fesseln , von Weib und Heimath und Familie ! Die nächsten drei Jahre waren so rasch dahingerollt , waren so inhaltsvoll und thatenreich gewesen , wie es die Jahre in unserer Zeit eben zu sein pflegen , wo all die gährenden Elemente empordrängen , um sich im Kampfe , sei ’ s nach innen oder nach außen , Luft und Klärung zu schaffen . Das Drama , welches sich an das einst so hochgeehrte Stift und dessen Bewohner knüpfte , hatte sich doch nicht so schnell verwischen und in Vergessenheit bringen lassen , als man es dort vielleicht gehofft . Hätte es in niederen Kreisen gespielt , es wäre vielleicht möglich gewesen , aber der Name und die Bedeutung des Grafen Rhaneck , die Stellung des Prälaten und dunkle Gerüchte von den wahren Beziehungen des jungen Pater Benedict zu dem Rhaneck ’ schen Hause brachten die Angelegenheit vor das Forum der Residenz und des Hofes , von dort fand es einen Wiederhall im ganzen Lande , und der Umstand , daß der mit so großer Spannung erwartete Proceß in der That nicht stattfand , erbitterte die schon aufgereizten Gemüther auf ’ s Höchste . Die Voraussetzung , daß der Orden dem Lande um keinen Preis der Welt ein Schauspiel gönnen werde , das in jetziger Zeit geradezu vernichtend für ihn wirken mußte , erwies sich als richtig . Man hatte nicht gezögert , dem Abte die formelle Genugthuung zu geben , und den Prior bei der nächsten Vernehmung jedes Wort , das er gesprochen , feierlichst widerrufen zu lassen , aber nur die Wenigsten ließen sich jetzt noch dadurch täuschen , und als der Schuldige in der Nacht , bevor er den Gerichten übergeben wurde , wirklich dem Klostergewahrsam entfloh , als sich jede Nachforschung nach ihm als vergeblich erwies und er verschwunden war und blieb , wahrscheinlich längst in dem Schutze irgend eines fernen Klosters geborgen , da richtete sich der Sturm des allgemeinen Unwillens gegen den Prälaten . Es war unmöglich , ihn der furchtbar erregten öffentlichen Meinung gegenüber zu halten , obgleich der Versuch dazu gemacht wurde . Das Ansehen , ja die Existenz des Stiftes , an dessen Spitze er stand , wurde dadurch auf ’ s Spiel gesetzt , und so entschloß man sich denn endlich widerstrebend , ihn zu entfernen , selbstverständlich nur zu einem anderen Amte , das seinem Range und seinen Verdiensten entsprach . Rom hatte der hohen Kirchenstellungen genug für einen Priester , der sich in seinem Dienste geopfert , und man war dort keineswegs gewillt , auf die fernere Thätigkeit eines Mannes zu verzichten , dessen Geist und Charakter sich von jeher als eine der festesten Stützen der Kirche erwiesen hatten . Er ward all den „ gehässigen Angriffen “ entzogen , um an der Tiber einen neuen Wirkungskreis zu finden , da sich ihm der Bischofsstuhl des Landes , für den man ihn schon früher in Aussicht genommen , nach den letzten Ereignissen doch wohl für immer verschloß . Im Stifte selbst wurde Pater Eusebius durch die Wahl der Mönche zum Abte erhoben , aber es zeigte sich bald genug , was selbst hier in dem streng geregelten Convent die Persönlichkeit eines Einzelnen vermocht hatte . Mit dem Prälaten war auch jener mächtige und trotz alledem großartige Geist gewichen , der es verstanden hatte , dem Kloster ein halbes Menschenalter hindurch die unbedingteste Verehrung zu sichern und es über alle Klippen hinweg siegreich im Kampfe gegen die Neuzeit anzuführen . Der neue Abt , ein mäßig begabter und der römischen Kirche treu ergebener Priester , hatte gleichwohl nicht einen Hauch von der Energie und dem Herrschertalent seines Vorgängers in sich , und war jedenfalls nicht der Mann , die tiefe Wunde zu heilen , welche jene Vorgänge dem Ansehen und der Ehre des Stiftes geschlagen hatten . Der Riß erweiterte sich unmerklich , aber unaufhörlich , das Kloster bestand noch , aber es war vorbei mit der alten Macht und der alten Herrschaft über die Gemüther ; verstand es der jetzige Prälat doch kaum , seine eigenen Mönche zu beherrschen , die , wohl fühlend , daß sie der gewohnten festen Leitung entbehrten , sich allerlei persönliche Uebergriffe erlaubten , die sie früher nie hätten wagen dürfen und die man ihnen jetzt stillschweigend hingehen ließ , sobald sie nur ihr Verhältniß zur Kirche nicht berührten . Auch Schloß Rhaneck lag jetzt einsam und verödet und selbst in den Sommermonaten , die ihm sonst stets den glänzenden gräflichen Haushalt zuführten , wurde es nicht mehr bewohnt . Vielleicht war es das tragische Geschick seines Sohnes oder die Entfernung seines Bruders , vielleicht auch das furchtbare Aufsehen , welches Beides in der Umgegend gemacht , was den Grafen bestimmte , sein Stammschloß fortan zu meiden , er hatte es noch nicht wieder betreten . Der Tod Ottfried ’ s hatte das rein äußerliche Band , [ 256 ] das zwischen ihm und seiner Gemahlin bestand , noch mehr gelockert . Die Gräfin , fast immer kränklich , lebte meistentheils ihrer Gesundheit wegen auf den anderen Gütern , der Graf nach wie vor in der Residenz , sie sahen sich oft wochen- und monatelang nicht , und wenn es wirklich geschah , so fehlte diesen flüchtigen kalten Begegnungen auch die leiseste Spur einer Zuneigung , die freilich niemals in Wirklichkeit bestanden , deren Anschein man aber doch der Welt gegenüber aufrecht erhalten hatte , so lange der Sohn und Erbe Beiden wenigstens noch ein gemeinschaftliches Interesse gab . Jetzt zum ersten Male nach drei Jahren sah Schloß Rhaneck seinen Herrn wieder . Der Graf war unerwartet , allein und nur von einem Diener begleitet , dort eingetroffen , und hatte Befehl gegeben , seine Anwesenheit möglichst zu verschweigen , da er während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes keine der Beziehungen zu der Nachbarschaft wieder aufzunehmen gedenke . Was ihn nach so langer Zeit wieder hergeführt , das wußte Niemand . Rhaneck saß in seinem Arbeitszimmer vor dem Schreibtische , einen geöffneten Brief