verstehen . Sie las seine Dichtungen von neuem , und es ging ihr mit ihrem Wohllaut auch heute noch wie mit dem der Rede ; sie nahm auch dieses und jenes von den Büchern in die Hand , welche er sich zur Kurzweil für die Stunden , die er nicht mit der Geliebten verbringen durfte , hatte schicken lassen . Das Neueste der Zeit , deutsche Lyrik und französische Romane . Lydia hatte als Mitschülerin ihres Bruders wie später zur Unterhaltung ihres kranken Vaters , so genau wie nur wenige junge Mädchen , mit Konstantin Blümels alten Heiden- und Christenfreunden Bekanntschaft gemacht ; ein Roman war ihr aber noch niemals vor Augen gekommen . Für Max anfänglich ein Reiz der Besonderheit mehr . Er verglich ihren Bildungsgang dem eines Klosterfräuleins im Mittelalter und nannte sie seine Roswitha . Was Wunder nun , daß der Blick , den er ihr in eine neue Dichterwelt erschloß , sie berauschte , daß ihre Pulse flogen und das Leben , welches sie bis heute geführt hatte , ihr eng und schal erschien - solange sie las oder ihn lesen hörte . Wenn sie aber , nachdem die erste Wallung gedämpft war , sich fragte , ob sie eine Freiheit , wie diese Helden und Heldinnen der Passion sie forderten , wie auch Max sie forderte für die Geliebte und für sich selbst , ob sie eine solche Freiheit fordern und dulden nicht nur wolle und dürfe , sondern einfach könne ? dann rief aus ihrem heimlichsten Innern eine Stimme : » Nimmer ! « Lydias Welt war vielleicht beschränkt , aber ihre Schranken waren tief begründet und ragten hoch . Wären sie ihr nicht durch Erziehung und Schicksal gesetzt worden , sie würde sich solche freiwillig gesetzt und niemals überschritten haben . Sie trachtete danach , sich unter die Oberhoheit eines Gatten zu stellen , wie sie bisher ohne Wanken unter der ihres Vaters gestanden hatte . Und an diesem Trachten scheiterte sie ; denn das Heldentum und das Martyrium , deren sie so gut wie alle diese gedichteten weiblichen Opfer unserer gesellschaftlichen Einrichtungen fähig gewesen wäre , waren solche , die hinwiederum der Dichter , den sie liebte , nicht verstand . Wie hätte sie diesem Manne nun vollends der Leitstern werden sollen , der ihm , zwischen Klippen und Strudeln hindurch , die Bahn zum Hafen wies ? Da ihr Vater neuerdings , ebenso lebhaft wie die Professorin , nach einem definitiven Plane für des Sohnes Zukunft drängte , kam sie wiederholt auf diesen Gegenstand zurück , war aber leider zu wenig in Frau Hanna Blümels Lebensschule gewitzigt , um für ihre gute Sache den gelegenen Moment abzuwarten ; und so geschah es denn mehr als einmal , daß sie Maxens Widerwillen und Widerspruch sich bis zum Widersinn steigern hörte . Der Schematismus und die kleinliche Praxis jeglicher Beamtenkarriere dünkte ihm unerträglich , - ihr einziger Ausläufer , der ihn gelockt haben würde , der in die Diplomatie , erheischte die äußeren Mittel , deren Mangel ja eben von seinen Drängern vorausgesetzt wurde . Der Entscheid mußte daher zunächst eine offene Frage bleiben . Im übrigen waren die Prämissen der Mutter wohl die richtigen , aber die Folgerungen , die sie zog , waren verkehrt . Just weil wir mit Riesenschritten einem politischen Umschwung entgegengingen , galt es , sich ungebunden für denselben zu erhalten . Ein Parlament fordert unabhängige Männer . Was aber die akademische Laufbahn betraf , lagen denn nicht auch auf ihr Handfesseln hier , Fußangeln dort ? Wer hatte die Freiheit zu lehren , was er dachte , auszusprechen , was in ihm glühte , was die Begeisterung der Jugend entzündete ? Leeres Stroh dreschen , abgestandene Formeln wiederkäuen , die bloße Vorstellung erregte Ekel . Endlich aber , welche Zeit erforderte die zu verfolgende Bahn , wenn der süßeste Besitz erst von dem erreichten Ziele abhängig gemacht werden sollte ! » Lieben wir uns denn nicht ! « wendete Lydia ein . » Können wir denn nicht warten ? « » Warten ! « rief er in heller Entrüstung . » Warten wie der Herr Kandidat und seine ewige Braut ! Warten heißt , die gute Stunde verpassen , und kein Unglück wurmt wie ein verpaßtes Glück . Heute liebst du mich , so wie ich eben bin , aber ich kann mich ändern , du kannst dich ändern ; weißt du denn , ob du mich in soundso viel Jahren , ja nur in einem Jahre auch noch liebst ? « » Max ! « unterbrach ihn Lydia entsetzt , » o Max , mit solchem Zweifel im Herzen denkst du eine Ehe einzugehen . « » Eben darum muß ich sie eingehen , Kind , « versetzte Max . » Die Ehe , so sagt man wenigstens , hat eine ausgleichende Macht . Unter allen Umständen hat sie die der Gewöhnung , der gemeinsten , aber gewaltigsten von allen Erdenmächten . Die Franzosen heiraten selten aus Liebe und befinden sich , lediglich durch Akkommodation , nicht übler als wir deutsche Idealisten mit unserer Sentimentalität . Freie Liebe , ein Verhältnis ohne gesetzlichen Zwang , wäre unbedingt reiner , schöner , edler , sogar bindender als mit dem Zwang . Jede Schranke reizt zur Übertretung . Ein Verlöbnis aber , das heißt halbe Freiheit und halber Besitz , ist auf die Dauer ein Unding , ein Zwitterzustand , in dem sich die Liebe verzehrt ; und da nun einmal , bis auf weiteres , die Liebe nur unter der Form der Ehe von der noch herrschenden sozialen Borniertheit anerkannt wird , müssen wir Mann und Frau werden , Lydia , nicht mit dem abgematteten Puls der Geduld , sondern morgen , heute , diese Stunde noch , im ersten Sonnenstrahl , der die Herzen erschlossen hat . « Lydia fühlte sich empört . Hätte ihren Vorstellungen , ihren Erfahrungen , ihrem Ideale von der Heiligkeit der Treue in schnöderer Weise Hohn gesprochen werden können als durch