousinen Misses Wood , wenn die Bursche bei der harten Arbeit mit den blinkenden Holzäxten auf die Tannenstämme einhauen und dabei die derben Wilderer-Waden das Leder der hohen Wasserstiefel durch die Wucht der gespannten Muskulatur zu zersprengen drohen . Und die Rufe und Gegenrufe , die wie wilder Vogelschrei klingen in dem urbajuwarischen Gebirglerdialekt - welch ein erregender , erfrischender Tonwechsel in diesen Naturlauten , wenn die englischen Ohren und Herzen sich den Winter über in den süß berückenden Weisen von Chopin , Wagner , Liszt halb zu tot geschwelgt ! Für die männlichen Mitglieder des Wood-Astonschen Familien-Komplexes liegt der Hauptzauber der wilden Isar in etwas ganz anderem : nämlich in den nicht eben seltenen Szenen der Mordromantik , die sich gerade an dieser Uferstelle am eindrucksvollsten abspielen . Der erste Blick vom Balkon gilt in der Frühe dem großen Wehr am sogenannten Abrecher oberhalb der Maximiliansbrücke : ob hier nicht der Kadaver irgend eines Ertrunkenen im smaragdgrünen Kanalwasser sich bläht und schaukelt . Da gibt es dann Volksauflauf , Gendarmen-Intervention , Rettungsversuche , Polizei-Inspektion ; der Kadaver wird mit mehr oder weniger Anstrengung und Lärm herausgefischt , am Ufer niedergelegt , untersucht , dann von schwarzuniformierten Männern auf eine Tragbahre geladen , mit einem braunen Wachstuch zugedeckt und davongeschleppt in die Morgue , gefolgt von einem Gendarmen . Lange bleibt der Volkshaufen noch stehen - die Dienstmädchen und die alten Weiber der Nachbarschaft fehlen niemals ; man beguckt die Stelle , bespricht mit einem großen Aufwand von Gesten den Fall und zerstreut sich dann allmählich , das Verdikt von Mord oder Selbstmord oder simplem Unglücksfall in die nächsten Gassen tragend . Welch ein labendes Schauspiel für Mister Harry Wood , dessen Stärke neben dem Dilettantismus in der Malerei gerade die Selbstmordstatistik bildet ! Er hat bereits ziffermäßig festgestellt , daß die Isar vor seiner Wohnung im Jahr durchschnittlich zehn Kadaver » produziert « , wovon drei männlichen und sieben weiblichen Geschlechts - die letzteren zu fünfzig Prozent dem jugendlichen Dienstmädchenalter angehörend . Er ist infolge seiner intensiven Beobachtungen und Berechnungen auch gar nicht der Ansicht der Münchener Polizeibehörde , daß die Mehrzahl dieser Ertrinkungsfälle auf Unvorsichtigkeit und ähnliche harmlose Ursachen zurückzuführen sei , sondern behauptet im Gegenteil , daß besonders bei den jugendlichen weiblichen Opfern auf Vergewaltigung aus Lustgier und Raubsucht und auf überlegten Mord geschlossen werden müsse . Seine englische Phantasie , genährt an den Brüsten der kriminalistischen Rothaut-Muse eines Poe und Bret Hart , malt ihm dabei mit lebhaftestem Eingehen auf alle nur denkbaren Nebenumstände die packendsten nächtlichen Schauderszenen an den Brücken , Stegen , Wehren , an den parkartig bewaldeten Stellen der Isarufer und auf den Isarinseln mit ihrer lauschigen Abgeschiedenheit in den grellsten Farben . Das gewährt ihm einen wahrhaft künstlerisch-wissenschaftlichen Genuß . Seine mächtig erregte Einbildungskraft spielt ihm manchmal auch die abenteuerlichsten Possen . Wenn er lange auf dem Balkon gestanden und in die rauschende Isar gestiert , einen Ertrunkenen zu entdecken , und die heiße Sonne der bajuwarischen Hochebene seinen britischen Insulaner-Schädel zum Krachen geheizt hat , dann