Ansichten und Entscheidungen die Huldigung der Untrüglichkeit verschaffte . Sie war das vollkommenste Muster der unzähligen Abstufungen der Etikette , die einer Frau von Stande damals so hoch angerechnet wurden ; und wer sie beobachtete , konnte nie über den Rang der Personen in Zweifel sein , die sich ihr nahten . Nie verwechselte sie eine Anrede oder Erwiederung mit der anderen , und die Kürze oder Länge derselben , der leisere oder stärkere Ton ihrer Stimme , ob sie dem Gegenstande gerade gegenüber oder seitwärts gewendet blieb , mit halbem oder ganzem Blicke begegnete , das waren Nüancen einer damals hochgeschätzten Feinheit und ein sicheres Zeichen über die Ansprüche der Personen . Die Marschallin war über fünfzig Jahr alt und eine konservirte Frau . Das gleichmäßige Embonpoint ihrer Gestalt gab dem Teint ohne künstliche Mittel eine große Frische , die besonders Personen von röthlichem Haare lange behaupten . Die unsinnige Mode , dicke Lagen von Schminke zu tragen und diese Sitte als ein Vorrecht des Standes mit der Verläugnung aller Natur- und Schönheitsregeln auszuüben , gab der ältesten wie der jüngsten Dame ein gleiches Ansehn . Nur Unverheirathete genossen diesen Vorzug nicht ; und so erschien oft die frischeste Jugend mit der Farbe der Gesundheit wie bleiches Siechthum , wenn sie in eine Reihe mit den verheiratheten Damen gerieth . Die Marschallin gehörte sowol durch Geburt , wie durch Vermählung zu den Familien , welche die Ehren des Louvre genossen ; und so sehen wir in ihrem Audienz-Saale einen Thronhimmel , unter welchem die Marschallin in einem breiten , vergoldeten Fauteuil saß und sich erhob , oder sich bloß neigte , oder die Stufe , welche ihn erhöhte , hinab steigen zu wollen schien - Alles in untrüglicher Ordnung , dem Range der nahenden Gäste gemäß . Die Stickereien ihrer Robe waren so kostbar und breit , daß man die Farbe des Sammets nur bei einer Wendung in den hinteren Falten sehen konnte . Das Unterkleid dagegen zeigte auf Drapd ' or den ganzen Wahnsinn des damaligen Geschmackes , indem mit bunter Folie , Perlen und Juwelen eine Landschaft darauf gestickt war , der es weder an Thürmen , noch Bäumen , noch an der gehörigen Staffage von Menschen , Hunden und den verschiedensten Thieren des Waldes fehlte . Der Aufwand einer solchen Kleidung , zu welcher noch die reichsten Aufsätze und die kostbarsten Geschmeide gehörten , überstieg allen flüchtigen Modewechsel späterer Zeiten ; und es fanden sich nur wenige Damen unter dem reichsten Adel , welchen es gestattet war , mehr wie zwei oder drei Galla-Anzüge ihr Lebenlang zu besitzen . Doch auch in dieser Beziehung war die Marschallin eine von den Begünstigten , welche ihre Toilette bei jeder sich zeigenden Veranlassung in eine neue Form zu bringen wußte , und zwar mit der vollkommen gleichgültigen Miene , welche diese Angelegenheit bloß zu einem Geschäfte ihrer Kammerfrauen herab wies , das ihre Beachtung wenig verdiene . Doch sah man bei den Festen der Marschallin jedenfalls ein unverkennbares Streben der erscheinenden Damen , der Frau vom Hause ihr Uebergewicht bestreiten zu wollen ; und es war eine wohl aufgenommene Artigkeit , wenn man versicherte , daß sich nirgends eine höhere Eleganz der Damen zeigte , als in ihren Salons . Wir beschränken uns jedoch auf die gegebenen Andeutungen . Der Glanz einzelner Personen , das Zusammenwirken einer solchen bunten , strahlenden Masse wird sich uns von selbst aufnöthigen , und wir bezeichnen nur noch eine junge , heiter lächelnde Mädchengestalt , die , sich an dem Stuhle der Marschallin lehnend und den leicht gegebenen Winken derselben folgend , jeden Ankommenden mit den respektueusen Verbeugungen der Jugend begrüßt . Es ist Mademoiselle Louise , die Tochter der Marschallin , welche der bequeme Vorwand für die Absichten ihrer Mutter ward ; da allerdings nach einer Präsentation bei Hofe , die Etikette eine Reihe von Festen verlangte , welche die Freude über einen solchen Vorzug sowol dem Adel , als vor Allem dem Könige darlegen mußte . Am heutigen Tage nahm die Marschallin indessen noch außerdem mit besonderem süßem Lächeln und einer Bewegung des Fächers , die allgemein bewundert ward , da sie einen sanften Schmerz ausdrücken sollte , die Gratulationen über die Genesung des Marschalls an , und sie erwähnte gegen einzelne Auserwählte , daß selbst Ihro Majestäten sich ihrer liebsten Umgebungen beraubt hätten , um ihr Glück wünschen zu lassen . Auch konnte gewiß nur die finstere Herzogin von Bellefond , welche selbst außer den Zimmern der Königin nie ohne ihren kleinen Elfenbeinstab erschien , der ihr als Oberhofmeisterin gebührte , mit der Frau Marschallin den Platz unter dem Thronhimmel theilen ; da sie gewissermaßen durch ihren besonderen Auftrag von Seiten der Majestäten zu einer geheiligten Person erhoben war . Zur andern Seite stehend , befand sich der Marquis von Vieuville , der Ehrenkavalier der Königin , der mit der vollkommensten Kenntniß jeder einzelnen Person des Hofes und ihrer Verhältnisse sich den Ruf einer immerwährenden sarkastischen Laune zu erhalten wußte , daher , halb gefürchtet , halb gehaßt , der Gegenstand der verbindlichsten Aufmerksamkeiten war , und eine Höflichkeit und Zuvorkommenheit an den Tag legte , die ihm sehr bequem ward bei der Beachtung , mit der man seine Aeußerungen entgegen nahm . Die Marschallin wußte , während sie empfing , anredete , antwortete und für Jeden die passende Verbindlichkeit bereit hatte , stets einige pikante Bemerkungen über ihre Schulter dem ihr sehr vertrauten Marquis Vieuville zuzuwerfen , und der Marquis empfing diese Bemerkungen stets , um sie , mit reichen Zugaben versehen , seiner Gönnerin zurück zu geben ; während sein wunderlich schmales und trockenes Gesicht , von einem fein beschnittenen Puderstreifen eingefaßt , außer der Bewegung der Lippen keine Veränderung zeigte , und jedes spähende Auge sich vergeblich daran versuchte . » Madame , « sagte er , indem die Marschallin sich abgewendet mit dem Herzoge von Gêvres unterhielt - » Sie sind heute dazu bestimmt , ganz Paris zu zeigen , wie die vollkommenste Dame des Hofes