Olympiens Wagen und der der Herzogin rollten bald dahin ... Vor ihnen hatten sich schon die beiden Weltgeistlichen entfernt ... Nun ging auch der General der Dominicaner ... Lucindens scharfes Auge beobachtete wohl , wie alles das in irgend einem Zusammenhange stand , wie irgend etwas vorgefallen sein mußte , was erschütternd in das Leben ihres Heiligen griff ... Was konnte es sein - ! Ihr konnte etwas verloren gehen - ? ... Was hatte Olympia im Werk ? ... Auch ihr war nur ein flüchtiger Gruß von ihr zu Theil geworden - ... Schon oft hatte auch Olympia nach dem Inhalt ihres Kästchens verlangt - ... Schon oft hatte auch sie von den Geheimnissen der Inquisition gesprochen und ihre Thorheit verwünscht , die sie vor Jahren die Dominicaner , um Bonaventura ' s willen , beleidigen ließ - ... Lucinde , hochaufgeregt , erhob sich ... Daß sie am Palast der Katakomben halten und durch ihren Bedienten hinaufsagen ließ : Gräfin Sarzana erkundige sich , ob Seine Eminenz ein Uebelbefinden betroffen hätte ? war in der Ordnung ... Sie erfuhr , daß beide Cardinäle noch nicht zurück waren ... So konnte der Gesundheit des Freundes nichts Bedenkliches begegnet sein - ... Sie sann den Gründen seiner schnellen Entfernung vergeblich nach und verlor sich in Vorstellungen wunderlicher Art ... Und wie es dem Menschen geht , daß er seine eigne Betheiligung am Schicksal andrer nur allein vor Augen hat und , sei ' s im guten oder schlimmen Sinne , diese übertreibt , so stand ihr auch nur ihr Geheimniß über Bonaventura ' s Taufe vor Augen . Es ist entdeckt - ! sagte sie sich ... Sturla wußte davon ... Es fehlt noch die authentische Bestätigung - die Urkunde aus meiner Hand - ! ... Man wollte sie schon diese Nacht stehlen - ... Sie hätte ihm Leo Perl ' s Brief noch heute zurückgeben mögen ... Bei alledem - welch glückliche Beziehung schien sich nun doch , ohne Paula , wiederherzustellen - ! ... Die Wonnen eines liebenden weiblichen Herzens sind nicht zu ermessen ... So nur allein am Fenster des Geliebten einige Minuten harren , so nur die Kunde empfangen zu dürfen , man würde die Anfrage ausrichten - er kommt - er denkt an dich - er besinnt sich auf den gewissen Gegenstand - er lächelt - er erinnert sich der beiden Abschiede , die ich von ihm nahm , jener beiden Male , wo ich vor ihm auf der Erde lag - alles das schon allein kann eine Welt des Glücks für ein wahnbethörtes , für die größten Lebenshoffnungen von kleinen Almosen zehrendes Herz werden ... Die Gräfin kam in ihre heute aus Besorgniß doppelt erhellte Wohnung gerade zur rechten Zeit , um sich mit dem Monsignore Vice-Camerlengo , dem Gouverneur von Rom , zu verständigen ... Auch dieser Beamte war ein Priester ... Er ertheilte den im Kirchenstaat in solchen Fällen üblichen Bescheid : Lassen Sie es auf sich beruhen , Eccellenza - ! Entdeckt man die Sache , wie sie ist , so könnte es - noch schlimmer werden ! ... Lucinde kannte Rom ... Der hohe Prälat blieb eine Weile zum Plaudern ; dann war sie allein - frei - schloß sich in ihr Zimmer ein und begann den Brief , der die Urkunde begleiten sollte ... Sie hauchte in diese Zeilen ihr ganzes Leben ... Fußnoten 1 Ein Factum ? 2 Neigebaur : » Der Papst und sein Reich . « 13. Besucht man in Rom die Peterskirche , läßt sich ihre geheimen Kammern aufschließen , die gleich fürstlichen Antichambren eingerichteten Sakristeien , und schreitet man dann über einen kleinen , der deutschen Nation uralt angehörenden Kirchhof und an Gebäuden vorüber , in denen die Wäsche des heiligen Vaters und das Leingeräth zum Kirchengebrauch im Sanct-Peter gereinigt und getrocknet wird , so findet man in einer engen menschenleeren Gasse ein unschönes Eckgebäude mit kleinen , unregelmäßigen Fenstern - ein Gebäude , das einer alten Kaserne gleicht ... Ein unförmliches Thor sieht vollends dem Eingang zu einer Festung ähnlich ... Im düstern Hofe befindet sich ein Wachtposten ... Man gefällt sich in Rom darin , dies Gebäude der Welt als ein solches zu zeigen , das sich gleichsam überlebt hätte ... Es ist der Palast der Inquisition ... Michael Ghislieri , als Pius V. Anstifter der Bartolomäusnacht , war einst der Besitzer dieses Palastes und machte ihn den Dominicanern zum Geschenk ... Im vorderen Hause wohnen die Inquisitoren und ihre » Familiaren « ... Dann kommen zwei Höfe , die von einem Mittelgebäude getrennt werden ... Im hintern Hause liegen die Gefängnisse des Sacro Officio ... ... Im achtzehnten Jahrhundert war auch in die katholische Kirche der freisinnige Geist der Zeit gedrungen - die Franzosen der Republik fanden 1797 die Gefängnisse der Inquisition leer ... Ihre Folterkammern und unterirdischen Verließe konnten nicht entfernt werden ; sie blieben grauenvoll genug anzusehen , wie nur ein alter Hungerthurm von Florenz oder Pisa ... Die Römlinge behaupten , die Revolution von 1848 hätte das Bedürfniß gehabt , wirkliche Gefangene , » Opfer der Inquisition « , jedenfalls menschliche Gebeine , Todtenschädel , Zangen und Folterinstrumente vorzufinden und die Dictatoren der Republik hätten zu dem Ende das Arrangement getroffen , dergleichen vorfinden zu lassen ... Einige Professoren der Sapienza sind noch jetzt bereit , zu erzählen , daß ein ganzer Vorrath von Gerippen , Knochen , unter andern das Skelett einer Frau , von deren Schädel noch das schönste Haar niederfloß , aus der Anatomie zu diesem Zweck wäre geliefert worden ... Als noch lebenden Gefangenen entdeckte der stürmende Volkshaufe von 1848 einen einzigen ... Einen ägyptischen Erzbischof , der hier seit Jahren eingekerkert saß ; widerrechtlich hatte er die erzbischöfliche Weihe empfangen , entkleidet konnte er derselben nicht mehr werden , der Duft der priesterlichen Salbung verfliegt selbst am Verbrecher nicht - so mußte der ägyptische falsche Kirchenfürst sich gefallen lassen , hier im lebenslänglichen Kerker Erzbischof eines Pyramidengrabes zu sein ... Die Aegypter lieben