mit der selbstzufriedensten Redseligkeit fortfuhr , ihren Plan weiter aus einander zu setzen . » Vor allen Dingen , « sprach Frau von Grünborn , » müssen wir unsern Rollentausch aller Welt verschweigen , bis zur Stunde der Ausführung , sonst giebt ihn Allwill nimmermehr zu ; er hat es sich zu fest in den Kopf gesetzt , daß wir alle seinen Befehlen folgen müssen ; steckt er aber erst in seinem Souffleurkasten , so muß er sich schon alles gefallen lassen , was über seinem Haupte auf der Oberwelt vorgeht . Ich habe mir in den Proben Ihr Spiel genau gemerkt , wenn Sie die Rolle noch ein paar Mal mit mir durchgehen , so wird Herr von Wallburg keinen Unterschied finden , und des Beifalls der Gesellschaft können wir gewiß seyn . Auguste ward dem Vorschlage immer geneigter , je länger sie ihm zuhörte . Der Gedanke , wie komisch Leos Verwunderung und Allwills zorniges Schrecken sich ausnehmen müßten , gewann immer mehr lockendes , so daß sie , zuletzt in einem Anfall von Uebermuth , sich wirklich entschloß , in den Tausch zu willigen , und nun , nicht minder eifrig als Frau von Grünborn , selbst sich bemühte , alles darauf vorzubereiten . Der lustige Erfolg übertraf bei weitem Augustens Erwartung . Beide Damen fanden mit leichter Mühe einen Vorwand bis zum Aufrollen des Vorhangs in ihrem Ankleidezimmer allein zu bleiben . Leo , der mit einem Monolog zuerst die Bühne betrat , erstarrte über den Anblick der Frau von Grünborn , wie Hamlet indem er den Geist seines Vaters erblickt . Allwill reckte sich lang aus seinem Souffleurkasten empor , und machte Miene , ganz auf das Theater heraufsteigen zu wollen , um wegen des Rollenwechsels Rechenschaft zu fordern , ja selbst die Zuschauer begannen sehr lebhaft zu werden . Frau von Grünborn ließ sich indessen von allem was vorging , nicht im mindesten anfechten . Sie hatte ihre Rolle zu gut gelernt , um der Eingebungen des Souffleurs zu bedürfen und besaß auch überdem ziemliche Gewandheit und theatralische Uebung . An Schminke und jugendlichem Putz hatte sie ebenfalls nichts gespart ; man sah deutlich wie sie in großer Herzensfreudigkeit sich selbst Illusion machte , und so war denn die Gesellschaft endlich gutmüthig genug , sich diese ebenfalls gefallen zu lassen und dem Wagestück ward von allen Seiten applaudirt . Doch dieser gemäßigte Beifall verwandelte sich in ein laut donnerndes Bravo-Rufen , in ein ganz unerhörtes Händeklatschen , wie man es in einem Privattheater gar nicht für möglich halten sollte , als Auguste erschien . Die altmodische Tracht ertheilt jungen Personen immer durch den Kontrast des Scheinenwollen mit dem wirklichen Seyn einen eignen unbeschreiblichen Reiz . Das gepuderte Touppée , die zu beiden Seiten des jugendlichen Gesichtchens tief hineingehende altmodische Dormeuse , aus der die wunderschönen hellen Augen schalkhaft herausblitzten , die schlanke Taille , welche das lange Korsett erst recht versichtbarte , die netten Füßchen in ihren spitzen Hackenschuhen , die man bei der hochaufgeschürzten altfränkischen Zirkassienne deutlich sah , alles dieses verlieh Augustens Erscheinung eine wunderbare Anmuth , von der niemand eine Ahnung haben konnte , der sie nur im gewöhnlichen Leben zu sehen gewohnt war . Ihr mit der heitersten Laune aufgefaßtes und durchgeführtes Spiel ließ den Taumel der Bewunderung , den ihr Anblick erregt hatte , gar nicht enden . Alles ward dadurch versöhnt . Leo konnte über den Streich , welchen sie ihm gespielt hatte , nicht länger zürnen , Allwill setzte sich getröstet wieder auf seinem unterirdischen Ehrenposten zurecht , Frau von Grünborn umarmte sie mit anscheinendem Entzücken , sobald sie wieder zwischen die Kulissen trat , und pries überlaut die eigne Selbstverleugnung , mit der sie Augusten die interessanteste Rolle im Stück freiwillig abgetreten haben wollte . Je lauter die Freude im Schauspielsaale sich äusserte , je trüber ward Adelbert . Kaum vermochte er es über sich , das Ende eines kleinen Liederspiels abzuwarten , in welchem die scheidenden Gäste unter der Leitung des Kapellmeisters dem gastfreien Hausherren zuletzt ihren Dank brachten . Schmerzlich bewegt verließ er den Saal , sobald er es unbemerkt thun zu können glaubte , und erschrak nicht wenig , als mit ihm zugleich auch Auguste durch eine andre Thüre in ein an das Theater stoßendes Nebenzimmer trat . Verlegen , wie sonst nie , standen sie da , und keines wagte das andre anzublicken , bis der Abschied zur Sprache kam , der beiden das Herz zusammenpreßte . » Sie gehen , « sprach Adelbert , » und in diesem Moment fühle ich erst , wie sehr Ihre Nähe das Element meines Lebens ward . Erinnerung ist alles , was mir nun übrig bleibt ; ich weiß , um wie viel reicher durch diese mein Daseyn geworden ist , aber wenn mich nun die Sehnsucht ergreift , wie werde ich diese überwinden ? Und wenn ich ihr nachgebe , wenn ich über Berg und Thal hineile , um wieder einmal in den Strahlen ihrer lieben , gütigen Augen mein Herz zu erwärmen , ach Auguste ! wie werde ich dann Sie finden ? « » Ich hoffe wie jetzt , « erwiderte Auguste sehr freundlich ; » hier nehmen Sie meine Hand darauf , Sie finden mich wie jetzt , und kämen Sie auch erst nach langen Jahren ; dann vielleicht um so gewisser , genau so , « setzte sie lächelnd mit einem Blick auf ihre Theater-Kleidung hinzu . » Zwingen Sie mich nicht , mich selbst zu täuschen , « sprach Adelbert , und drückte mit trübem Blick ihre ihm dargebotene Hand an seine hochbewegte Brust . » Mein tröstender Engel betrat mit Ihnen die Schwelle dieses Hauses , mit Ihnen verläßt er es wieder , ich weiß es . Diese Hand , welche jetzt in der meinen ruht , wird in wenigen Tagen einem Glücklichern gereicht . Leo - doch ich mißbrauche ihre Nachsicht , verzeihen Sie mir , ich fühle beschämt , wie unbescheiden ich ward . « »