nicht versagen können , sie wenigstens ihm zu zeigen . Vorher mußte aber der launische Mann eine Verschreibung ausstellen , wodurch er sich anheischig machte , eine bedeutende Summe einzubüßen , wenn er das Mädchen zu sich nähme , und sie dann auf das Geratewohl wieder entließe . Dieses Papier unterschrieb er ohne Zaudern , denn er glaubte fest an die Beständigkeit seiner Entschlüsse , obgleich er , wie wir wissen , darin täglich wechselte . Es war zu Ausgang Mais , und ein wunderschöner Mondabend . Der Arzt hatte vorgeschlagen , zu reiten , jedoch bei seinem Freunde kein Gehör gefunden , welcher die Gefahr der Erkältung vorschützte und anspannen ließ . Jener wunderte sich , daß verschiedne Sachen , die man auf dieser kurzen Fahrt nicht gebrauchte , in den Wagen getragen wurden . Man konnte mit dem Wagen nur bis zu einer gewissen Entfernung von der Hütte der Alten vordringen , und hatte noch eine starke Viertelstunde zu gehn . Der Domherr sagte dem Kutscher etwas ins Ohr , und machte sich dann mit dem Arzte auf den Weg . Dieser erzählte seinem Begleiter , um ihn auf den Anblick , der seiner wartete , vorzubereiten , was er von der Alten gehört hatte . Das Mädchen war nach dem ersten Erstaunen über das Wiederfinden ihrer Zigeunerin in einen sonderbaren Zustand verfallen . In der Einsamkeit zwischen Waldeichen , Klippen und Bachwellen machte sie gewissermaßen zum ersten Male die Bekanntschaft der Natur , und der Eindruck , den diese Gewaltige auf einen halbreifen Geist , der , wie der Arzt sich ausdruckte , eigentlich nur Phantasie war , hervorbrachte , war sehr stark . Sie ging , wie eine Träumende umher , führte Gespräche mit den Bäumen und Steinen , und war dann oft wieder wie erstarrt . Gleichzeitig traten bei ihr gewisse körperliche Erscheinungen ein , die sie sehr angreifen mußten , denn sie begann an Konvulsionen zu leiden , welche die Alte besorgt machten , daß daraus eine Art von Veitstanz entstände . Letztre verschwieg indessen ihrem Beschützer alles dieses , weil sie befürchtete , er möchte ihr das Kind wegnehmen , zu welchem sie , nachdem sie ihm einmal tief in die Augen geschaut , eine unbezwingliche Neigung gefaßt hatte . Sie behandelte ihren Pflegling mit Kräutern und Tränken , und hatte die Freude , ihn bald hergestellt zu sehn . Es entwickelte sich nun etwas an dem Mädchen , was niemand hatte vorausahnen können , nämlich eine Neigung , oder - denn dieses Wort sagt viel zuwenig - eine unwiderstehliche Notwendigkeit , zu tanzen . Als das Mondlicht kam , ging Flämmchen eines Abends fort , und wurde von der Alten , die ihr nachgeschlichen war , auf einer Felsenplatte in den wundersamsten Bewegungen angetroffen . Diese wiederholten sich seitdem alle Abende , und nun , da das Mädchen wieder gesund ward , erhielt erst der Arzt vom Vorgefallenen Kunde . » Es ist « , sagte er , » als habe ihr Organismus alle Schrecken abschütteln , und zugleich ein geheimes Gesetz der Schönheit , welches lange in dem armen verlaßnen Kinde geschlummert , entfalten wollen . « Unter dieser Erzählung waren sie aus dem Dickicht auf einen frei hervorspringenden Hügel getreten . Der Domherr , welcher immer einige Schritte vorausgehabt hatte , stand plötzlich still , und rief mit gedämpfter Stimme : » Was ist das ? « Der Hügel verlief in ein glattes , grades , ziemlich geräumiges Felsenstück . Auf dieser natürlichen Bühne schritt Flämmchen umher , in den Vorbereitungen zu ihrem Tanze begriffen . Die Nacht war taghell , so daß man alles genau sehen konnte , die Entfernung so gering , daß kein Laut verlorenging . Beide Männer drückten sich hinter einen Stamm ; seitwärts zwischen den Kanten eines ausgezackten Gesteins wurde der schwarzbraune Kopf der Alten sichtbar , die , am Boden zusammengekauert , gleichfalls horchte und lauschte . Einen Kranz auf dem Haupte , und einen in jeder Hand haltend , schritt das Mädchen gemessen , fast feierlich , erst rund um die Felsenplatte , als vollziehe sie die Weihe des Orts . Dann in die Mitte sich stellend , wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond , und begann nun , immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt , ihren ausdrucksvollen Tanz . Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen , bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn , jetzt hob sie den einen , dann den andern Kranz lockend empor , darauf ließ sie beide sinken , verwechselte sie , warf sie in die Luft , daß sie dort Bogen beschrieben , und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf , während Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten . Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht ; der kalte hohe Freund da oben , sollte zur Erde herabgezogen werden , mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe , und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei . Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließen , deuteten Strophen aus , die sie dazwischen absang , und womit sie sich den Takt anzugeben schien . Sie hatten alle ein gewisses Metrum , bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten , deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mußten . Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache , welche weder der Arzt , noch der Domherr verstand , eine Art von Refrain zu vernehmen . Der Domherr war wie außer sich . Trotz aller Verkehrtheiten , welche diesem Manne anklebten , mußte man ihm wenigstens einen zarten Sinn für das Schöne , besonders der phantastischen Gattung , zugestehn . Er seufzte , drückte dem Arzte die Hand ; dieser sah , daß Tränen aus seinen Augen flossen . » Ist es nicht « , sagte der Domherr leise , » als sei die alte Fabel wieder jung geworden , und schaue uns Spätlinge mit entzückenden Kindesaugen an ? Was sind unsre Ballette mit