classischen Stücken recitiren . Sie sprach sie mit Verständniß , wenn auch kalt und schwunglos . Die Begeisterung wird der Abend und der Anblick der Zuschauer geben ! sagte der Kranke . Er deutete auf die großen Vortheile hin , die ihnen allen würden geboten werden , wenn endlich Lucinde sich entschließen könnte , in das so verwaiste und so theuer bezahlte Fach der » Liebhaberinnen « von Gestalt und Schönheit einzutreten . War der Friede auf diese Weise wiederhergestellt , so erzählte er mit Gemüthlichkeit von seinem vergangenen Leben . Die Schärfe , die er früher besessen , hatte ihn in der Schule der Leiden immer mehr verlassen , nur die bittere Ironie war ihm geblieben , das Salomonische : Alles ist eitel ! Er wollte seine Philosophie des Lebens , daß alles Wahn , alles Verkehrtheit und Narrheit wäre , von seinen frühesten Anfängen her beweisen . Besonders lange verweilte er in der Schilderung seiner ersten Anläufe zur geistlichen Laufbahn ... Serlo schilderte Menschen mit derselben Lebhaftigkeit wie Gegenden . Seit Jahren führte er Tagebücher und las daraus Stellen vor , über deren Bitterkeit und Satire er oft den Kopf schüttelte , gleichsam als wenn er nicht begreifen konnte , wie er einst so hätte denken und fühlen können . Er nannte dann das , was er las , abgeschmackt , wahnbethört , oft aber auch wieder , offen von sich selbst gestanden , klug und treffend . Manchmal , wenn er beim Blättern auf Thorheiten stieß , auf Racheplane , Anfeindungen , die er selbst erlitten oder angezettelt hatte , sagte er mit vollem Ernst : Ich war damals verrückt ! Wir alle sind verrückt ! Jeder ist ' s innerhalb seines eigenen Interesses ! Und wir wissen es sogar selbst sehr gut ! Mindestens , wenn wir zurückblicken und uns vergegenwärtigen , wie wir damals waren , damals das sagen , das thun konnten ! Bei anderm , was er erzählte oder las , sagte er dann wieder ganz offen von sich selbst : Wie gut das von mir war , wie edel ! Ja , darf man sich denn nicht selber lieb haben ? ... Wenn Madame Serlo zuhörte , was selten geschah - sie hatte zu jeder Zeit , nicht blos Abends , einen Schlaf , der nur : Ich will ! zu sagen brauchte und sie schon schnarchen ließ - sagte diese : Nein , lies lieber aus dem allen heraus , daß du einst mehr Courage hattest ! Und die könntest du noch haben , wolltest du dich nur herausreißen ! Herausreißen ! ... Es war das ewige Wort ... Es schnitt dann wieder alles entzwei . Einige betrügerische Directionen hatten die Familie bis an den Rand des Elends gebracht . Lucinde mußte das Opfer , das sie immer in Aussicht gestellt hatte , jetzt endlich vollziehen und einen Schritt thun , der ihr innerlich widerstrebte . Man unterhandelte mit einem ansehnlichen Theater über ihr erstes Auftreten . Die Umstände hatten es gefügt , daß sie den ersten Schritt an die Lampen gerade in jener Stadt thun sollte , in welcher sie einst von der Frau Hauptmännin von Buschbeck in diese wirre Welt war eingeführt worden . Diese Stadt wiederzusehen , flößte ihr Schauder ein . Jahre waren vergangen , seit sie dort gelebt . Wie mancher konnte ihrer eingedenk geblieben sein ! Ein dunkles Gerücht hatte ihr von ihren beiden letzten Geschwistern kein glückliches Wiedersehen in Aussicht gestellt . Beide Knaben sollten aus dem Waisenhause zu Lehrherren gekommen sein , dann aber sich schlecht bewährt und sogar schon den Gerichten Gelegenheit gegeben haben , sich mit ihnen zu beschäftigen . In der Schweigsamkeit über ihre Angelegenheiten , die ihr eigen war , sprach sie Serlo nur obenhin vom Vergangenen , kein klares Wort von ihren Besorgnissen , sonst würde dieser sie entweder widerlegt oder die Anknüpfung mit der Bühne gerade dieser Stadt widerrathen haben . Die Verhandlung mit dem Vorstande war schriftlich erfolgt ; die persönliche Vorstellung fiel nicht ungünstig aus ; Lucinde hatte sich Gewalt angethan und machte einen Eindruck , der etwas versprach . Nach Madame Serlo ' s kecker Aussage hatte sie sogar bereits auf kleinen Bühnen » sechs bis sieben mal mit glänzendem Erfolg « gespielt . Sie bekam die Zusage , daß sie als Jungfrau von Orleans auftreten durfte . Auch die Bitte um einen veränderten Namen wurde gewährt . Madame Serlo konnte diese Entscheidung , die sich noch vierzehn Tage hinziehen konnte , im Orte selbst nicht abwarten . Einmal hätte man des bessern Eindrucks wegen eine gute Wohnung nehmen müssen , deren größere und für alle ausreichende Ausdehnung die vorräthigen Mittel überschritten haben würde ; dann aber auch war ihr eine Stellung angeboten worden bei einem jungen Fürsten , der erst vor kurzem sein Regiment angetreten hatte und für sein Land eine neue Aera beginnen wollte durch Verbesserung des Ballets seines Hoftheaters . Schon war diese unglückliche Familie so weit gekommen , daß sie auf den Erwerb durch ihre Kinder sehen mußte . Diese entschloß sich die Mutter jenem jungen Fürsten für sein Ballet anzubieten . Lucinde verstand genug von der Welt , um den Seufzer und das bittere Lächeln sich deuten zu können , als Serlo dies hinter seinem Rücken gemachte Arrangement erfuhr . Zu krank , um die Reise schon jetzt weiter fortzusetzen , nahm er Abschied von den Seinigen . Als er die Kinder küßte , standen ihm Thränen in den Augen . Er schien die Ahnung zu haben , entweder daß er sie nicht mehr wiedersähe oder welcher Zukunft sie entgegengingen . In dieser Stadt nun mußte über Lucinden alles , was an ihrem Lebenshimmel sich düster und unheildrohend zusammengezogen hatte , zu gleicher Zeit ausbrechen . Sie suchte erst niemand auf , verbarg sich auf ihrem Zimmer , studirte mit ängstlicher Spannung ihre Rolle . Ob sie nach der alten Magd sich erkundigen sollte , die ihr zur Einsegnung einst das Gesangbuch geliehen ? Ob sie suchen sollte von