fühlte beim Eintritte in diesen , der tiefsten Schwermuth geweihten Aufenthalt das Blut in seinen Adern erstarren ; es währte ziemlich lange , ehe sein an dieses Dämmerlicht noch nicht gewöhntes Auge die ihn zunächst umgebenden Gegenstände erkennen konnte . Mitten im Zimmer , auf einem breiten niedrigen Divan , lag Graf Stephan in tiefer Trauer , aber völlig gekleidet ; und nach altrussischem Gebrauche in Trauerfällen stand rings um ihn her alles nur Ersinnliche aufgestellt , was an Früchten , Weinen und dergleichen ihn zum Genusse reizen konnte , ohne daß er es eines Blickes würdigte . Da bist Du ja , mein Bruder , sprach er sehr mild und freundlich , und reichte Richard die Hand ; ich ließ Dich nicht rufen , ich überließ es dem Geschick , ob es unser Wiedersehn uns gönnen wolle , denn ich habe nur Reue und Schmerz , aber keine Wünsche mehr . Nun bist Du von selbst gekommen ; ich bin schon seit vielen Tagen in tiefer Verborgenheit hier , und habe immer Dein gedacht ; es ist gut daß Du ohne mein Zuthun gekommen bist , es ist sehr gut . Schmerzlichst ergriffen warf Richard neben dem Lager seines Freundes sich hin ; er redete tröstend ihm zu , er wollte versuchen ihn aufzurichten ; doch seit mehr als Jahresfrist unbekannt mit dem Quelle seiner Leiden , verletzte er aus Unwissenheit statt zu heilen , gleich einem Arzte , der in dunkler Nacht einen schwer Verwundeten verbinden möchte , und blind herumtappend , wider sein Wissen und Wollen durch Berührung die Schmerzen vergrößert , die er zu lindern beabsichtigt . Laß ab , laß ab mit Trösten , bat endlich Stephan ; menschlicher Trost wie menschliche Hülfe sind an mir verloren ; darum zog ich mit meinem Schmerze in Nacht und Einsamkeit mich zurück . Hier will ich schweigend untergehn ; nur Dich möchte ich warnen , nur Dich retten , wenn Du noch zu warnen , zu retten bist ; ich hoffe Gott will es , indem er von all ' meinen Freunden Dich allein mir zuführte . Ich leide gerechte Strafe für meinen weltklugen Vorwitz , für den frevelnden Übermuth , mit welchem ich dem stolzen Wahne mich überließ , ich sei berufen in das Rad des Weltenganges einzugreifen : sprach Stephan , als die erste heftige Bewegung , in welche das Wiedersehen des Freundes ihn versetzte , allmälig verklungen war . Ich dulde was ich verdient habe , aber mein Weib ! meine unschuldigen Kinder ! was haben die verbrochen ? Du , mein Bruder , warst der heitre unermüdlich-freundliche Spielgeselle meiner Kinder , Du liebtest sie , Du kannst sie nicht vergessen haben ; wo sind sie jetzt ? Alle , Alle dahin , von wo keine Wiederkehr ist . Zwei von ihnen , die beiden jüngsten , waren mir noch geblieben , meine kleine lächelnde Anna , mein holder Knabe Eloa . Ich wollte sie nicht aus den Augen lassen , sie mußten nach Berlin mich begleiten . An dem zu meiner Abreise von dort bestimmten Tage erkrankten Beide ; im Sarge haben ihre Leichen mich zurück begleitet , ich habe bei ihren Großeltern , bei ihren vorangegangenen Geschwistern sie schlafen gelegt ! Das , Richard , das war eine Reisegesellschaft ! aber im märkischen Sande die lieblichen Knospen für die Ewigkeit bergen , wie hätte ich das vermocht ! Und nun ihre Mutter , fing nach einer Pause Stephan wieder an , dieser sanft duldende Engel ! täglich muß ich Gott bitten , daß er ihm bald gewähren möge , die Flügel entfalten zu dürfen , um sich hoch über dieses Jammerleben hinaus , in Paradieseslüften zu unsern Kindern zu erheben . Was aber wird aus mir , wenn auch sie mich verlassen haben wird ? Nach martervoller Nacht erweckt jeder Morgen sie zu neuer Todesqual , ein furchtbares Übel nagt langsam und unheilbar nahe an ihrem Herzen ; die Kinder schlafen , die Mutter leidet und wacht ! Laut schluchzend sank Stephan auf sein Lager zurück ; Richard weinte mit ihm , im Gefühle seines Unvermögens , hier Hülfe oder auch nur Trost zu gewähren . Nach so großem Jammer Dir noch von dem Untergange des Wohlstandes meines Hauses zu sprechen , scheint kaum der Mühe werth ; und doch ist dieses , besonders in seinen Folgen , kein unbedeutendes Unglück , denn meine Schuld , meine Nachlässigkeit hat das Elend vieler tausend Armen veranlaßt , und auch ihr Schicksal liegt schwer auf mir . Während ich thörichter Weise in weit aussehenden Plänen mich abmühete ; Zeit , Geld und Kraft zu ihrer Ausführung vergeudete , und meine kränkelnde Eitelkeit mich selbst in heimliche Bewunderung der hohen edlen Opfer einwiegte , die ich dem Wohle meines geliebten Vaterlandes dadurch zu bringen wähnte , vergaß ich der Sorge für die , welche mir am nächsten stehen ; ließ die Obhut über die Tausende von Seelen ganz aus der Acht , welche Gott selbst durch den Stand , in welchem er mich geboren werden ließ , an meine väterliche Vorsorge angewiesen . Viele , viele Jahre lang ließ ich feile Miethlinge meine Stelle vertreten ; mein Vermögen , meine Unterthanen , meine Ehre sind schamlosen Wucherern Preis gegeben ; und eigentlich ist , von Allem was so glänzend mich umgiebt , nichts mehr mein . Solche Früchte gehen auf aus solcher Saat ! Wer bin ich ? was bist Du ? was ist Andreas und Sergius und sie Alle , daß wir glauben sollten , wir wären berechtigt , Kronen zu zerbrechen , über Kaiser und Könige zu Gericht zu sitzen , die Verfassung großer Reiche umzuschaffen , Alles nach unserer beschränkten Einsicht zu ordnen , und uns zu geberden , als habe der allmächtige Regierer der Welten uns zu seinen Statthaltern auf Erden eingesetzt ? Ach ich möchte im Gefühle der schmerzlichsten Reue auf offnem Markte hintreten , alle meine Wunden aufdecken , und laut rufen : so weiß der Himmel weltklugen Vorwitz