, aber die Augen der jungen Frau blickten so müde , so gleichgültig darauf hin wie vorhin in die ferne Meeresweite und glitten dann langsam zu jenem Boote mit der lustig wehenden Flagge hinüber , das soeben am Ufer landete . Im Norden war längst schon der Herbst eingezogen , mit kalten Regengüssen und düsteren Nebeltagen , aber hier in Korfu blaute der Himmel über Myrten- und Lorbeergebüschen und in die weiche , warme Luft des Südens mischte sich der Meereshauch , der ihr eine köstliche Frische gab . Ein Tag glich dem anderen in klarer , wolkenloser Schönheit , und die fremden Gaste , die sich hier zusammenfanden , hatten alle Ursache , mit der Wahl ihres Aufenthaltes zufrieden zu sein . Das hatte fast drei Wochen gedauert , aber gestern war ein heftiges Gewitter über die Insel hingezogen und hatte böses Wetter hinterlassen . Draußen auf dem Meere herrschte Sturm , an den Bergen hingen dichte Wolkenschleier und der Regen strömte unaufhörlich nieder . In dem Lesezimmer des Hotels , wo er mit seiner Tochter wohnte , saß Geheimrat Rottenstein . Zum Glück befand sich hier eine deutsche Zeitung , das große rheinische Blatt , das neben der Politik auch allerlei Nachrichten aus der engeren Heimat brachte . Doch das pflegte stets das Heimweh des alten Herrn zu steigern ; er gehörte zu jenen Menschen , die sich nur im engen , vertrauten Kreise wohl fühlen , deshalb hatte ihm auch der Aufenthalt in Berlin , wo sein Amt ihn fesselte , nie recht zugesagt . Als braver Beamter hatte er redlich seine Pflicht gethan , ohne den Ehrgeiz , etwas Besonderes zu leisten , und ohne Neid auf die anderen , jüngeren , die ihn überholten . Als sein Dienstalter ihm eine ausreichende Pension sicherte , hatte er den Abschied genommen und war sehr gerührt und dankbar , als der Staat seine Pflichttreue durch Verleihung des Geheimrattitels anerkannte . Ein hübsches Vermögen , das ihm erst in den letzten Jahren durch Erbschaft zugefallen war , ermöglichte ihm den Ankauf eines Landgutes , wo er sein Alter in Ruhe zu verleben dachte , und einige Jahre lang gab es in der That keinen glücklicheren und zufriedeneren Menschen als den Besitzer von Lindenhof . Aber das ging zu Ende , als seine Tochter zurückkehrte und vorläufig bei ihm ihren Aufenthalt nahm . Sie hatte es verlernt , in der Heimat auszuhalten , und riß den Vater mit hinein in ihr unstetes , unruhiges Reiseleben . Da sie als Witwe über ein bedeutendes Einkommen verfügte , so konnte sie unbeschränkt ihren Neigungen folgen , und Rottenstein war viel zu schwach , um seinem einzigen Kinde , das er zärtlich liebte , einen entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen , obgleich er bisweilen den Versuch dazu machte . Er gab immer wieder nach , aber da er weder Sinn für landschaftliche Schönheiten noch für Kunstgenüsse besaß , fühlte er sich äußerst unbehaglich in der Fremde und kam sich inmitten all der Pracht des Südens wie ein Verbannter vor . Ihm gegenüber , an der anderen Seite des Tisches , saß Herr Wellborn , der sich gerade in der entgegengesetzten Lage befand : er war mit sich und aller Welt zufrieden . Aus den drei Tagen , die er anfangs in Korfu zubringen wollte , waren nun bereits drei Wochen geworden und sein Entschluß stand fest , nicht eher abzureisen , als bis Frau von Wilkow mit ihrem Vater die Insel verließ , um sich ihnen dann selbstverständlich für die Fahrt nach Aegypten anzuschließen . Seiner Auffassung nach gehörte zu dem » höheren Reiseleben « notwendig immer etwas Roman , er hatte sich daher schleunigst in die junge Witwe verliebt und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten , die zwar ziemlich kühl aufgenommen , aber doch wenigstens nicht zurückgewiesen wurden . Auch » dieser Herr aus Amerika « erwies sich als eine äußerst schätzbare Bekanntschaft , obgleich es nicht zu leugnen war , daß er sich bisweilen etwas schroff benahm gegen den jungen Reisegefährten , der seinerseits die Höflichkeit selbst war . Aber diese hinterwäldlerischen Manieren mußte man dem Manne hingehen lassen , der so lange außerhalb der Kultur gelebt hatte und sich offenbar nicht so schnell wieder hineinfinden konnte . Jedenfalls hielt es Herrn Wellborn nicht ab , dem » Hinterwäldler « , der natürlich bei seinem Schwager , dem Konsul , wohnte , einen Besuch zu machen und die Einladungen des gastfreien Hausherrn anzunehmen . Dort lernte man die ganze Gesellschaft der Stadt kennen , und der Verkehr in dem großen Hotel , dessen Gäste aus allen Ecken und Enden der Welt stammten , war gleichfalls höchst anregend und interessant – kurz , der junge Mann schwamm und plätscherte im Strome des Reiselebens wie der Fisch im Wasser . Da es noch früh am Vormittage war , so befand sich außer den beiden Herren niemand im Lesezimmer . Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen , dann legte Wellborn die Zeitung nieder und bemerkte mit einem gewissen Nachdruck : » Es regnet ! « Er hätte nicht nötig gehabt , diese Thatsache erst festzustellen , denn der Regen schlug prasselnd gegen die Fenster . Jetzt blickte auch Rottenstein von seiner Zeitung auf und bestätigte im Tone tiefster Befriedigung : » Ja , es regnet ! Endlich einmal – Gott sei Dank ! « » Aber Herr Geheimrat , das klingt ja , als freuten Sie sich darüber , « sagte der junge Mann vorwurfsvoll . » Alle Welt ist verzweifelt , denn bei diesem Wetter ist natürlich nicht an einen Ausflug zu denken . « » Eben deshalb – da hat man endlich einmal Ruhe . Sonst geht es ja Tag für Tag hinaus nach allen möglichen Orten , wo doch immer nur dasselbe zu sehen ist , blitzblaues Meer und graue Olivenwälder , eins so langweilig wie das andere . Ich wollte , es regnete so weiter , acht Tage lang ! « Mit diesem frommen Wunsche lehnte sich der alte Herr behaglich zurück und