die Spur zu helfen . » Sehen Sie , Frau Schwäherin , « sagte sie mit ruhigem Ernste , soweit die innere Erregtheit es zuließ , » es ist sicher nicht alles , wie es sein sollte , da haben Sie recht ! Ich will Ihnen jetzt nur erzählen , daß wir vor nicht langer Zeit etwas Ähnliches an unsern Töchtern erlebten , wie Sie nun an Ihren Söhnen . Sie ließen sich gar nicht mehr bei uns sehen , wie wenn sie das Elternhaus geflissentlich fliehen würden , und als das uns endlich auffiel und wir uns deshalb die Köpfe zerbrachen , vernahmen wir von dritter oder vierter Hand , daß die Kinder auch unter sich jeden Verkehr verloren hätten und sich scheuten , zusammenzutreffen . Da haben wir uns auch auf den Weg gemacht , mein Mann und ich , aber wir sind gleich zu den Töchtern gegangen und haben sie zur Rede gestellt . « » Und nu ? Was war ' s ? « » Wir fanden beide allerdings zu Haus und in einer großen Traurigkeit , jede von ihnen hatte Heimweh nach den Eltern und nach der Schwester und getraute sich doch nicht , die zu sehen , die sie gern gesehen hätte . Wir brachten sie dann am gleichen Tage wieder zusammen , wie mit uns , und halfen ihnen über die Wunderlichkeit hinweg , so gut es ging . « » Aber was ist ' s denn gewesen ? Ging es meine Söhne an ? « fragte die ungeduldige Wäscherin . » Da Sie es wissen wollen , so muß ich es Ihnen sagen ; es dient vielleicht zum notdürftigen Ausgleich der Irrungen oder Mißverständnisse und zur allgemeinen Erkenntnis seiner selbst . Meine Töchter haben ihre Heirat bereut und sich deshalb voreinander geschämt , weil sie den vermeintlichen Irrtum gemeinschaftlich mit langer Beharrlichkeit begangen , und vor uns , weil wir die Heirat nicht gern gesehen haben ! « » So ? « sagte die arme Frau Weidelich mit gedehntem Laute , höchst betroffen und bleich geworden ; denn trotz ihrer anzüglichen Reden von vorhin traf sie die Eröffnung so unerwartet , wie ein Blitz aus blauem Himmel . Sie fühlte das schöne Lebensgebäude schwanken , das sie mit soviel Sorge und Kunst ihren Söhnen aufgerichtet . Der erste Gedanke war das große Erbgut , das viele Geld , und der zweite , daß nicht einmal Kinder da seien . Als sie sich vom Schrecken etwas erholt , fragte sie mehr kleinlaut als trotzig , was denn die Frauen groß Ursache hätten , die Heirat zu bereuen und mit so umständlichen Manieren . Ohne weiteres Besinnen erwiderte Frau Marie : » Ja , das ist eben das Verwunderliche , das sich mit der Zeit verlieren kann , weil es ertragen werden muß ; sie sagen von den jungen Herren , es sei nichts mit ihnen , sie haben keine Seelen ! « Mit rotem Kopfe , den sie so stark schüttelte , daß der Hut darauf mit allen Blumen und Bändern zitterte , der müden Beine vergessend , sprang die Frau Weidelich aus ihrem Sessel auf und rief tödlich beleidigt : » Keine Seelen ? Meine zwei Buben , die ich unter dem Herzen getragen ? Das ist eine niederträchtige Verleumdung ! Rund und nett hab ich sie zur Welt gebracht , wie zwei Forellen , von den Köpfchen bis zu den Füßchen kein Mängelchen , und jedem hab ich sein Seelchen mitgegeben von meiner eigenen unsterblichen Seele , soviel Platz finden kann in einem so kleinen Tümpelchen Blut , und es ist mit den Buben nachgehends gewachsen , wie sie selbst ! Wo sollt es denn hingekommen sein ? Würden sie Landschreiber geworden sein ? Keine Seelen ! Die verfluchten Gänse ! Die dürfen mir nicht so kommen ! Oh ! « Sie war so zornig , daß sie nicht weitersprechen konnte und sich niedersetzen mußte . Marie Salander bereute ihre Tat und suchte nach einem Essenzbesteck , da die Frau jetzt blaß war . Sie verweigerte aber die Tropfen und bat um einen Schluck Wein , wenn er da sei ; denn sie fühlte sich wirklich elend . Frau Salander ging schweigend nach dem Schranke , in welchem dergleichen Dinge für alle Fälle bereitstanden . Während der eingetretenen Stille hörte man schwere Tritte auf Treppe und Flur , und gleich darauf klopfte ein Mann mit harten Fingern an der Türe . Vom Schranke weg eilte jene hin , zu sehen , wer da sei ; denn wie erst bei dem ungeschickten Klopfen der Frau vermutete sie jetzt wieder , es poche jemand , der nicht ins Zimmer wolle . Allein es war der Vater Jakob Weidelich , der dastand mit verstörtem Angesicht und mit unsicherer Haltung hereinkam , als Marie Salander die Tür ganz aufmachte . In der Zerstreuung nahm er den Hut erst vom Kopfe , nachdem er wortlos sich auf den nächsten Stuhl gesetzt , wie ein erschöpfter Mann . » Verzeihen Sie , « sagte er endlich , sich zusammenraffend , » ich habe mit Herrn Salander reden wollen , ist er nicht zu Hause ? Aber da ist ja auch meine Frau ! Ich glaubte , du seiest in der Kirche ? « » Und du , Jakob ? Wie kommst du hierher ? « rief die Frau , die über seinen Anblick die eigene Beschwernis vergaß . Er hatte die gewohnten Sonntagskleider am Leibe , doch mit bewußtloser Hast umgeworfen . Die Weste war ungleich geknöpft , die Halsbinde fehlte , und in der Hand hielt er den abgeschossenen Werktagshut , um welchen statt des verlorenen Bandes sich eine Krone vom Arbeitsschweiße zog , der den Filz durchdrungen . Frau Salander sah dies alles auch und überdies , daß seine Hände leise zitterten . Bänglich erwartend , was noch kommen würde , hielt sie sich schweigend abseits und überließ dem Schwäherpaare das Reden . Frau Weidelich hatte sich auf die Beine gestellt und sich dem Manne