Junge , du mußt es ja auch wissen , “ sagte er , „ dein guter Onkel Doktor ist gestorben . Er war alt und müde und ruht nun aus – das ist der Lauf der Dinge . “ „ Der Lauf der Dinge “ , sprach Heini nach . „ Als Großtante Gruber starb , sagtest du das auch . “ „ Ja , Heini , das Leben macht müde das Alter ist der Abend , und wenn die Nacht kommt , schlafen wir . “ Heini nickte . „ Ich bin sehr traurig , Papa , ich hatte ihn lieb . “ [ 263 ] „ Ich auch , Heini , sehr lieb , und nun kommt seine Tochter , und Tante Hede sagt ’ s ihr , daß ihr alter Papa schläft . “ „ Kennst du die Tochter , Papa ? “ Heinz streichelte das Blondköpfchen : „ Ja , mein Junge , und du kennst sie auch . “ „ Nein , Papa ! “ „ Doch , Heini ! “ Sie hielt im Sommer das Glas Milch , damit du trinken solltest – erinnerst du dich ? “ „ Ja ! Nun wird sie wieder weinen ; du hättest hinfahren sollen , Papa . “ „ Nein , Heini , ich mag nicht sehen , wenn sie weint . “ „ Kannst du sie denn nicht leiden ? “ Heinz blieb die Antwort schuldig . – Nach Tische , als der Kleine schlief , stand er wieder am Fenster und wartete auf die Rückkehr des Wagens . Er hatte auch den Schloßgärtner holen lassen und ein paar Palmenzweige bestellt , so schön sie da waren . Dann fiel ihm ein , daß er zum Begräbnis gehen müsse – Begräbnisse boten jetzt die einzige Abwechslung in seinem Leben – und da würde er Aenne sehen . Vielleicht schloß er sich auch erst auf dem Kirchhofe an , vielleicht auch vermißte man ihn gar nicht ! Endlich sah er den Wagen heraufkommen längs der Parkmauer , sah ihn über den Schloßplatz rollen und vor dem Hause des Medizinalrats halten . Eine Gestalt stieg aus und verschwand in der Hausthür , der Wagen wandte um und fuhr langsam den letzten steilen Weg hinan . Aenne war heimgekommen ! Arme Aenne , sie hatte den alten Mann so kindlich geliebt und verehrt ! Hede trat bald darauf in das Zimmer , sie hatte verweinte Augen und gab ihm stumm die Hand . „ Sie läßt dir danken für den Wagen , “ sagte sie endlich . „ Wie ist es euch ergangen unterdes ? War der Tisch ordentlich besorgt ? “ „ Ich glaube – ja – es war alles in Ordnung . “ „ Dann auf Wiedersehen beim Thee , ich will ein wenig ruhen . Sie ging in ihr Zimmer . Sie war Aenne zum erstenmal begegnet , und die Erscheinung des jungen Mädchens , der Zauber ihres Wesens hatte sie gleich gefangen genommen wie die angstvolle Frage in den großen feuchten Augen , als sie ihr entgegentrat , wie die schlichte , gefaßte Art , mit der sie die bittere Nachricht aufnahm . „ Meine arme Mutter , “ hatte sie gesagt mit einem Aufschluchzen und dann mit ihrer halb heiseren Stimme zum Kutscher : „ Nicht wahr , Sie fahren recht schnell ? “ Und während des ganzen Weges nur noch einmal . „ Haben Sie meine Mutter gesehen ? Bekümmert sich denn jemand um sie ? Ach , wäre ich erst daheim ! “ „ Günther befand sich bei ihr , als ich sie verließ , hatte Hede erwidert , aber sehr gepreßt . „ Ach , das ist gut , das ist gut ! “ war die Antwort gewesen , und erst dann kamen die Thränen geflossen . Ja , was war sie neben diesem Mädchen , sie , die arme Hede Kerkow mit ihren fünfunddreißig Jahren ? Er hatte jene geliebt , er liebte sie noch , und sie wunderte sich , daß er andere nicht bemerkte ! Es war etwas wie Ruhe über sie gekommen , die Ruhe , die man einer unabänderlichen Thatsache gegenüber empfindet , ein Strich unter alle ihre thörichten Wünsche und Hoffnungen , die sie sich selbst kaum eingestehen mochte . Nur eines sollte die Vorsehung ihr gewähren – daß sie Heinz dem Leben wieder gewinnen könne . Den alten Herrn hatte man zur Ruhe bestattet . Schon acht Tage waren seitdem vergangen , die Kinder waren noch vollzählig versammelt um die Mutter , die sich in ihrem Jammer nicht zu finden vermochte in das Leben einer Witwe . Der Lieutenant und der Referendar wollten noch über das Weihnachtsfest bleiben , und es gab ja auch noch manches zu besprechen mit der alten Frau , wozu sich bis jetzt der passende Augenblick nicht gefunden hatte . Angenehmes war es natürlich keineswegs . Tante Emilie , die zwölf Stunden später als Aenne in Breitenfels eintraf , gerade noch recht zum Begräbnis – sie hatte doch die kleine Wohnung erst versorgen müssen auf längeres Fernbleiben – war mit Rat und That um die ganz aus den Fugen gekommene Schwägerin bemüht , trotzdem ihr selbst das Herz um den Goldbruder recht weh that . Die alte Frau klammerte sich krampfhaft an ihre Tochter , und Aenne war so mild und geduldig , so tröstend , wie nur sie sein konnte . Sie schlief neben der Mutter , sie hörte das nächtelange Weinen und Jammern und nahm klaglos die Vorwürfe hin , daß sie gefühllos sei , wenn der Jugendschlaf sie überwältigte unter dem Stöhnen der alten Frau . Heute fühlte sie sich , die allezeit Aufrechte , die ja doch selber so heißen Schmerz um den Vater empfand , nach einer ganz durchwachten Nacht aber so müde und ruhebedürftig , daß sie hinausschlich in ihr kleines Stübchen und es Tante und Brüdern überließ , mit der Mutter auf ein paar Stunden allein fertig zu werden . Frau Rat war