Was die Ehr ' anbelangt , ist das Tuch schon zerschnitten , so daß es doch immer eine Naht gibt , man mag wieder flicken und machen , soviel man will . « » Um so leichter « , meinte der Kaplan , » läßt der Arbeitgeber dich gehen und wird dir sogar noch ein gutes Unterkommen suchen helfen . « » Nein , der weiß grad ' so gut wie ich , daß alles erlogen , was über mich in Umlauf gekommen ist . « » Darum schadet ' s ihm doch . « » Aber nicht so viel als mir , wenn ich tun wollte , wie wenn alles lautere Wahrheit - - « » Der Christ sucht seine Ehre in der Verdemütigung . « » Ich will ja doch auch alles über mich ergehen lassen , wenn Gott mir beisteht . « » Er entzieht seine Gnade denen , die trotzig auf sich selbst bauen und in der Gefahr zum Bösen freiwillig verbleiben . « In Dorotheen wurde das Gefühl , daß ihr , wenn auch nicht mit Absicht , sehr unrecht geschehe , stets lebendiger , besonders seit sie an die in der letzten Zeit entstandenen Schwätzereien erinnert worden war . Sie sah im Beichtvater wieder eher den Mann , der , wenn auch nur im Eifer und mit bester Absicht , sich viel zu sehr an die Meinung scheinheiliger Leute zu halten pflege . Es wuchs daher auch ihr Eigensinn in einer Weise , daß sie selber darüber erschrak . Trotzdem aber konnte sie nicht unterlassen , auf den letzten Vorwurf zu erwidern : » Freiwillig gehen wohl wenige von den Eigenen weg und dienen anderen ums tägliche Brot . « » Wer hochmütig ist und träge , der will herrschen , selbst um den Preis der unsterblichen Seele . Wir sind fertig , und du hast noch heute den Dienst zu verlassen . « » Ach , was würde der Vater sagen und Hans und - Nein , Herrl - Euer Hochwürden ! - « » Du willst also das nicht versprechen ? « » Nein « , antwortete Dorothee entschlossen . » Ich sehe nun die Sache ganz anders und mache mir kein Gewissen mehr zu bleiben . « » Nun - in Gottes Namen , dann kann ich dir auch nicht helfen , dich nicht lossprechen . Gelobt sei Jesus Christus ! « » In Ewigkeit « , sagte Dorothee laut und verließ sicheren Schrittes den Beichtstuhl . Neunzehntes Kapitel Ein kleiner Hauskrieg , bei welchem Hans eigensinnig wird Erstaunt gewahrte Dorothee , daß es während ihrer Beichte in der Kirche schon ganz hell geworden war . Über die Berge herein , welche hart vor den hohen Kirchenfenstern zu stehen schienen , leuchtete und funkelte es so goldig blendend , daß das Mädchen auf den Stufen unter dem Chorbogen ganz gewiß einen Fehltritt getan hätte , wenn es hier nicht gar zu gut » zu Hause « gewesen wäre . Selbst mit geschlossenen Augen mußte sie hier durchkommen und kam auch wirklich mit geschlossenen Augen durch . Wie sie nun die Augen sich erholen lassen wollte von dem grellen Glanze und ihr Blick in dem noch etwas dunkleren unteren Schiffe der Kirche zu ruhen suchte , gewahrte sie erschrocken die vielen Andächtigen , deren Augen recht ernste Fragen an sie zu richten schienen . Ais sie endlich in ihrem Stuhl ankam , verkündete feierliches Glockenläuten den sofortigen Beginn der Frühmesse . Sie hatte also das erste Glockenzeichen gänzlich überhört und war demnach mehr als eine Viertelstunde , ja , nach dem Tagen zu schließen , sogar mehr als eine halbe Stunde im Beichtstuhl gewesen . Was mußten diese Leute jetzt über sie denken , und was erst , wenn man sie unter der vom Pfarrer gelesenen Messe nicht mit den andern , die gestern und heute beichteten , zur Kommunionbank gehen sah ? - Einen Augenblick beschäftigte und plagte Dorotheen hauptsächlich diese Frage , doch kaum länger als einen Augenblick , während manches andere Mädchen an ihrem Platze darüber gewiß den beklagenswerten Seelenzustand sowohl als auch alles andere gänzlich vergessen hätte . Die Lossprechung - hätten die meisten gerechnet - war ja schon morgen , am Fest Allerheiligen , von einem weniger scharfen Geistlichen der Nachbargemeinde zu bekommen ; aber von denen , die heute da in der Kirche waren , und von allen , welche mit diesen in den nächsten vierzehn Tagen redeten , war man darum noch keineswegs losgesprochen . Ja bei diesen ging ' s gewiß erst recht an , wenn jetzt auch noch ein fremder Geistlicher aufgesucht wurde . In der Regel kann so ein Mädchen aus eigener Erfahrung wissen , was man alles über ein nicht absolviertes Beichtkind denkt und wie erbarmungslos jedermann darüber herzieht . War es doch gewöhnlich schon selber dabei , wenn des Unglücklichen ganzer Lebenslauf durchgegangen , wenn alle seine Beziehungen und Verhältnisse siebenmal umgekehrt wurden , um das entweder herauszufinden oder hineinzulegen , was etwa heute im Beichtstuhl hängen geblieben war . Das ist vielen die erste , die größte und sogar die einzige Sorge ; drum denkt man , wenn man so ein junges Mädchen von gewöhnlichem Schlag ist - Mannsbilder sind viel weniger ängstlich - , wie herrlich es doch wäre , wenn ihm nun auf einmal recht grausam übel würde und seine Wangen erblassen täten , daß man es kaum noch zu erkennen vermöchte . Doch das Gesicht brennt , die Pulse fliegen , und von so einer schönen Ohnmacht ist gar keine Rede . Trotzdem steckt man schon unter dem Staffelgebet den schweren silbernen Rosenkranz ein , als ob es gleich aus wäre , beim Gloria setzt man sich nieder , stützt unter dem Evangelium das Köpfchen auf die ein wenig zitternde Rechte , während die Linke das schneeweiße Schnupftuch und den von der Stuhlnachbarin entlehnten Rosmarinstengel festhält . Schon vor der Wandlung scheint es trotz allem Riechen nicht mehr zum Aushalten , nach derselben aber wankt die