fragte Bernhard darauf sinnend . » Nein , das arme Geschöpf hat keine Ruhe zu Hause ; heute schon in aller Frühe hat er sich wieder davon gemacht ; es ist nicht seine Schuld , aber er bereitet meiner Mutter und mir doch sehr viel Kummer und Sorgen . Doch warum meinen der Herr Kaplan ? « » Weil ich heute Abend noch von einem Amtsbruder in Eurer Hülle erwartet werde und nicht wünsche , daß Euer armer Bruder in seiner Einsalt darüber spricht . « » Vielleicht der ehrwürdige Vater Sebastian ? « » Derselbe ; wir wollen noch gemeinschaftlich einen Besuch auf der Oberförsterei machen , und um auch mit Euch über – « Was weiter folgte , erstarb wieder in einem undeutlichen Gemurmel . Ich verhielt mich so lange ruhig , bis ich die beiden Verbündeten weiter unterhalb über den Graben springen hörte , und dann Anton ein Zeichen gebend , forderte ich ihn auf , mir nach der Oberförstern hin voranzugehen . Wir wechselten kein Wort mehr mit einander ; ich bewegte mich wie ein Schlaftrunkener dahin , jeder Gedanke an eine Gefahr für mich war verschwunden ; ich hegte nur noch den einen heißen Wunsch , die einzige Hoffnung , Johanna zu sehen , zu sprechen und zu warnen , und hätte ich dafür in der nächsten Stunde in den Kerker zurückgeschleppt werden sollen . Auch Anton beobachtete ein dumpfes Schweigen . Einige Aeußerungen seines Bruders und Bernhard ' s hatte er , trotzdem er so tief lag , verstanden , und instinctartig herausfühlend , daß es sich um verderbliche Anschläge handle , bemühte er sich , das , was er gehört , in Zusammenhang zu bringen und auf seine Art zu deuten . Kurz vor der Oberförsterei bogen wir von der Straße ab und auf einem Umweg gelangten wir in den Garten . Wohl hatten uns die Hunde bemerkt , wohl hatten sie laut angeschlagen und wohl eilten sie freudig auf uns zu , sobald sie uns erkannten , allein enttäuscht begaben sie sich auf ihre warmen Lager zurück , als ihnen kein Wort des Willkommens , keine einzige Liebkosung zu Theil wurde . Meine Blicke waren auf das Haus gerichtet ; ich betrachtete das erleuchtete Fenster , hinter welchem ich meinen alten , würdigen Vormund wußte , und das Herz klopfte mir , als ob es hätte zerspringen wollen . Er ahnte nicht , wie nah ich ihm sei . Als aber endlich die Rückseite des Hauses vor mir lag und Anton , auf zwei matt erhellte Fenster deutend , mir leise sagte , daß dort Johanna sich aufhalte , mußte ich mich auf den feuchten Boden niedersehen , um nach Fassung zu ringen und mir heilig zu geloben , mich nicht von meinen Gefühlen fortreißen zu lassen und durch eine plötzliche Störung das Leben des armen duldenden Engels zu gefährden . Leise schlichen wir an das nächste Fenster heran . Eine Lampe brannte matt im Innern , und um einen Einblick von Außen zu erschweren , hatte man die durchsichtigen Gardinen niedergelassen . Es war dies ein Glück , denn ich durfte nunmehr , ohne Gefahr bemerkt zu werden , meine Stirne beinah an die Glasscheiben legen . Nach kurzem Zögern faßte ich mir ein Her ; und mich auf die Brüstung lehnend , blickte ich in das Gemach hinein . Todtenstille herrschte in demselben . Anfangs sah ich nur den Lichtschimmer ; denn alles Uebrige erschien durch die Gardinen wie mit einem Nebel überzogen ; doch je länger ich hinüber schaute , um so deutlicher traten die Formen der einzelnen Gegenstände hervor , bis endlich Alles , zwar verschleiert , aber erkennbar vor mir lag . Die Gattin meines Vormundes bemerkte ich zuerst ; sie saß auf einem niedrigen , rohrgeflochtenen Stuhl vor einem Tischchen , auf welchem eine grün verhangene Lampe brannte . In ihren Händen hielt sie ein Buch , in welchem sie eifrig las ; ihr Antlitz hatte sie halb abgewendet , doch wie ehemals thronte auch jetzt noch immer der freundliche , wohlwollende Ausdruck auf demselben , der sich so ansprechend mit einer tiefen , hingebenden Frömmigkeit paarte . Meine Augen rasteten indessen nicht lange auf ihr , unruhig forschte ich weiter , und mit den Blicken der Richtung folgend , in welcher die alte Dame von Zeit zu Zeit ihr etwas gesenktes Haupt emporhob , entdeckte ich endlich Johanna . – Der Athem stockte mir ; ein tiefes , unbeschreibliches Wehgefühl ergriff mich , und indem ich regungslos auf sie hinstarrte , fühlte ich , daß Thräne auf Thräne meinen Augen entrollte . » Ist das Johanna , oder ist es ein künstliches Gebilde aus Alabaster ? « fragte ich mich , indem meine Blicke , wie gebannt , auf der noch immer lieblichen Erscheinung hafteten . » Ist das meine Johanna ? Meine treue , jugendfrische Johanna , die vor zwölf Monaten ihr liebes Antlitz holdselig erröthend an meiner Brust verbarg und mit beseligendem Ausdruck mir ihre Gegenliebe gestand ? « Nein , das war nicht die Johanna von früher , und dennoch , dennoch war sie es , aber verändert , entsetzlich verändert . In einem Stuhl mit hoher Lehne saß sie da ; ein weißes Nachtkleid verhüllte ihren Oberkörper , während eine Decke über ihren Schooß ausgebreitet war . Das Haupt hatte sie zurückgelehnt , die milden , freundlichen Augen geschlossen , als ob sie schlummere . Keine Muskel des bleichen Antlitzes regte sich , und scharf hoben sich die schwarzen Wimpern und Brauen von der weihen Haut ab . Die dunklen , seidenen Locken hatten sich lang ausgereckt und sielen in Wellenlinien zu beiden Seilen von den Schläfen und den eingefallenen Wangen über ihre Brust hernieder , und ihre um ein kleines Crucifix gefalteten Hände ruhten nachlässig in ihrem Schooß . So saß sie regungslos da und ebenso regungslos starrte ich auf sie hin . Die leichten Tüllvorhänge hinderten mich nicht mehr , ich sah sie so deutlich , als ob ich