, die sich nur zu zeigen brauchte , um für ihre Erscheinung allein jeder Huldigung gewiß zu sein - diese Sibylle mit dem Seherblick und den Prophetenlippen , heimisch in der Kunst , vertraut mit der Wissenschaft - war heiter wie ein harmloses Kind und anspruchlos wie ein junges Mädchen , das die eigne Anmuth nicht ahnt . Auf der einen Seite hätte eine Matrone nicht mehr imponirt , und dem verwegensten Mann nicht strenger ein leichtes Wort auf den Lippen getödtet durch ihren unbefangenen Ernst ; auf der andern Seite lagen die Jugend , die Neuheit , die Unkenntniß und die Verheißungen , die so reizend um Neulinge in der Welt schweben . Das war sie . Bis dahin hatte sie außerhalb der Welt gelebt , und sich ihr nicht wie ein Feind - dazu war sie ihr zu gleichgültig - aber wie ein Fremdling gegenüber gestellt . Bis dahin mogte sie nicht in die hergebrachten Verhältnisse eingehen ; sie verstand nicht das Familienglück , denn sie war ein verwaistes Kind - nicht die Ehe , denn sie war ein gequältes Weib gewesen - vielleicht nicht einmal die Liebe , obgleich sie Andlau mächtig geliebt hatte , denn sie wollte sich durch die Liebe außerhalb aller Schranken frei fühlen ; und nur innerhalb Schranken kann Freiheit bestehen , außerhalb liegen Willkür und Auflösung . Das erkannte sie ; jede Erkenntniß war ihr eine Wonne , sie liebte mich glühend , weil sie mir sie verdankte . » Ein Jahr früher hatte ich zu meinem Freund Feldern gesagt : » ich begehrte kein andres Glück , als ein foudroyantes , das mich gerade im Mittelpunkt meines Wesens träfe . Es war mir geworden ! Faustine strahlte in meine Seele hinein wie ein tausendfarbiger Diamant , wie ein indisches Gedicht , Stern und Rose , Glanz und Duft . Das unbedeutendste Weib , der stupideste Mann werden belebt und verschönt durch die Liebe , so daß sie uns erfreuen und interessiren können . Und nun Faustine ! bald entzückte sie mich , bald machte sie mich zittern , bald bewunderte ich sie ! Herz , Sinne , Geist - Alles fand bei ihr Nahrung , Befriedigung , Anregung . Ich wurde nie müde sie zu betrachten ; wie in Rafaels Arabesken Genien aus Blumen keimen , so schwebte ihre Seele in und über ihrer holdseligen Gestalt , die zart und durchsichtig genug war , um jeder Regung leicht zu folgen . Ihre Augen waren von jener unbestimmten grauen Farbe , die man bei Augen blau zu nennen pflegt , und die darum so schön ist , weil sie alle Schattirungen annimmt - vom lichtesten Azur in der Freude , vom tiefsten Schwarz in der Leidenschaft . Ebenso wechselnd war auch ihr Teint , transparent , kräftig ; an ihrem Colorit errieth ich ihre Stimmung . Mit dieser Frische kontrastirte seltsam dunkles Geäder ums Auge , das , wenn es nicht von Krankheit herrührt , einem blühenden Kopf wundervollen Reiz von Melancholie und Leidenschaft giebt , wie z.B. bei der sogenannten Fornarina in der Tribüne zu Florenz . Ich wurde auch nie müde sie zu beobachten . Es war etwas Unergründliches , Geheimnißreiches , Einfaches in ihr , etwas von der primitiven Frische des Naturlebens , durch welches alle Elemente spielen und blitzen ; in ihr stand das Gewitter neben der Sonne , und das Mondlicht neben der Aurora . Sie war von einer Leidenschaftlichkeit , die man hätte fiebernd nennen dürfen , wenn Körper und Seele ihrer nicht gewachsen gewesen wäre . O , wie sie mir entgegenflog , wenn ich nach kurzer Abwesenheit wiederkehrte ! sie erkannte meinen Schritt im Vorzimmer , fast ohne ihn zu hören , sie lief mir entgegen , sie hing sich um meinen Hals - so trug ich sie fort ! Goldfunken lagen auf ihrem Haar , unter dem Sammet ihrer Wange rieselte das Blut , silberne Streifen schlangen sich durch das schwarzblaue Auge . Und ihre Stimme ! o der goldne Klang , der Lerchenjubel , wenn sie dann sagte : » Mario ! « - In den Modulationen dieser Stimme lagen wieder Analogien mit Naturzuständen ; erzählte sie von ihrer gleichgültigen , halbvergessenen Kindheit , so war es , als fließe ein schmaler , seichter Bach durch eine grüne Ebene : ihr Ton war gleichmäßig sanft , vibrirte nicht , weil damals das Herz nicht vibrirt hatte . Aber er zitterte traurig wie das Rauschen fallender Blätter , sobald sie mit dumpfem Trübsinn von ihrer Ehe sprach . Bemerkten Sie je am hohen Mittag , im heißen Sommer , das leise , schwere , athemlose Flüstern , das durch die Natur weht ? zittern die Blätter , oder die Flügel der Insekten , oder die Wellen im See , oder Schilf , Gras und Blume in der brennenden Berührung des magnetischen Sonnenstrahles ? Nun , so war es , wenn Faustine in meinem Arm ruhte , mit ihren weißen Zähnen oder brennenden Lippen meine Wange berührte , ohne sie zu küssen , und Worte flüsterte , die nur die Liebe hören darf , weil die Liebe nur sie erfindet . Beachteten Sie je den wilden , jauchzenden Schrei der Schwalbe , wenn sie Abends durch das Wollustbad der Luft , gleich einem dunkeln Blitz , schießt ? Dieser Ton des höchsten Jubels rang sich bisweilen in einem abgebrochnen Laut aus ihrem Busen ; und dann girrte sie wie eine verblutende Taube , wenn die Melancholie schwerer Erinnerungen über sie kam . Alle Temperamente waren in ihr vereint zur Quintessenz . Heftig , eifersüchtig , würde sie wie eine ächte Andalusierin den kleinen Dolch im Strumpfband getragen haben , um den Geliebten zu vertheidigen oder - zu strafen . Aber bei allen Angelegenheiten des Lebens hatte sie eine . Fügsamkeit in den fremden Willen , die sich nie verleugnete , und die ich tausendmal auf harte Probe stellte ; denn ich wollte , daß sie sich fügen lernen sollte - nicht mir ! ach