fort , “ sagte Jonas verzweifelt , „ schon seit heute Mittag . Wenn sie es nicht wiederfinden , ich glaube , das geht der Mutter an ’ s Leben . “ „ Wer ? Der kleine Reinhold ? “ forschte Hugo , während sein Bruder keines Wortes mächtig den Unglücksboten anstarrte . „ Wie konnte das geschehen ? War er denn nicht unter Aufsicht ? “ „ Er spielte im Garten , wie gewöhnlich , “ berichtete Jonas , „ und die Annunziata war bei ihm . Sie geht nur auf eine Viertelstunde in ’ s Haus – das kommt öfter vor . Als sie zurückkommt , ist die Gartenthür offen , das Kind fort , keine Spur von ihm zu finden . Sie haben schon die ganze Nachbarschaft aufgeboten , die ganze Umgegend durchsucht , aber Teiche oder Gräben , wo der Kleine verunglücken könnte , giebt es ja nicht in der Nähe , und wenn er fortgelaufen wäre , so ist er ja am Ende groß genug , sich wieder zurecht zu finden . Kein Mensch kann sich die Geschichte erklären . “ Die Blicke der Brüder begegneten sich . In Beider Augen stand derselbe furchtbare Gedanke . In der nächsten Minute schon riß Reinhold , leichenblaß und an allen Gliedern bebend vor Aufregung , seinen Hut vom Tische . [ 603 ] „ Ich werde mir die Aufklärung schaffen , “ rief Reinhold aus . „ Weiß ich doch , wo ich sie zu suchen habe . Geh ’ Du voran zu Ella , Hugo ! Ich komme nach – vielleicht schon mit dem Kinde . “ Der besonnenere Capitain ergriff rasch seinen Arm . „ Reinhold , ich bitte Dich , keine Uebereilung ! Noch kennen wir die näheren Umstände nicht . Das Kind kann sich in der That verirrt und , da es kein Italienisch spricht , sich noch nicht wieder zurückgefunden haben . Vielleicht wird es jetzt schon der Mutter wieder zugeführt . Was willst Du thun ? “ „ Meinen Sohn zurückfordern , “ brach Reinhold mit furchtbarer Wildheit aus . „ Das also war die Rache , die diese Furie sich ausgedacht hat . Ella und mich , uns Beide wollte sie mit einem einzigen tödtlichen Streich treffen , aber ich werde sie zu erreichen wissen . Laß ’ mich , Hugo ! Ich muß zu Beatricen . “ „ Das nützt nichts , “ rief der Capitain , den der Ausdruck im Gesichte des Bruders erschreckte , und der sich vergeblich bemühte , ihn zurückzuhalten . „ Wenn Dein Argwohn begründet ist , so wird sie ihre Rolle auch zu behaupten wissen . Du reizest sie nur noch mehr . Wir müssen andere Maßregeln ergreifen . “ Reinhold riß sich gewaltsam los . „ Laß ’ mich ! Wenn irgend Einer , so erzwinge ich von ihr die Herausgabe meines Kindes , und erzwinge ich nichts – nun , so giebt es ein Unglück . “ Er stürmte fort . Die Wohnung Beatricens lag ziemlich weit von der seinigen entfernt ; dennoch legte er den Weg dahin in kaum einer Viertelstunde zurück . Sonst bedurfte er hier keiner Anmeldung ; vor ihm sprangen alle Thüren auf ; war man doch gewohnt , ihn auch hier als Gebieter zu betrachten . Heute versicherte der Diener , welcher ihm öffnete , sehr entschieden , Signora sei für Niemand zu sprechen , auch für Signor Rinaldo nicht , sie sei heftig erkrankt und habe streng verboten – Reinhold ließ den Mann nicht ausreden . Er stieß ihn bei Seite , eilte durch das Vorzimmer und riß die Thür nach dem Salon auf . Dieser war leer , ebenso das daneben liegende Boudoir ; die Thüren der übrigen Gemächer standen weit offen – nirgends die Gesuchte , nirgends eine Spur von ihr ; sie hatte augenscheinlich die Wohnung verlassen . Reinhold sah , daß er bereits zu spät kam , und in dem vernichtenden Bewußtsein dieser Entdeckung fühlte er doch dunkel , daß die Flucht Beatricens ihm ein Verbrechen erspart habe . In seiner jetzigen Stimmung wäre er der Räuberin seines Kindes gegenüber zu Allem fähig gewesen . Sich mit Aufbietung all seiner Willenskraft zur Ruhe zwingend , kehrte er zu dem Diener zurück , der es nicht gewagt hatte , ihm zu folgen , und eingeschüchtert und ungewiß im Vorzimmer stand . „ Signora ist also fort . Seit wann ? “ Der Diener zögerte mit der Antwort . Das Gesicht des Fragenden schien ihm nichts Gutes zu verheißen . „ Marco , Sie werden mir antworten ! Sie sehen , daß ich mich nicht durch den Vorwand zurückhalten ließ , mit dem Sie mich auf Befehl Signora ’ s zu täuschen versuchten . Noch einmal , seit wann ist sie fort und wohin ist sie ? “ Marco war augenscheinlich nicht in das Geheimniß eingeweiht , denn er war auf diese Frage durchaus nicht vorbereitet . Dagegen mochte er einen Theil der Scene belauscht haben , die gestern Abend zwischen seiner Herrin und Signor Rinaldo stattgefunden hatte , und erklärte sich damit den heutigen Auftritt in seiner Weise . Dem heftigen Charakter Beatricens sah es ganz ähnlich , daß sie jetzt auf einige Tage die Stadt verließ , wäre es auch nur , um dadurch die erneuten Aufführungen der Oper Rinaldo ’ s unmöglich zu machen , und daß dieser vor Zorn darüber außer sich gerieth , ließ sich leicht begreifen . Es war ja nicht das erste Zerwürfniß zwischen den Beiden , und alle Zwistigkeiten zwischen ihnen hatten bisher noch jedesmal mit einer Versöhnung geendigt . In der Voraussicht einer solchen Versöhnung war der Diener klug genug , es mit der doch stets herrschenden Partei nicht zu verderben , und so berichtete er denn , Signora habe bereits heute Morgen in aller Frühe die Wohnung mit dem gemessenen Befehle verlassen , sie jeder Nachfrage gegenüber für krank auszugeben . Sie sei in ihrem eigenen Wagen fortgefahren ; weiter wisse auch er