kniete neben ihr und sah aus wie der richtende Erzengel Michael . Der Graf befahl uns , seine Gemahlin , die unwohl geworden , sogleich zu Bette zu bringen , und verließ das Zimmer , ohne Egon eines Blickes zu würdigen . Diesen Abend ward Niemand vorgelassen , nicht einmal Herr von St. Luce . Gegen Mitternacht rief die Gräfin meine Frau und befahl , Alles zu einer Reise Nöthige für sich und Graf Egon zu packen ; sie wolle nach ihres Gemahls Wunsch und Befehl ihren Sohn selbst nach Berlin und Brandenburg geleiten ; Niemand anders solle ihn hinbringen . Sie schrieb noch einige Zeilen an den Herrn , die ich , so spät es war , selbst hinübertrug zur Madame Capacelli . Drüben hatte es auch Verdruß gegeben ; die Erzherzöge und andere hochgestellte Personen hatten sich bei dem Herrn Grafen nach dessen Gemahlin dringend erkundigt und eine so große Verehrung und Liebe für sie ausgesprochen , daß der unvermeidliche éclat dem Grafen steinschwer auf ' s Herz gefallen , was nun freilich die Sängerin entgelten mußte , obschon sie unschuldig daran war . O , lieber Herr Professor , wie sehr hat sich unser Herr verändert ! Wer hätte das für möglich gehalten ! Er war sehr hart gegen Beide ; mir aber befahl er sogleich , am frühesten Morgen solle Egon bei ihm sich einfinden , dann werde er das Uebrige bestimmen . Wir fuhren in unsern Reisevorbereitungen fort . Graf Egon war immer noch am Bett seiner Mutter . Als sie unsere Antwort vernahm , verlangte sie aufzustehen , um noch Einiges selbst zu ordnen ; Sie wissen , sie hat immer späte Stunden geliebt . Als wir aber nach einer Weile den Grafen Egon wieder im Zimmer seiner Mutter hörten , liefen Sophie und ich an die Thüre desselben . Ach Gott ! in meiner Angst beging ich etwas - qui est indigne ! - ich sah durch ' s Schlüsselloch - da lag die Gräfin mit gefalteten Händen und strahlendem Gesicht , es leuchtete wie das einer Heiligen ; mit gebogenen Knien lag sie vor dem zürnenden Kinde , das , wie wir gar wohl aus seinen Worten vernommen hatten , den Vater anklagte , daß er die Mutter zu Tode kränke . Alle ihre Vorstellungen hatten ja nichts gefruchtet . Egon fing die angebetete Mutter in seinen Armen auf , drückte sie mit tausend Liebkosungen an ' s Herz und schwur ihr , fromm und sanft wie ein Lamm den Vater anzuhören und ihm zu gehorchen . Wie Diamanten standen die Thränen in seinen blitzenden , zornigen Augen , aber er zwang sich zum Gehorsam und hielt auch am nächsten Morgen Wort . Noch einmal kam der Herr Graf zu seiner Gemahlin , was aber unter ihnen verhandelt worden , erfuhren wir nicht . Nach dieser Unterredung beschied sie Sophien und mich zu sich und befahl mir - nein , der Engel bat mich sogar - beim Grafen zu bleiben , damit der Herr einen treuen Diener um sich habe , die Reise sei ja von nicht langer Dauer ; da wußte ich aus ihrer Verlegenheit , woran ich war . II faut respecter toujours les dehors ! Ich blieb . Monsieur de St. Luce gab ihr seinen alten Diener August mit , der gewiß meine Stelle ganz ausfüllen wird . Der General ist auch ein Stück mitgereist ; läge der Herzog von Reichstadt nicht darnieder , hätte er sie bis hin begleitet . Ganz spät Abends sind sie Alle abgefahren . Der Graf war ausgeritten , um ihr auf der ersten Station wieder zu begegnen , hieß es . Ja , sie hat ihn nicht wieder gesehen ; aber die Sache ging still und ohne Aufsehen ab . In meinem Herzen aber ist eine unsägliche Angst ; in Berlin wird sie nicht bleiben . Herr Gotthard ist in Paris , ich wage nicht , ihm zu schreiben . - Was General Geiersperg zu der Geschichte sagen wird ! An Sie , mein Herr Professor , glaubte ich , schreiben zu müssen ; vielleicht gibt Ihnen das Herz etwas ein , das traurige Geschick unserer lieben Gräfin zu erleichtern . « etc. - Ja wohl , lieber Otto , mußt du hin ! sagte Vrenely . Wie ich gesehen , läßt du das Lisely auch schon einpacken ; ich will ihm helfen . Und - fuhr sie , auf halbem Wege umkehrend , fort , indem sie dicht an ihn trat und ihre kleinen Hände auf seine hochschlagende Brust legte , so lege du ihr unser Glück an ' s Herz , wie ich mich an das deine , als einen stillen Trost ! Es hat mir lange geahnt , daß sie es nicht aushalten werde ; daß aber Egon die Trennung herbeiführen mußte , ist hart . Denke ich mir die Möglichkeit , daß je unsere kleine Anna zwischen dich und mich treten könne , möchte ich lieber die Welt verlassen , in der ich doch so himmlisch glücklich bin . Otto zog sie schweigend in seine Arme . Aber er war schon halb auf der Reise . Hältst du , fuhr er mit einem Male auf , die Trennung für eine dauernde ? Ja , Otto , erwiderte sie fest . Anna thut nichts halb . Nun laß mich einpacken gehen . Und abermals blieb sie stehen . Otto , du wirst reiche Stunden haben , schöne und schwere . Versprich mir - sie stockte . - Was , mein Engel ? - Sie von Grund aus rein zu genießen , wie Gott sie gibt , ohne Vor- und Rückblick , ohne gemachte Gewissenssorge , die unnütz ist , denn ich traue dir ! Und Gott traut dir auch , sonst würde er dir nicht die wunderliche Aufgabe senden . - Sieh ' , mein Liebster , fuhr sie fort , und schlang wieder den Arm um seinen Hals , ich bin so ruhig , weil ich weiß , -