auf den ersten Blick so törichten Vorgehen gebracht haben könne . Jetzt weiß ich es ! Er hat erfahren , wie schön und gut das Kind geworden ist , und er kann es nun gebrauchen , und jetzt nimmt er es mir - mir , welchem es ganz und gar allein zu eigen gehört ! Er nimmt es mir , und ich bin ein armer Mann , der auch nur von den Almosen anderer gelebt hat : ich habe kein Geld , mein Eigentum dem elenden , erbärmlichen Gesellen abzukaufen . Er nimmt es mir , der es mit seinem Herzblut nährte , in dessen Gedanken es seine ganze Heimat hat und der allein weiß , was es in diesem armen Leben wert ist ! « » Nun ja , ich weiß doch auch , was ich weiß ! « murmelte Hennig unter seiner Decke hervor , aber der Chevalier schüttelte betrübt den Kopf : » Das könnte Fräulein Adelaide auch sagen ; aber es ist gleichgültig ; wir vermögen alle nichts gegen die Macht , welche uns in der Höhe und in der Tiefe entgegensteht . Knabe , es ist das ganze Schrecknis der Welt , das mir mit einem Male klargeworden ist , und - es ist auch gleichgültig , zu wem ich davon rede . Das ist das Schrecknis in der Welt , schlimmer als der Tod , daß die Kanaille Herr ist und Herr bleibt . Ach , schlafe nur , mein Sohn ; ich will nun auch zu Bett gehen , mich friert entsetzlich . « Während auf dem Lauenhofe der Ritter von Glaubigern so das Elend der Erde fühlte und jetzt gespenstisch die Wände entlang sich zu seinem Gemache zurücktastete , stützte sich in dem friedlichen Pfarrhause , in der ehelichen Kammer , die Frau Pastorin im Bette auf den Ellbogen und sprach : » Da hast du nun , was du gewollt und wie du ' s gewollt hast , Buschmann ! Droben liegt er in meinem Visitenbett , und wie ich ihn jetzt kennengelernt habe , liegt er im sanftesten Schlummer , und wir sitzen hier wach in Angst und Ärger . Buschmann , Buschmann , so hast du es gewollt ! Das war ein Heimlichtun mit seinem Briefe und deiner Antwort darauf ; selbst der arme Franz durfte nicht das geringste davon erfahren , und hätte ich nicht von meinem Rechte Gebrauch gemacht , so würde ich auch nichts erfahren haben . Was mischtest du dich in Sachen , welche dich nichts angingen ? Aber so bist du , Buschmann ; sein großmäuliger Brief verdrehte dir auf der Stelle den Kopf . Da mußte auf der Stelle geantwortet und haarklein Bericht über das alberne Mädchen und alles , was damit zusammenhing und - hängt , gegeben werden , und Quartier wurde angeboten , und dann ging die Komödie mit den Leuten vom Lauenhofe an , und wir wußten von nichts , als die Warwölfin kam , und dann wurde das arme Kind , der Franz , ins Blaue geschickt . Da mußte er unbedingt als reuiger Millionär seinen Wohnsitz in Krodebeck nehmen , und man konnte nicht wissen - und man mußte die Augen offen behalten - und es war unsere christliche Pflicht und Schuldigkeit , und wie die schönen Redensarten sonst noch heißen : aus der Haut möcht ich jetzt über die Dummheit fahren ! Mein Visitenbett und die Bewirtung läßt er sich freilich gefallen , aber weiter haben wir nichts davon , als daß wir uns mit den Leuten auf dem Hofe tödlich verfeindet haben . O Buschmann , Buschmann , wenn der Mensch in diesem Augenblicke von etwas träumt , so träumt er von deiner Stupidität , und er hat recht , ich tät ' s selber an seiner Stelle . So rede doch ! Mit einem solchen Schafsgesicht besserst du nichts ! « Der Herr Pastor stöhnte schwer , allein er antwortete nicht ; denn was er auf diese schöne Rede erwidern konnte , durfte er nicht äußern . Ach , er war nicht der Mann gewesen , so feine diplomatische Fäden allein zum Gewebe zu schlingen ; er hatte in dieser Angelegenheit nichts ohne das Wissen und den Willen der Gattin getan ; wahrlich , er mochte mit Fug und Recht ächzend an seinen Busen schlagen ! Was den Edlen Häußler von Haußenbleib anbetraf , so lächelte der wirklich im Schlaf , und gleichfalls mit Fug und Recht ; aber am andern Morgen erwachte er doch auch ziemlich früh und - überlegte . Daß er der Überlegung rasch die Ausführung folgen lassen würde , konnte man von ihm erwarten , und so geschah ' s , zumal da schon beim Kaffee ein Eilbote von der nächsten Telegraphenstation mit einer Depesche anlangte , welche die Anwesenheit des großen Mannes in Frankfurt am Main dringend wünschte und die er mit bescheidenem Selbstgefühl sowohl seinen Gastfreunden im Pfarrhause wie auch den Herrschaften auf dem Lauenhofe zur Einsicht vorlegte . » Ich - wir sind den Frankfurtern manche Verbindlichkeiten schuldig « , sagte er ; » Tonerl , ich muß am Nachmittag reisen , sosehr es mich schmerzt , die teure Heimat sozusagen nur im Fluge zu streifen , um dich , meinen höchsten Schatz , mit mir draus fortzutragen . Nur das tröstet mich und wird auch die Freunde im Kreise trösten , daß ich dich in ein schönes , glänzendes Leben hineinführe und alte Schulden mit Zins und Zinseszins ausgleichen kann . Ich habe auch stets gefunden , daß ein kurzer Abschied einem langen bei weitem vorzuziehen sei ; das übervolle Herz schöpft man bei solcher Gelegenheit ja doch niemals leer . « Bei den letzten Worten zog er die Uhr hervor und sagte : » Wir haben also noch drei Stunden zur Verfügung ; o Tonerl , brich mir nicht das Herz durch diesen Blick ! « Drei Stunden ! Er sprach diese beiden Worte langsam aus und sah dabei jedermann der Reihe nach fest und freundlich