ertönte wieder , die Glocken läuteten , und die Gesellschaft kam in einzelnen Gruppen zerstreut nach Hause . Ich stand wieder oben am Fenster und sah Annas Gestalt durch das Grüne allmählich herannahen . Ihren weißen Hut abnehmend , stand sie vor dem Bienenhause einige Zeit still und schien die fleißigen Tierchen mit Wohlgefallen zu betrachten ; mit noch größerm Wohlgefallen betrachtete ich jedoch sie , welche so ruhig vor meinem verborgenen Geheimnisse stand , und ich bildete mir ein , daß die Ahnung desselben sie an der blühenden und lieblichen Stelle festhalte . Als sie heraufkam , zeigte sie jene zufriedene Fröhlichkeit Andächtiger , welche aus der Kirche kommen , und machte sich nun ein wenig lauter und zugänglicher als vorher . Beim Mittagessen , wo ich wieder neben sie zu sitzen kam , begann jedoch meine herbe süße Schule wieder . An Sonn- und Festtagen glich der Tisch meines Oheims ganz seinem Hause und zeigte dessen merkwürdige und malerische Zusammensetzung in allen Stücken . Drei Vierteile desselben , von der Jugend und den Dienstleuten besetzt , trugen große ländliche Schüsseln mit den entsprechenden Speisen mächtige Stücke Rindfleisch und gewaltige Schinken . Neuer Wein aus einem großen Kruge wurde in einfache grünliche Gläser geschenkt , Messer und Gabeln waren aufs billigste beschaffen und die Löffel von Zinn . Nach der Spitze der Tafel zu , wo der Oheim und die allfälligen Gäste saßen , veränderte sich die Gestalt dieser Dinge . Dort waren die Ergebnisse der Jagd oder des Fischfanges nebst anderen guten Dingen in kleinen Portionen aufgestellt ; denn da die Muhme dem Zubereiten und Essen solcher Sachen nicht grün war , so behandelte sie dieselben apothekerhaft und spitzfingerig , gleich einem Grobschmied , der eine Uhr zusammensetzen will . Auf einem bunten alten Porzellanteller lag hier ein gebratener Vogel , dort ein Fisch , einige rote Krebse oder ein feines Salätchen . Alter starker Wein stand in kleineren Flaschen , uralte Ziergläser der verschiedensten Form dabei ; die Löffel waren von Silber , und das übrige Besteck bestand aus den Trümmern früherer Herrlichkeit , hier ein Messer mit einem Elfenbeinhefte , dort eine kurzgezackte Gabel mit Emailgriff . Aus dem Gewimmel dieser Zierlichkeiten ragte das ungeheure Brot wie ein Berg empor , als ein mächtiger Ausläufer des untern Speisengebirges , dessen Anwohner sich an der Ausschließlichkeit der oberen Feinschmecker dadurch rächten , daß sie eine scharfe Kritik über deren Geschicklichkeit im Essen ausübten . Wer nicht rasch und reinlich einen Fisch zu verzehren oder die Knöchelchen eines Vogels zu zerlegen wußte , hatte für den Spott nicht zu sorgen . Bei der Mutter an die einfachste Lebensweise gewöhnt , war meine Gewandtheit in Fisch- und Vogelessen nur gering , und ich sah mich daher am meisten den Witzen der Tischgenossen ausgesetzt . So hielt mir auch heute ein Knecht einen Schinken her und bat mich , ihm diesen Taubenflügel zu zerlegen , da ich so geschickt hierin sei ; ein anderer hielt mich für vortrefflich geeignet , den Rückgrat einer Bratwurst zu benagen . Dazu sollte ich als angeblicher Galan meine Schöne bedienen , was mir durchaus unbequem war ; denn außer daß es mir lächerlich vorkam , ihr ein Gericht vorzuhalten , das ihr vor der Nase stand , und ich ihr lieber mit dem Herzen als mit den Händen dienen wollte , wo es nicht nötig war , reichte meine Kenntnis hiefür nicht aus , sondern ich präsentierte manchmal den Schwanz eines Fisches , wo der Kopf gut war , und umgekehrt . Ich ließ sie auch bald unbedient sitzen und freute mich unbeschwert ihrer Nähe ; aber der Oheim weckte mich aus diesem Vergnügen , als er mich aufforderte , Anna einen Hechtkopf auseinanderzulegen und ihr die Symbole des Leidens Christi zu zeigen , welche darin enthalten sein sollten . Allein ich hatte diesen Kopf unbesehens gegessen , obschon man früher davon gesprochen , und stellte mich nun zugleich als einen unwissenden Heiden dar ; darüber ärgerlich , ergriff ich mit der Faust den mittlerweile entblößten Schinkenknochen , hielt ihn der Anna unter die Augen und sagte , hier wäre noch ein heiliger Nagel vom Kreuze . Ich behielt nun freilich wieder recht in den Augen der Spötter , doch Anna hatte gerade solche Grobheit nicht verdient , da sie mich nicht verspottet und ganz still neben mir gesessen hatte . Sie wurde über und über rot , ich fühlte augenblicklich mein Unrecht und hätte aus Reue gern den Knochen verschlungen . Das ersparte mir aber nicht einen kleinen Verweis des Oheims , welcher mich ersucht haben wollte , dergleichen Mitteilungen zu unterlassen . Das Rotwerden war nun an mir , und ich sagte nichts mehr während der übrigen Zeit , die man am Tische zubrachte . Ich zog mich zurück in bitterm Unmute und gedachte mich nicht mehr sehen zu lassen , bis meine Basen mich aufsuchten und mich aufforderten , mit ihnen und ihren Brüdern Anna nach Hause zu begleiten und den Schulmeister zu besuchen . Da ich in eine beschämende Lage geraten , so fanden sie es angemessen , mich durch diese Freundlichkeit daraus zu ziehen ; denn sie wußten wohl , daß ich sonst nach der Sitte jenes Alters nicht mitkommen konnte , wo das Schmollen eine Ehrensache und an bestimmte Gesetze gebunden ist . Wir zogen also aus und gingen dem Flüßchen nach durch den Wald . Ich blieb still , und als wir , durch die Enge des Weges getrennt , hintereinander gehen mußten , marschierte ich als der letzte hintendrein , dicht nach Anna , aber immer in tiefem Schweigen . Meine Augen hingen mit Andacht und Liebe an ihrer Gestalt , immer bereit , sich abzuwenden , sobald sie zurückschauen würde . Doch tat sie dies nicht ein einziges Mal ; hingegen bildete ich mir mit innerlichem Vergnügen ein , daß sie hie und da mit einer kaum sichtbaren Absicht zu gefallen sich über schwierige Stellen hinbewegte . Ich machte ein paarmal schüchterne Anstalten , ihr