Flora , die Thränen , die Einem dabei in die Augen treten , weine und heuchle man aus purer Gefälligkeit ? “ „ Kranke Nerven , Kindchen – weiter nichts ! “ lachte Flora und folgte dem Doktor in den Salon , von wo die Präsidentin ihn gerufen hatte . Die alte Dame saß drüben mit etwas echauffiertem Gesicht , in der einen Hand die Lorgnette , in der anderen einen Brief , den ein Bedienter eben gebracht hatte . „ Ach , liebster , bester Hofrath , “ – sie gebrauchte diesen Titel , so oft er sich anbringen ließ ; denn er schmeichelte ihrem Ohre trotz alledem und alledem – „ da schreibt mir eben meine Freundin , die Baronin Steiner , daß sie in den nächsten Tagen hierher kommen will , um Rath und Hülfe bei Ihnen zu suchen . Sie ist ganz trostlos über ihren kleinen Enkel , den Stammhalter der alten Familie von Brandau – der Junge hinkt seit einiger Zeit ein wenig , und die tüchtigsten Aerzte tappen im Dunkeln über den Ursprung des Leidens . Wollen Sie das Kind untersuchen und in Behandlung nehmen ? “ „ Sehr gern , vorausgesetzt , daß die Dame nicht allzu große Ansprüche an meine Zeit macht . “ Er kannte schon diese hocharistokratisch sich geberdenden Damen , die gar zu gern „ warten lassen “ und einen angehenden Schnupfen wie eine Todeskrankheit respectiert sehen wollen . Die Präsidentin war sichtlich verletzt durch die gleichgültige Art und Weise , mit welcher ihre Bitte aufgenommen wurde ; sie antwortete nicht . „ Die Baronin ist sehr pikiert über meinen neulichen Absagebrief , “ wandte sie sich an Flora , „ der Zettel da “ – sie tippte mit der Lorgnette auf das Briefblatt – „ strotzt von Anzüglichkeiten , und wenn nicht Sorge und Angst an sie heranträten , würde sie mir wohl nie wieder geschrieben haben ; wie mich das schmerzt , kann ich kaum sagen . Sie will nun im ersten besten Hôtel wohnen , von wo aus unser Hofrath am ersten zu erreichen ist , und bittet mich wenigstens um die Gefälligkeit , ihr eine Wohnung von fünf Zimmern auszumachen . “ Jetzt zuckte ein wahrhaft vernichtender Blick unter den breiten Lidern hervor nach dem jungen Mädchen im weißen Kleide , das ihr gegenüber hinter einem Stuhle stand und , die Hände auf die Lehne desselben gelegt , mit niedergeschlagenen Augen den Verhandlungen zuhörte , wobei abwechselnd Erröthen und Blaßwerden über das liebliche Gesicht hinflogen – war doch jedes Wort ein Vorwurf für sie . „ Mein Gott , es ließe sich ja schließlich in der Beletage einrichten , wenn die gute Steiner nicht à tout prix fünf Zimmer haben müßte , “ fuhr die Präsidentin fort . „ Aber sie braucht doch nothwendig einen Salon für sich und ihre Tochter Marie , ein Wohnzimmer für den kleinen Job von Brandau und seine Gouvernante , und allermindestens drei Schlafzimmer – die Jungfer kommt ja auch mit . “ Sie stützte sorgenschwer und tief verstimmt den Kopf in die Hand . „ Das will Alles in Allem sagen , daß Käthe für die Besuchszeit dieser wildfremden und anmaßenden Frau Baronin im Wege ist , “ fuhr Henriette scharf und zornig heraus . „ Ich habe mich bereits erboten , in die Mühle zu gehen , “ sagte die junge Schwester ohne eine Spur von Empfindlichkeit und strich beschwichtigend mit der Hand über Henriettens Haar . „ O nein , da weiß ich etwas Besseres , Käthe – wenn Du denn einmal weichen mußt , “ rief die Kranke mit aufleuchtenden Augen . „ Wir bitten die Tante Diakonus um das liebe , traute Fremdenzimmer für Dich ; ich weiß , sie wird ganz glücklich sein , Dich drüben zu haben , denn Du bist ja ihr Augapfel . … Dein Flügel wird hinübergeschafft , und da darf ich dann auch kommen , so oft ich will “ – sie verstummte plötzlich mit einem Blicke auf den Doktor . Dieser hatte sich zuerst abgewendet und durch das Fenster gesehen , und jetzt kehrte er ihr das tiefverfinsterte Gesicht zu , und das , was sie aus seinen Augen ansprühte , war heftiger , zürnender Widerspruch ; sie traute ihren Sinnen kaum – er war gar nicht mehr er selbst . „ Ich finde es praktischer und schlage deshalb vor , daß der Knabe mit seiner Erzieherin in meinem Hause einquartiert wird , “ sagte er kalt und gezwungen . Die Präsidentin rückte und zupfte verlegen an der Schleierwolke unter ihrem Kinn , auch konnte sie ein flüchtiges , ironisches Lächeln kaum unterdrücken . „ Das wird sich schwerlich arrangieren lassen , bester Hofrath , “ versetzte sie . „ Meine alte Freundin wird sich um keinen Preis von Job trennen wollen , und dann – Sie haben keinen Begriff davon , wie entsetzlich verwöhnt der Junge ist . Unser kleiner , lieber Erbprinz ist nicht so exquisit logiert , wie dieser einzige und letzte Sproß der Brandau ’ s ; das dürre , häßliche Kerlchen schläft unter Atlasdecken und seidensammtenen Vorhängen . Mein Gott ja , die Familie kann das , und findet solch eine luxuriöse Umgebung selbstverständlich . Unsereins kommt aber in Verlegenheit , wenn es gilt , sie zu logieren . “ „ Und weshalb ziehst Du es vor , das kleine Scheusälchen – dieser gefeierte letzte Sproß der Brandau ist nämlich der ungezogenste , nichtsnutzigste Bengel , den die Welt hat – der armen Tante Diakonus ins Haus zu bringen , Leo ? “ fragte Henriette heftig und gereizt den Doktor ; sie war urplötzlich in jene krankhafte Aufregung verfallen , welche sie öfter Dinge sagen ließ , die sie nachher bitter bereute . „ Was hat Dir denn Käthe gethan ? Ich sehe es längst mit Ingrimm , wie ungerecht und vorurtheilsvoll Du gegen sie bist , ist sie Dir nicht vornehm genug , weil der Schloßmüller ihr Großvater war ? Nie fällt