unbezähmbaren Wandertrieb in seiner Brust blindlings folgt . Donna Mercedes erhob sich und steckte den Brief in die Tasche . Eine tiefe Glut bedeckte plötzlich ihr Gesicht – nun war sie während Luciles Abwesenheit allein Baron Schillings Gast – wie peinvoll ! Sie ergriff die Lampe und kehrte in ihre Gemächer zurück . » Meine Schwägerin ist nach Berlin gereist und wird in einigen Tagen zurückkehren , « sagte sie kalt zu Hannchen , Jack und Deborah , die im Krankenzimmer standen . Deborah riß ihre runden Augen weit auf vor Verblüfftheit , und ein erschrockener Seitenblick fuhr durch die offene Tür hinüber nach Paulas Bettchen – um ein Haar hätte ihr die schlaue Mama das Goldkindchen mit fortgenommen . Sie wagte dann und wann eher eine Frage als Jack ; aber diesmal verschluckte sie jeden Laut , denn ihre Dame winkte stolz und gebieterisch mit der Hand ... Jack sagte unterwürfig » gute Nacht « , und Deborah machte sich in der Kinderstube zu schaffen – sie wußten beide , daß sie die Stunden der Angst und Besorgnis vollkommen vergessen und nichts anderes wissen mußten , als daß » die kleine gnädige Frau « auf einige Tage verreist sei . was sich ja ganz von selbst verstand . 23. Donna Mercedes hatte gehofft , Luciles mehrtägige Abwesenheit werde nicht auffallen ; zu ihrer Bestürzung aber liefen schon am zweiten Tage verschiedene Rechnungen an sie selbst ein , deren Ausgleichung , wie eine Randbemerkung bei einigen spitz besagte , die abgereiste amerikanische Dame vergessen zu haben scheine ... Jedenfalls hatte die Dienerschaft des Schillingshofes den Geschäftsleuten gegenüber geplaudert und den Verdacht hervorgerufen , daß die kleine Frau heimlich durchgebrannt sei . Der Bediente Robert , der viel an der offenen Haustür oder im Säulengang herumlungerte , war stets der Überbringer dieser Mahnungen . Er klopfte mit schüchternem Finger an die Salontür , überreichte , pflichtschuldigst auf silbernem Teller , mit niedergeschlagenen Augen das ominöse Papier , und verschwand dann auf Donna Mercedes ' kurzes » Es ist gut « mit krummem Rücken und einem halbverbissenen maliziösen Lächeln wieder jenseits der Tür ... Draußen streckte er regelmäßig den Wartenden die leeren Hände hin und sagte achselzuckend : » Geld gibt ' s nicht – seht , wie ihr zu eurem Guthaben kommt ! Warum habt ihr der ersten besten Schwindelmadame leichtsinnig eure Ware verborgt ! Wir können doch nicht für die Leute einstehen , die sich zudringlich im Schillingshofe einnisten ! « – Darauf spuckte er verächtlich aus . Lucile hatte von dem Kredit , den man ihr , als dem vornehmen Gast des Schillingshofes , gewährte , ausgiebigen Gebrauch gemacht – sie hatte nichts von alledem bezahlt , was sie in den letzten Tagen nach Hause geschleppt ; ihre Schwägerin aber brauchte nicht mehr darüber zu sinnen , wie wohl die bedeutenden Summen verwendet worden seien , die ihr Lucile nach und nach abverlangt – es war alles für den Berliner Aufenthalt eingeheimst worden . – Selbstverständlich mußte Jack stets noch in derselben Stunde gehen und die Forderungen der Geschäftsleute ausgleichen . Die beiden Schwarzen sahen in diesen Tagen ihre Dame oft bedenklich von der Seite an . Sie kannten ja dieses Gesicht seit dem Augenblick , wo es zum erstenmal die mächtigen Augen aufgeschlagen ; sie hatten es während des unglückseligen Krieges in allen Stadien entflammter Leidenschaften gesehen , gespenstisch fahl vor Grimm und Erbitterung , unbewegt und hoheitsvoll dem Feind gegenüber , der ihr Haus nach den von ihr versteckten Sezessionisten durchsuchte ; sie hatten es mit blassen Lippen kalt lächeln sehen , als man ihr den bluttriefenden Arm verbunden , als die vom Feind geschürten Flammen aus dem Dach ihres Vaterhauses schlugen , um es mit seiner ganzen kostbaren Einrichtung bis auf den Grund zu verzehren ... Donna Mercedes war unter allen Wandlungen die Gebietende geblieben , die Unerschütterliche , von der sie , die treuen Schwarzen , die gebotene Freiheit nicht angenommen , weil sie sich unter dieser festen Führung wohl und für das ganze Leben geborgen fühlten ... Hier im fremden Lande nun war es , als entbehre die Herrin der gewohnten Sicherheit , als verliere sie für Augenblicke den starken Willen , der so zwingend auf ihre Umgebung wirkte und ihr selbst meist das Gepräge äußerster Kaltblütigkeit verlieh ... Sie schritt oft stundenlang , mit zusammengezogener Stirn und den harten , bösen Zug aufbäumenden Stolzes um die Lippen , im Salon ruhelos von Wand zu Wand , an Gestalt ein schlank dahingleitendes mädchenhaftes Weib , im Ausdruck aber ein eingefangener wilder Edelfalke , der mit seinen Flügeln die Käfigstäbe zerschlagen möchte ... Sie fühlte sich von einem Schemen umstrickt , der schlangenhaft aus dunklen Ecken nach ihr griff , und für dessen Wesen oder gar Beziehung zu ihr selber sie daheim in ihrer durch Vornehmheit und Reichtum geschützten Stellung nicht das mindeste Verständnis gehabt haben würde . Erst hier , in diesem deutschen Hause , nahte sich ihr die gemeine Lastersucht ; sie fühlte den spitzen Dorn der üblen Nachrede bohrend in ihrer Seele , und sie , die als Rebellin den feindlichen Truppen mutig ins Auge gesehen , die sich vor den mörderischen Waffen nicht gefürchtet hatte , sie wand sich unter diesem Dorn in ohnmächtigem Grimm und echt weiblicher Verzagtheit . Voll brennender Ungeduld zählte sie die Stunden bis zu Luciles Rückkehr . Nicht nur der heiße Wunsch , daß die möglicherweise aus Rom heimkommende Baronin sie nicht allein hier finden möchte , erregte sie – auch die Sorge stürmte auf sie ein , daß die unvernünftige kleine Frau durch Ungebundenheit und schrankenlose Vergnügungssucht der heimlich an ihr zehrenden Krankheit Vorschub leisten werde . So waren vier Tage seit Luciles Abreise verstrichen , und noch stand die südliche Zimmerflucht der Erdgeschoßwohnung leer und verschlossen . Donna Mercedes ' Unruhe und Erwartung steigerten sich allmählich zur fieberischen Aufregung – sie horchte angestrengt auf jedes ferne Räderrollen und schrak zusammen , wenn die Salontür geöffnet wurde ... Da endlich , am fünften Tage ,