„ Ja — ja “ , rief die Kleine aus vollem Herzen , schlang ihre Ärmchen um den Hals des Lehrers und drückte ihn aus Leibeskräften zusammen . Die anderen Kinder begleiteten diese Versöhnungsfeierlichkeit mit der wärmsten Teilnahme — denn alle hatten das braunäugige , rotwangige Käth ­ chen lieb und freuten sich , daß es so gut davonge ­ kommen . „ So “ , sagte der Lehrer , als Käthchen endlich auf seinem Platz saß : „ Nun wollen wir sehen , ob Du Deine Aufgabe recht schön gemacht hast . “ Käthchen zog seine Bücher aus dem finstern Ab ­ grund seiner ungeheuren Schulmappe ans Tageslicht , aber , o weh ’ , „ die Nacht ließ einen schwarzen Flecken zurück “ , sämtliche Hefte waren von den in der Tiefe verborgenen Heidelbeeren gefärbt . Käthchens Bestürzung und der Jubel ihrer Kommilitonen waren un ­ beschreiblich , selbst der Lehrer konnte sich des Lächelns nicht enthalten , als er in das kleine erschrockene Ge ­ sicht sah . „ Na “ , sagte er , „ es mag Dir nun noch hingehen , Du hast heute schon genug gebüßt ! Wenn nur der Inhalt gut ist . “ Er schlug die Hefte auf und freute sich offenbar über die schönen geraden Buchstaben . Nur mit dem Rechenbuche stand es noch schlimm ! „ Käthchen “ , rief Herr Leonhardt : „ wenn ein Pferd vier Beine hat , wie viel haben zwei Pferde ? “ „ Sechs ! “ lautete die zuversichtliche Antwort . „ Käthchen ! wie viel ist zwei mal zwei ? “ „ Acht ! “ Herr Leonhardt warf jenen gottergebenen Blick zum Himmel , wie er nur solchen Märtyrern der Ge ­ duld eigen ist ! „ Käthchen , wie viel Finger hast Du ohne den Daumen an Deiner linken Hand ? “ Käthchen zählte mit den Fingern der Rechten die der Linken und brachte glücklich „ Vier “ heraus . „ Und wie viel hast Du an Deiner Rechten ? “ Käthchen zählte wieder mit der Linken die Finger der Rechten und es ergaben sich abermals ohne den Daumen „ Vier . “ „ Gut ! — Wie viel macht das nun zusammen ? “ Käthchen schwieg . „ Wie viel Finger hast Du jetzt an beiden Hän ­ den gezählt ? “ „ Zehn ! “ „ Ohne die Daumen , Kind , ohne beide Dau ­ men ? ! “ Käthchen begann aufs Neue seine schwierige Rechnung . Da klopfte es plötzlich an die Tür . „ Noch ein Spätling ? “ sagte Herr Leonhardt und rief „ Herein ! “ Aber statt eines frischen Kindergesichts erschien ein bleiches Antlitz mit großen schwarzen Augen , er ­ staunt , fast scheu im Kreise umherschauend . Diese Erscheinung verbreitete einen panischen Schrecken um sich her . „ Jesus — die Hartwich ! — Ach Gott , die vom Schlosse ! “ und ähnliche Ausrufe der Furcht ertönten von allen Lippen . Die Kinder fuhren in die Höhe , — die , welche der Eintretenden zunächst saßen , drängten weiter zurück , die Großen rissen die Kleine ­ ren an sich , die Katholischen bekreuzigten sich sogar ! Es war ein förmlicher Tumult , den nicht einmal die Stimme des Lehrers zu beruhigen vermochte . Ernestine sah das Alles , ohne daß sich ein Zug in ihrem regelmäßigen Antlitz verändert hätte . Leonhardt näherte sich ihr ehrerbietig und wollte für die törichten Kinder um Entschuldigung bitten , doch sie unterbrach ihn . „ Im Gegenteil “ , sagte sie leise , „ ich habe mich zu entschuldigen , daß ich durch meinen entsetzlichen Anblick Ihre Schule störte . Ich wollte Ihr Wohn ­ zimmer aufsuchen , um Ihnen die gewünschten Battisttücher zu bringen und da ich im Hause unbekannt bin , geriet ich hier herein . Haben Sie nur die Güte , Herr Leonhardt , mir dieses Päckchen abzunehmen , dann werde ich Ihre Schüler von ihrer Angst befreien . “ Der alte Mann reichte ihr die Hand , doch sie nahm sie nicht . — „ Lassen Sie das — solch ’ eine Freundlichkeit , mir erwiesen , würde Sie um die Ach ­ tung der Kinder bringen . “ „ O , gnädiges Fräulein “ , bat Leonhardt mit Wärme , „ rechnen Sie mir diesen Auftritt nicht an , der mich vielleicht mehr schmerzt , als Sie , denn Sie stehen zu hoch , als daß Sie diese Albernheiten be ­ rühren können , — ich aber schöpfe daraus die bittere Erkenntnis , wie vergeblich das Streben meines gan ­ zen Lebens war ! “ Er hielt inne und ein müder trau ­ riger Blick flog über die kleine , dicht zusammenge ­ drängte Schar . Der kalte Ausdruck in Ernestinens Zügen mi ­ lderte sich bei diesen Worten und jetzt erst betrachtete sie den Greis , der so bescheiden und doch so würde ­ voll vor ihr stand . Seine entzündeten trüben Augen überzeugten sie sogleich , welcher Art die Tragödie sei , von deren Entwicklung jener Unbekannte gesprochen , und eine Regung des Mitleids ergriff sie . „ Wir werden uns später sprechen , Herr Leonhardt “ , flüsterte sie , damit die Kinder sie nicht ver ­ stehen konnten , — „ jetzt lassen Sie mich fort . “ „ Möchte es Ihnen doch belieben , gnädiges Fräu ­ lein , ein wenig zu meiner Frau hinüber zu gehen “ , bat Leonhardt — „ es würde ihr eine so große Freude sein . Sie ist in der gegenüber liegenden Stube . “ „ Das will ich wohl . Ich werde Sie drüben erwarten . “ Sie wollte gehen , aber Leonhardt glaubte , da die Kinder nun ruhiger geworden , sich noch eine Recht ­ fertigung und ihr eine Genugtuung verschaffen zu können und rief die Vordersten an : „ Ihr habt Euch recht blöde und albern vor dem gnädigen Fräulein gezeigt , macht es