konnten - so frage man , wie Nolten dabei zumute gewesen ! Eine dritte und nicht die kleinste Sorge war ihm die schlimme und selbst verächtliche Meinung , womit die Gräfin , seit sie durch Larkens einseitig und falsch von dem Verhältnis zu Agnesen unterrichtet worden , ihn notwendig ansehen mußte Nicht als ob er fürchtete , es hätte sie eine solche Entdeckung irgend unglücklich gemacht , denn in der Tat war seine Vorstellung von der Leidenschaft Constanzens bedeutend herabgestimmt , und höchstens wollte er glauben , daß ihr seine Liebe einigermaßen habe schmeicheln können , aber da er ihr doch seine Absicht damals so dringend , so entschieden bekannt hatte , wie elend , wie verrucht mußte er als Verlobter vor ihr erscheinen , wie tückisch und planvoll sein Schweigen über diese Verbindung ! Mußte sie sich , abgesehn von jedem eignen leidenschaftlichen Interesse , nicht insofern persönlich für beleidigt halten , als schon der Versuch , sie mit zum Gegenstande eines so zweideutigen Spieles zu machen , einen Mangel der Achtung bewies , deren sie sich von Nolten hätte versichert halten dürfen ? Schien in diesem Sinne der Zorn und die Kälte , womit sie ihn seit jenem Abende keines Blicks mehr würdigte , nicht sehr verzeihlich und gerecht ? Unser Maler fühlte das Beschämende , die ganze Pein dieses Verdachts : keine Stunde mehr konnte er ruhen , der Boden brannte unter seinen Füßen , er wollte eilen , wollte sich reinigen , es koste was es wolle Aber das ging so schnell nicht an . Wie sollte er an Constanzen gelangen ? wie war es möglich , sich zu rechtfertigen und doch zugleich die höchste Delikatesse zu beobachten ? Denn gar leicht konnte die Gräfin ihn dergestalt mißverstehn , als wenn er gekränkte Liebe bei ihr voraussetzte , ein Irrtum , der ihn , wie er meinte , zum lächerlichsten Menschen in den Augen der schönen Frau machen müßte . Er überlegte sich die Sache fleißig , und wollte warten , bis ihm ein glücklicher Weg erschiene . Am folgenden Tage fiel ihm ein , von dem Hofrat , dem er ohnehin einen Besuch schuldig war , die Stimmung der Zarlinschen zu erlauschen , und sogleich machte er sich auf den Weg . Bei der Wohnung des Hofrats angelangt , fand er zufällig die Haustüre nur angelehnt , was ihn sehr wundernahm , da es einen der ersten Grundsätze in der Hausordnung dieses Mannes ausmachte , die Eingänge jederzeit geschlossen zu halten . Außer dem Briefträger und einer alten Magd , welche auswärts wohnte , und zu gesetzten Stunden mit dem Essen erschien , betrat nur selten ein Besuch die Schwelle , und wenn jemals , so mußte die Glocke gezogen werden , worauf ein grauer Diener , das einzige lebende Wesen , das den Hofrat umgab , bedächtig aus dem Fenster schaute und öffnete . Im untern Hausflur , wo sich sogleich der Geschmack und die Kunstliebhaberei des Hausherrn in gut aufgestellten Gipsfiguren ankündigte , findet Theobald einen unscheinbar gekleideten Knaben auf der Treppe sitzen und Zuckerwerk aus seiner Mütze naschen , der übrigens ganz hier zu Hause zu sein scheint . Eine unglaublich angenehme Gesichtsbildung , die hellsten Augen , sehr mutwillig , lachen dem Maler entgegen , dem besonders die zierlich gelockten Haare auffallen . Der Knabe , nachdem er unsern Freund ruhig vom Kopf bis zum Fuße gemessen , stand auf und gab der Türe einen tüchtigen Tritt , daß sie schmetternd zuschlug . » Kannst du sagen , artiger Junge , ob der Herr Hofrat daheim ist ? « Der Kleine antwortete nicht , sondern indem er die Treppe hinaufging , winkte er Theobalden , zu folgen . Oben öffnet er leis eine schmale Türe und deutet schalkhaft hinein . Nolten befand sich allein in einem kleinen Vorzimmer , wollte eben an einem zweiten Eingang klopfen , als ihm ein kleines Seitenfenster , dessen Vorhang von innen schlecht zugezogen ist , die wunderbarste stumme Szene im Nebenzimmer zeigt . In einer gespannten Beleuchtung , fast nur im Dämmerlichte , sitzt weiß gekleidet ein Frauenzimmer , bis an den Gürtel entblößt . Ihre Stellung ist sinnend , das Haupt etwas zur Seite geneigt , eine Hand oder vielmehr nur den Zeigefinger hat sie unterm Kinne , dies kaum damit berührend . Ihr Sessel steht auf einem dunkelroten Teppich , auf welchen herab die reichen Falten des Gewandes und der Tücher sich prächtig ergießen . Ein Bein , das über das andre geschlagen ist , läßt den Fuß nur bis über die Knöchel blicken , wo ihn die andre Hand bequem zu halten scheint . Aber welch ein herrlicher Kopf ! mußte Theobald unwillkürlich für sich ausrufen ; die römische Kraß im Schwunge des Hinterhaupts vom starken Nacken an kontrastierte so rührend gegen das Kindliche des Angesichts , dessen Ausdruck nur lautre Scham verriete , wenn sich die letztere nicht soeben zur liebevollsten Ergebung in die Notwendigkeit des Augenblicks zu neigen schiene . Offenbar war das Frauenzimmer nicht gewohnt , als Modell zu dienen . Und in des Hofrats Hause ? Sollte der alte Narr etwa selbst den Pfuscher machen ? Leider war es unmöglich , eine zweite Person , die sich gewiß im Zimmer befinden mußte , zu entdecken auch hörte man keinen Laut : die Schöne verharrte wie ein Marmor in derselben Stellung , nur die leisen Bebungen der Brust verrieten , daß sie atme , auch schien es einmal , als ob sie einen müden Blick gegen das Fenster hinüber wagte , von wo das Licht hereinfiel . Nolten hätte geschworen , dort sitze der Hofrat Sagte nicht ein Gerücht , daß der alte Herr früher wirklich die Kunst getrieben ? und wollten nicht einige behaupten , er habe den Meißel noch in seinem Alter insgeheim ergriffen ? Wie überraschte es daher unsern Maler , als auf ein Geräusch , das in der Ecke entstand , die Jungfrau sich erhob und ein schlanker , schwarzbärtiger Mann anständig auf sie zutrat