, daß Sokrates auch von seinem Dämonion ( wie er dem Kriton gesagt haben soll ) von der Flucht aus dem Gefängniß abgehalten wurde , und also voraus versichert war , daß die Sache übel ablaufen würde . Ich denke , wir werden den Helden überhaupt kein Unrecht thun , wenn wir voraussetzen , daß sie alle , so viel ihrer je gewesen sind , immer mehr oder minder ein wenig geschwärmt haben . Sokrates glaubte in ganzem Ernst an eine göttliche Stimme , die sich von Zeit zu Zeit in seinem Innern hören lasse ; und für einen so einfachen schlichten Mann wäre dieß Einzige schon mehr als hinreichend gewesen , ihm so viel Stärke zu geben , als er nöthig hatte , in einem Alter von mehr als siebzig Jahren dem Tode mit Muth entgegenzugehen . Und so viel von Sokrates ehrwürdigen Andenkens . Daß unsre Freundin Lais in Milet Aufsehen macht , brauche ich dir kaum zu sagen ; das versteht sich von selbst , wiewohl wenig Städte in der Welt seyn mögen , die sich schönerer Weiber rühmen können , als diese prächtigste , reichste und wollüstigste Handelsstadt von Ionien . Da sie sich öfters und allenthalben wo für sie selbst etwas Merkwürdiges zu sehen ist , wenigstens durch das dünne Silbergewölk eines Koischen Schleiers149 , sehen läßt , und hier ungefähr auf den nämlichen Fuß lebt wie zu Korinth , so fehlt es ihr unter den Ersten und Reichsten dieser üppigen Metropolis nicht an Anbetern , die sich in die Wette bestreben , einen günstigen Blick der Göttin auf sich und ihre angebotenen Opfergaben zu ziehen . Aber noch bleibt sie ihrem ersten Plan getreu , schreckt zwar niemand ab , muntert aber auch niemand auf , nimmt nur kleine unbedeutende Geschenke an , und macht einen Aufwand , als ob die Quelle , woraus sie schöpft , nie versiegen könne . Dieß alles erhöht die Achtung nicht wenig , die man schon der bloßen Schönheit , selbst in einem unscheinbaren Aufzuge , zu erweisen geneigt ist ; sogar die Hetären betrachten sie mit einer Art von Ehrfurcht , und würden sich geschmeichelt finden , wenn sie eine so vollkommne Person an der Spitze ihres Ordens erblickten . Man fragt einander , wer sie sey , und es gehen zwanzig verschiedene Mährchen , immer eines wunderbarer als das andere , über ihren wahren Namen und Stand , und ihre geheime Geschichte herum . Ich würde , wenn ich ihr Vertrauen auch weniger besäße , leicht errathen , wohin dieß alles zielt ; und ich bin gänzlich der Meinung , daß es der einzige Weg ist , ihren Wohlstand auf eine Art , die ihrer nicht ganz unwürdig ist , sicher zu stellen . Das Nähere hierüber zu seiner Zeit . Mein Kleonidas gefällt allgemein , und strahlt von Freude und Wonne , da er hier , mit lauter schönen Gegenständen umgeben , sich in seinem wahren Elemente fühlt , und wie er sagt , erst jetzt recht zu leben anfängt . Er findet in Milet alles beisammen , was den feurigsten Liebhaber der Künste die das Leben verschönern befriedigen kann : die herrlichsten Werke der edeln und zierlichen Ionischen Baukunst , eine zahllose Menge Bildsäulen von den besten Meistern , und reiche Gemäldesammlungen aus allen Schulen , vornehmlich von den berühmtesten Malern unserer Zeit , Polygnot , Zeuxis , Parrhasius , Timanthes , Pausias , Euxenidas , Apollodor , und andern . Er bringt einen großen Theil seiner Zeit damit zu , alle diese Kunstwerke zu studiren , und , indem er einem jeden das worin er vorzüglich ist , abzulernen sucht , zu einer eigenthümlichen Manier zu gelangen , die ihn von allen unterscheide , und ihm von niemand so leicht nachgemacht werden könne . Wie es ihm gelingen werde , wird die Zeit lehren . Noch ist er wenig mit sich selbst zufrieden , und schilt uns Idioten , wenn wir etwas schön finden , das er gemacht , oder vielmehr angefangen hat ; denn noch kann er nicht von sich erhalten , etwas fertig zu machen . Vornehmlich preiset er sich glücklich , daß er durch die Bekanntschaft mit Lais von seinen vermeinten Idealen , oder Phantasmen ( wie er sie nennt ) zur Natur selbst zurückgeführt worden sey . Wenn ich , sagt er , es einmal dahin gebracht haben werde , irgend einen bestimmten Zug ihrer Augenbrauen richtig zu zeichnen , und nur eines ihrer Ohrläppchen so zu malen wie ich es sehe , will ich mich für keinen kleinen Künstler halten . Kleombrot ist in seinem Ambracien angelangt , und ich gebe die Hoffnung noch nicht auf , daß ihn die vaterländische Luft vielleicht allmählich wieder zurecht bringen könnte . Wenigstens halte ich es für ein gutes Zeichen , daß er die Trennung von der Gesellschaft , die er verlassen hat , zu fühlen , und , ohne es sich selbst zu gestehen , ganz heimlich sich zu uns zurückzuwünschen scheint . Sollte diese Disposition zunehmen und bis zur Sehnsucht steigen , so ist beschlossen , ihn zu uns einzuladen ; und ich zweifle kaum , daß die zärtliche Musarion sich keine große Gewalt anthun müßte , ihm den ersten Platz in ihrem Herzen wieder einzuräumen , wenn er mit einem aufgeheiterten Gesicht zu ihr zurückkehrte . Ich bin im Begriff , eine Reise durch alle Städte von Ionien und Karien zu machen , und gedenke mich zu Ephesus lange genug zu verweilen , um dich da zu erwarten . Was wolltest du länger in dem unruhigen Syrakus ? Wie schön auch Himmel und Erde in Sicilien sind , mit dem warmen Glanze dieses Himmels der mich umfließt , mit der üppigen Pracht dieser Erde , mit der herzerweiternden Milde der wollüstigen Blumenluft , die ich hier athme , kurz mit dem Leben in diesem Götterlande , ist nichts anders zu vergleichen . 53. Kleombrotus an Aristipp . Lass ' ab von mir , guter Aristipp ! Alle deine