und da kam das furchtbare Ende ! Mein Vater hatte nachmittags einer großen Gasterei beigewohnt , sein Gesicht war stark gerötet , er hatte offenbar viel Wein getrunken . Bei meiner Erklärung stürzte er auf mich zu , schüttelte mich mit seinen gewaltigen Händen , daß ich aufschrie vor Schmerz , und fragte knirschend , ob mir denn seine Ehre und sein Ansehen nicht einen Pfifferling wert seien . Noch hatte er das letzte Wort nicht ausgesprochen , als er mich zurückstieß - sein Gesicht wurde dunkelbraun , er fuhr mit beiden Händen nach dem Halse und brach plötzlich wie niedergeschmettert vor mir zusammen - der große , stattliche Mann ! ... Er atmete noch , als wir ihn aufhoben , ja er hatte sogar Bewußtsein , denn sein Blick ruhte unverwandt mit einem furchtbaren Ausdruck auf meinem Gesicht , und - da brach mein Widerstand , Joseph ! Als der Arzt für einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte , da zog ich das Papier hervor und hielt es an die Flamme des Lichtes . Ich konnte meinen Vater nicht ansehen , aber ich gelobte ihm mit weggewandtem Gesicht , daß ich schweigen wolle für immer , daß mit meinem Willen kein Flecken auf seine Ehre fallen solle ... Wie lächelte Paul Hellwig teuflisch bei diesem Schwur ! ... O Joseph , das that ich ! Ich sicherte meiner Familie das Dir gestohlene Erbe , in dem Augenblick , wo Dich der Mangel auf das Sterbebett warf ! « 25 Felicitas schlug erschöpft das Buch zu - sie konnte nicht weiter lesen . Draußen pfiff und tobte es an den Fenstern vorüber , daß sie klangen und klirrten - was war dies Brauen gegen die Stürme in der Menschenbrust , von denen das Buch erzählte ! Tante Cordula , du bist gemartert und gekreuzigt worden ! Die in dem gestohlenen Gut schwelgten , sie stellten sich auf den hohen Standpunkt angestammter Familientugend und Rechtschaffenheit ; sie verstießen dich als eine Entartete , und die blinde Welt bestätigte diesen Urteilsspruch . Hoch droben in den Lüften standest du , verfemt und verlästert , und hinter den festgeschlossenen Lippen ruhte dein Geheimnis ! Du riefst nicht Wehe über die Blinden da drunten - sie aßen gar oft dein Brot und erfaßten unbewußt deine rettende Hand in Not und Elend . Dein starker Geist erbaute sich seine eigene Welt , und das stille , versöhnliche Lächeln , das im Alter deine Züge verschönte , war der Sieg einer erhabenen Seele ! Welch ein Unding ist die öffentliche Meinung ! Die Welt hat nichts Haltloseres , und doch darf sie tief und bestimmt eingreifen in das Schicksal der einzelnen ! Leiden nicht Familien noch nach Jahren für ein einziges Glied , das die öffentliche Stimme gerichtet und verfemt hat , und gibt es nicht Geschlechter , die den Nimbus angestammter Tugend und Ehrbarkeit mühelos tragen , bloß weil ihr Name dem Volksmunde als » gut « geläufig ist ? Wie viel unbestrafte Schurkerei hat die öffentliche Meinung auf dem Gewissen , und wie oft weint das stille Verdienst unter ihren blinden Fußstößen ! Die Familie Hellwig gehörte auch zu jenen Unantastbaren . Wenn einer gewagt hätte , den Finger aufzuheben gegen die stattlichste und stolzeste Erscheinung unter den Oelbildern der Erkerstube und zu sagen : » Das ist ein Dieb ! « - er wäre gesteinigt worden vom großen Haufen . Und doch hatte er den armen Schustersohn um sein Erbe betrogen ; er war gestorben , der Ehrenmann , mit dem Diebstahl auf dem Gewissen , und seine Nachkommen waren stolz auf den » sauer und redlich erworbenen « Reichtum des alten Handlungshauses ... Wenn er das wüßte , wenn er einen Blick in dies Buch werfen könnte , er , der sein eigenes Wünschen derartigen » geheiligten « Traditionen unterwarf , der so lange den Satz festgehalten hatte , nach welchem Tugend und Laster , hoher Sinn und Gemeinheit sich an die Familie und deren Stellung , nicht aber an das einzelne Individuum knüpfen sollten ! ... Felicitas streckte unwillkürlich die Rechte mit dem Buche wie triumphierend in die Höhe und ihre Augen funkelten ... Was hinderte sie , diesen kleinen , grauen Kasten mit seinem furchtbaren Inhalt dort auf dem Schreibtisch liegen zu lassen ? ... Dann kommt er herein und setzt sich arglos in die traute , epheuumhangene Nische . Die wuchtige Stirne voll tiefer Gedanken , nimmt er die Feder auf , um an dem dort liegenden Manuskript weiterzuarbeiten ... Da steht das kleine , unbekannte Etwas vor ihm - er hebt den Deckel auf , nimmt das Buch heraus und liest - und liest , bis er totenbleich zurücksinkt , bis die stahlgrauen Augen erlöschen unter der Wucht einer schreckensvollen Entdeckung ... Dann ist sein stolzes Bewußtsein lebenslänglich geknickt . Er trägt im Verborgenen die Last der Schande ... Will er die Annehmlichkeiten seines reichen Erbes genießen - es sind gestohlene Freuden ; liest er seinen so gepriesenen Namen - es ruht ein häßlicher Flecken darauf ... er ist innerlich gebrochen , gemordet für alle Zeiten , der stolze Mann ! ... Buch und Kasten fielen schallend zur Erde , und ein heißer Thränenstrom stürzte aus Felicitas ' Augen ... » Nein , tausendmal lieber sterben , als ihm dies Leid anthun ! « ... War der Mund , der diese Worte bebend herausstieß , derselbe , welcher einst hier , zwischen diesen vier Wänden gesagt hatte : » Ich würde es nicht beklagen , wenn ihm ein Leid widerführe , und wenn ich ihm zu einem Glücke verhelfen könnte , ich würde keinen Finger bewegen ! « War das wirklich noch der alte , wilde Haß , der sie weinen machte , der ihr Herz mit unsäglichem Weh erfüllte bei dem Gedanken , er könne leiden ? War es Abscheu , das süße Gefühl , mit welchem sie plötzlich seine kraftvolle , männliche Gestalt vor sich heraufbeschwor , und hatte die glückselige Genugthuung , daß sie berufen