Speculation nicht schändet ... Sollte es allmählich herauskommen , daß sie einen Handel mit allerlei kostbaren türkischen Waaren , Shwals , Seidenstoffen , Kleinodien trieb - was that ihr das - ! ... Diese Dinge kamen ihr aus Kleinasien zu , wo in Brussa , an den Abhängen des Olympos , da wo einst im ambrosischen Licht die Götter Homer ' s gethront , Abdallah Muschir Bei wohnte , ein vornehmer reicher Mann , Renegat , niemand anders , als der ehemalige päpstliche Sporenritter und Oberprocurator Dominicus Rück ... Wir kennen die Schreckensscene , als Ceccone , der ohne Lucindens Plaudereien nicht leben konnte , in einem Cabinet , dessen Thür durch Zufallen von innen sich von selbst verschloß , bei ihr verweilte , Sarzana mit blanker Klinge die Thür sprengte und nach dem Cardinal stach ... Als damals Lucinde zu den » Lebendigbegrabenen « geflohen war , ließ sich eines Tages am Sprachgitter ein Fremder melden , welcher seinen Namen nicht nennen mochte ... Ueberall Mord und Verrath fürchtend , wagte sich Lucinde nicht ans Gitter , sondern ließ sich verleugnen ... Dieselbe Meldung kam acht Tage später wieder ... Als sie nun tiefverschleiert und wie eine Nonne am Gitter erschien und den Mann erkannte , welcher sie zu sprechen wünschte und den sie zum letzten mal gesehen als einen fast von ihrer eigenen Hand Erhängten , erbebte sie , überflog in schneller Fassung die gegenwärtige Stellung , in der sie sich befand , ihre Rücksichten , die Gesinnung , die sie zur Schau tragen sollte , wechselte nur wenige kalte Worte mit ihm und gab sich ganz den Nimbus , der ihr als Gräfin und Fromme gebührte ... Bei einer dritten Meldung nahm sie den unheimlichen Besucher gar nicht an ... Inzwischen blieb sie bei den alten Parzen des Klosters wohnen und sah die wahnsinnige Lucrezia Biancchi in ihren Armen sterben ... Jetzt schrieb ihr Rück ... Ob sie denn ganz die deutsche Heimat vergessen hätte , ob sie ihn für unwürdig hielte , dem Puppenspieler Weltgeist hinter die Coulissen zu sehen , mit einzublicken in die Gedankenmaschinerie einer großen , stolzen und die Welt verachtenden Seele , wie die ihrige - oder ob sie Furcht haben könnte - vor wem ? - vor was ? - Vor sich selbst - doch gewiß am wenigsten ! - Wol gar vor ihm - ! ... Er bot ihr , die in so viele Geheimnisse seines Daseins eingeweiht war , die ihn vor den schrecklichen Folgen der Rache Hammaker ' s vom Hochgericht hernieder bewahrt hatte , den Mitgebrauch seines Vermögens , das er , nach einer Trennung von seiner Frau , so weit an sich gebracht hatte , als ihm sein eigen Erworbenes nicht entzogen werden konnte ... Zur Ehe nehmen konnte er Lucinden nur dann , wenn beide die Religion wechselten ... Auch das schlug Nück vor ... Er schilderte den » schwarzen Falken « , einen Indianerhäuptling voll Tapferkeit , Großmuth , Gerechtigkeitliebe , der an nichts geglaubt hätte , als an den » großen Geist « - ... Er erläuterte die Philosophie Buddha ' s mit wenig Federstrichen - ... Jedenfalls schlug er nicht den verhaßten » Rückschritt « des Protestantismus , sondern , wenn sie wolle , Islam oder Judenthum vor ... Lucinde war damals so unglücklich , daß sie diese Zeilen lange mit Aufmerksamkeit betrachtete . Es war ein Brief in den Wendungen , wie sie Nück liebte - Cynismus abwechselnd mit Melancholie ... Offen gestand er , daß er sich daheim nicht mehr hätte halten können ; zu schlimme Gerüchte hätten ihn verfolgt ; ein ruheloser , unstäter Geist irre er jetzt von Stadt zu Stadt und wiche Jedem aus , der sich , weil er wisse , daß er einen Kopf , zwei Arme und zwei Beine hätte , ein vernünftiges Wesen dünke ... Rom , für dessen Macht und Herrlichkeit er sonst seine eigene Vernunft eingesetzt , erschiene ihm eine wüste Einöde ... Er müsse sein altes von Hause mitgebrachtes Rom nehmen und über die langweilige Stadt , die er hier anträfe , » überstülpen « , um hier nur auszuhalten ... Nur den ihm geistesverwandten Klingsohr hätte er besucht und von diesem die Empfehlung eines ehemaligen türkischen Priesters , der Christ geworden , erhalten ... Um seinerseits umgekehrt vielleicht ein Türke zu werden , lerne er von diesem die türkische Sprache ... Er bot Lucinden an , sein Weib zu werden und mit ihm nach Kairo zu gehen ... Sie antwortete ihm nicht und Nück verschwand dann aus Rom ... In Neapel vervollkommnete er seine Kenntnisse im Türkischen , ging nach Stambul , von da nach Brussa ... Ohne ihr die ihm bewiesene Kälte nachzutragen , schrieb er Lucinden als Abdallah Muschir Bei ... Die beredtesten Schilderungen zeigten ihn als leidlich glücklich ; er beschrieb seine Einrichtung , den Harem seiner Frauen ; - nur bedauerte er , daß er krank und alt wäre ... Gerade dies von Erdbeben heimgesuchte , jedoch über alle Beschreibung schöne Brussa hätte er gewählt , weil die berühmten Schwefelquellen der Stadt » direct aus der Hölle flössen « ... Seinen Justinian könne er nun nicht mehr verwerthen und hätte auch nach so langer Advocatenpraxis ein unwiderstehliches Bedürfniß nach Ehrlichkeit ... Deshalb wolle er - Kaufmann werden , wie sein Schwager Guido Goldfinger - im Orient befleißigte der Kaufmannsstand sich wirklich der Ehrlichkeit ... An den berühmten Seidenwebereien Brussas betheiligte sich Abdallah Muschir Bei mit Kapitalien ... Jetzt antwortete ihm Lucinde und es vergingen seitdem nie sechs Monate , wo nicht über Stambul und Venedig her ein Geschenk an kostbaren Stoffen , seidenen oder wollenen , an Teppichen und Shwals , auch an kostbaren Geschmeiden für sie ankam ... Da in diesen Briefen jeder seinen Standpunkt beibehielt , so konnten sie nicht ohne Reiz zur Fortsetzung bleiben ... Abdallah verharrte dabei , daß er Lucinden geliebt hätte , liebe und lieben würde in Ewigkeit ... Auch noch jetzt könnte er seinen Sklavinnen nur Geschmack abgewinnen