der Mutter bereiten würde . Gleichwohl wollte sein Gewissen nicht schweigen , und dieser Selbstvorwurf war die einzige , wahrhaft peinliche Empfindung , die ihn in diesen Tagen erfüllte . Hingegen dachte er an jenen fremden Mann im Ladungsschein kaum mehr , geschweige denn , daß ihn dieser Umstand mit Unruhe erfüllt hätte - das war irgend ein Versehen , das sich sicherlich harmlos genug erklärte - was konnte es auch anderes sein ? Höchstens , daß er sich , wenn es ihm beifiel , sagte : » Ich muß die Mutter bitten , daß sie es richtig stellen läßt . « Aber das hatte ja Zeit , ebenso Zeit wie zu erfahren , wie ihm Rabbi Manasse gesinnt war . Etwas anderes aber hätte er allerdings gern gewußt : ob die Mutter die Bücher in seiner Lade entdeckt . Aber zu fragen wäre ja Torheit gewesen ; es brachte sie vielleicht erst auf die Spur . Er mußte warten , bis er kräftig und schwindelfrei genug war , um die steile , hohe Leiter zu seiner Kammer emporzuklimmen . Endlich - es war in den ersten Tagen des Mai - fühlte er sich dazu im stande , schlich sich eines Morgens , während die Mutter am Schranken stand , in den Flur und begann die Sprossen emporzusteigen . Aber sie hatte ihn gewahrt und kam hastig nachgestürzt . » Komm herab ! « rief sie angstvoll . » Du fällst ja hinunter ! « » Aber wie denn ? « beruhigte er sie . » Ich bin ' s doch gewohnt . « » Ich fleh ' dich an ! « rief sie . » Hab ' ich nicht genug Angst um dich ausgestanden ? « Daraufhin gab er nach und stieg hinab . » Aber morgen mußt du ' s erlauben « , sagte er . » Darüber reden wir noch « , erwiderte sie , klagte dann aber dem Marschallik , als er zur gewohnten Stunde erschien , ihre Not . » Dann muß ich mit ihm reden « , sagte er . » Aber es wird ihn aufregen « , wandte sie angstvoll ein . » Wenn ich mit ihm red ' ? « rief er . » Gebt acht , dann dankt er uns noch dafür . Nun gebt mir auch noch Luisers Schein « , sagte er . Sie holte das Schriftstück aus einer Truhe , wo sie es sorglich , in ein Taschentuch eingeschlagen , aufbewahrt . Aber der Marschallik knüllte es zusammen und steckte es dann nachlässig gefaltet in die Brusttasche . » Was tut Ihr ? « rief sie erschreckt . » Vernünftiges , wie immer « , sagte er . Lächelnd trat er in die Wohnstube und setzte sich zu seinem Schützling . » Lieber Sender « , begann er , » bin ich eine Katz ' ? Nein . Bist du ein heißer Brei ? Nein . Haben wir einander lieb ? Ja . Also will ich vernünftig und gradaus mit dir reden . « Sender war rot geworden . » Ja « , sagte er , » es ist nötig , Reb Itzig . Redet ! « » Das ist aber nicht so nötig « , meinte der Marschallik , » als daß du antwortest ! Weil ich aber nicht dumm bin , so frag ' ich lieber gar nicht nach Sachen , über die du mir wahrscheinlich doch nicht antworten würdest . Also zum Beispiel , von wem du Deutsch lesen und schreiben gelernt hast ? « Er machte eine Pause . » Ihr seid wie immer der Klügste « , sagte Sender mit verlegenem Lachen , » darauf würd ' ich Euch wirklich nicht antworten , wenn Ihr fragen würdet . « » Und von wem du die Bücher hast , wirst du natürlich auch verschweigen wollen . « Aber trotzdem hielt er wieder inne und blickte Sender erwartungsvoll an . » Natürlich ! « erwiderte dieser . » Nun aber kammt eine Frag ' « , fuhr der Marschallik veränderten Tones fort , » auf die du antworten wirst . Betreffen diese Bücher unseren Glauben ? Willst du Christ werden ? « » Nein ! « beteuerte der Pojaz und fuhr erschreckt empor . Der Marschallik nickte . » Also du hast dabei einen vernünftigen Zweck und hoffst Nutzen davon zu haben ? « » Ja ! Aber was es ist , kann ich Euch heute nicht sagen ! « » Sondern wann ? « » Spätestens im Januar . « Der Marschallik blickte ihn forschend an . Sender hielt den Blick aus . » Gut « , sagte der Alte , » du warst bisher immer ein frommer , guter Jung ' und ganz klug - ich red ' kein Wort mehr darüber , bis du selbst davon anfängst . Was du aber den anderen erzählen willst , ist deine Sach ' . Nun aber was anderes , kannst du schon bis zum Januar davon leben ? « Sender verneinte kleinlaut . » Sonst wär ' ich ja nicht bei Jossele für einen Gulden monatlich geblieben . « » Dann ist ' s dir am End ' ganz angenehm , daß ich dir was anderes gefunden hab ' . Freilich nur um kleinen Lohn , und ob dir die Arbeit recht sein wird , weiß ich auch nicht . « » Mir ist alles recht « , erwiderte Sender . Nun setzte ihm der Marschallik weit und breit auseinander , was er mit Dovidl vereinbart . » Sieben Gulden monatlich . Gestern hab ' ich ' s mit ihm abgeschlossen . « » Reb Itzig « , rief Sender jauchzend und faßte seine Hand , » wie soll ich Euch danken ? « » Narrele ! « wehrte der Marschallik ab . » Hab ' ich ' s denn deinetwegen allein getan ? Auch um den Maklerlohn . Denn daß ich dir ' s nicht verschweig ' , auch drei Gulden für mich hab