sie nur gewählt zu haben schien , um mittelst derselben ihre schönen Formen deutlicher hervorzuheben . Ueber die Schönheit beider Mädchen ein Urtheil zu fällen , würde auch dem gewiegtesten Kenner schwer gefallen sein . Herta überragte die Wendin um eine halbe Handbreite und schien in ihrer feinen modernen Kleidung und dem einfach schönen Haarputz , der blos aus einer üppigen Fülle glänzend brauner Locken bestand , voller , schlanker und von jener unbeschreiblichen Atmosphäre geistigen Adels umwogt , in der ein unnennbares Gemisch von Anziehungskraft und scheuer Abstoßung für Alle liegt , die sich ihr nahen . Der edelste Blüthenstaub reinster Bildung leuchtete auf ihrer Stirn , strahlte mild aus ihren großen , gütigen Augen , in denen so oft eine goldene Thräne glänzte , oder durch dessen schönen Himmel der trübe Schatten eines melancholischen Gedankens flatterte . - Haideröschen war die schönste Verkörperung ihres Namens - ein Kind der duftigen Kieferwälder , deren Rauschen ihr das erste Schlummerlied sang , frisch , natürlich , ohne Ahnung jener feinen Verderbtheit , mit deren süßem Parfüm sich die Civilisation besprengt und unter deren befleckender Schminke sie sich erst für gebildet hält . Haideröschen war naiver als Herta , und nach einem überstandenen Schmerze ohne alle Sorge und banges Nachdenken . Sie dachte erst dann an das Vorhandensein eines Unglückes , wenn sie mitten darin stand und sich nicht mehr zu helfen wußte . Herta sah auf den ersten Blick ein , daß sie gerade in diesem Kinde des Waldes gefunden habe , was sie sich stillschweigend so oft gewünscht . Ihre gegenseitige Verschiedenheit verbunden mit dem edeln Kern und unverfälschten Grundton ihres Wesens mußte das glücklichste Einverständniß zwischen ihnen hervorbringen , sobald die Schranken gefallen waren , die zwischen der Tochter des Leibeigenen und der Cousine des allgewaltigen Grafen aufgerichtet standen . Herta hatte das beste Mittel ergriffen , diese auf einen Ruck für immer niederzustürzen . Die Wendin fühlte sich ihre Schwester , als sie nach langer Umarmung der gütigen Retterin in die überströmenden Augen sah . Alle Schüchternheit war von ihr gewichen , sie hatte ein Herz gefunden , dem sie vertrauen , an dem sie sorglos ruhen konnte . Die ersten Stunden ihres Beisammenseins brachten die seelenverwandten Mädchen mit Erzählung ihrer Jugendschicksale zu . Wir können mit gutem Gewissen sagen , daß diese zu einfach waren , um die Theilnahme unserer heutigen Leser zu erwecken , weshalb wir nicht weiter darauf Rücksicht nehmen wollen . Später wußte Herta durch allerhand Fragen den Bildungsgrad ihrer Schützlingin zu erforschen , und da sie diesen sehr niedrig stehend fand , beschloß sie , der Wendin eine vorsichtige und liebevolle Lehrerin zu werden . Ganz zuletzt erst kam die Rede auf die Beschäftigung , die fortan Haideröschens Tagewerk bilden sollte , und hier ordnete Herta an , daß sie wesentlich weiter nichts zu thun haben solle , als ihr Zimmer in steter Ordnung zu halten und sie zu bedienen . Dies konnte füglich nicht Arbeit genannt werden ; allein grade dies beabsichtigte Herta , um bei dem geschäftigen Müssiggange ihrer schönen Dienerin diese selbst nie aus den Augen zu verlieren und immer über sie und ihr Wohl zu wachen . Erst bei Tafel sah Herta ihre Pflegeältern wieder , die beide nicht in der besten Stimmung waren . Graf Erasmus hatte sich geärgert über das bösartige Benehmen seines Sohnes , so wie , daß er sich in Folge desselben genöthigt sah , eine Strafe über das lammruhige Haidekind zu verhängen , die mit seinen Empfindungen nicht sympathisirte . Dadurch hatten sich seine Gichtschmerzen vermehrt und folterten ihn mit hartnäckiger Ausdauer . Seine Gemahlin dagegen fühlte sich schwer beleidigt durch die Aufnahme der bestraften Leibeigenen in ihr Haus und würde ihren Aerger Herta haben entgelten lassen , wenn dies unbemerkt und ungeahndet hätte geschehen können . Da keine Hoffnung dazu vorhanden war , mußte sich die empörte Frau mit schweigender Abneigung und fleißigem Gebrauch ihres Fächers begnügen , wenn ihr von der aufmerksamen und stets zarten Cousine ein Speisegeräth gereicht wurde oder wenn der Graf mit seinem Liebling em karges Gespräch anknüpfte . Magnus nahm an dieser kleinen Familientafel keinen Theil , was bei dem vorherrschenden Verhältniß zwischen ihm und dem Vater nicht auffallen konnte . Es hieß , er sei beschäftigt und werde noch vor Abend nach dem Zeiselhofe abreisen . Bei dieser Nachricht schien Herta leichter zu athmen und ein Gefühl der Bewegtheit , das bisher die gewohnte Freiheit ihres Benehmens behindert hatte und das sie immer befiel , wenn sie Magnus auf Boberstein wußte , verschwand . Auch sah sie bald nach der Tafel den jungen Grafen in Begleitung seines Reitknechtes zum Schloßthore hinausgehen . Niemand von den sämmtlichen Schloßbewohnern wußte bei hereinbrechender Nacht , ob der künftige Besitzer Bobersteins wirklich abgereist sei . Auch kümmerte sich Niemand darum , da dem jungen herrischen Gebieter nicht ein einziger Diener wahrhaft zugethan war . Hätte es , wie in den Zeiten des Mittelalters , noch einen Thurmwart gegeben , so würde dieser bei einiger Aufmerksamkeit Abends bei grauweißem Mondlicht , das rollendes Gewölk sehr dämpfte , um die Mauerzinnen eines der vier hohen Eckthürme der Burg einen Schatten haben schlüpfen sehen , welcher der Gestalt des jungen Grafen ähnelte . Und wirklich war es Magnus , der nach halbstündiger Entfernung von Boberstein plötzlich sein Roß anhielt , etwas auf dem Schlosse vergessen zu haben vorgab , den Reitknecht vorausschickte und in langsamstem Schritt auf Umwegen durch die Haide zurückritt . Erst mit Einbruch der Nacht ruderte er sich selbst über den See und erstieg auf dem von uns bereits angedeuteten Felsenwege die Höhe der um das ganze Schloß laufenden Brustwehr , die er einige Nächte früher schon umschritten hatte . Die schmale Dachthür verschaffte ihm Zutritt in das Innere der Burg , wo er geraume Zeit brauchte , um - diesmal ohne Licht - die schon vorher untersuchten Gänge und Treppen wieder zu finden und mittelst der geraubten Schlüssel die verrosteten Thüren zu öffnen , die seinem weiteren Vordringen im