hatte noch keine Nachricht von ihm erhalten . Und heute war Sylvester , ein Tag , der sonst liebe Gäste in ’ s Haus geführt – aber heute ? Der Vater nicht zu Hause , die Mutter so still , die Muhme traurig und Onkel Pastor und die Tante in tiefem Leid um ihren Liebling . Und sie ? Da schritt sie wieder die Allee zum Schlosse hinauf , sie mußte fragen , ob seine Mutter oder Nelly vielleicht Nachricht von ihm hatten ? Der Brief des Vaters war so kurz gewesen ; es habe sich Alles viel verwickelter herausstellt , als er geglaubt , schrieb er , und wann er zurückkäme , sei noch unbestimmt – kein Wort für sie über Army ! Sie mußte heute etwas von ihm hören . – Sie schaute während des Gehens durch das kahle Geäst der Bäume und die Allee hinaus zu dem Portal , das eben auftauchte . Am Himmel hingen schwere , graue Wolken , und eine unangenehm warme Luft zog ihr entgegen ; bei der falben Beleuchtung sah das alte Schloß fast unheimlich düster aus , so leer , so verlassen , ein rechtes Unglücksnest , wie die Muhme sagte . Wie viel Jahre sind gekommen und gegangen über diese alten Dächer , und wie viele werden noch kommen und gehen , und was werden sie bringen ? Es kehrt nimmer wieder , was man einmal verloren , und sie , sie hatte so unendlich viel verloren , den ganzen wundervollen Liebesfrühling ! Von all ’ den schimmernden Blüthen waren nur die Dornen geblieben , die sich in ihr wundes Herz gedrückt , kein süßes Glück an der Seite des geliebten Mannes , nur ein Leben in starkem Selbstvergessen , nur schmerzliches Lächeln , aber keine Liebe für sie . Und deshalb auch kein Brief . Was sollte er ihr auch schreiben ? Sie erinnerte sich , ihre Mutter einst gesehen zu haben , wie sie mit glücklichem Lächeln ein Päckchen alter Briefe öffnete , die in einem Kästchen sorgsam verwahrt lagen . „ Die Briefe Deines Vaters , “ hatte sie gesagt , als das junge Mädchen sie fragte , „ aus der Zeit , da wir noch Braut und Bräutigam waren . “ Welche Seligkeit dabei aus den Augen der Mutter leuchtete ! Lieschen preßte die Hände auf die Brust und schritt rasch weiter . Jetzt trat sie aus der Allee und lenkte ihre Schritte über den freien Platz , da hielt ein Wagen vor der Seitenpforte . Ein Wagen , wie kam ein Wagen hierher ? Sollte Army – ? Aber nein , dann wäre ja auch der Vater gekommen . Sie schüttelte den Kopf , als sie um das Gefährt herum ging ; es war ein jammervoller alter Kasten , jedenfalls ein Fuhrwerk aus dem Dorfe . Sie ging in ’ s Schloß und blieb im Corridor plötzlich stehen ; es schien ihr , als höre sie Stimmen und Tritte . In dem langen gewölbten Gange dunkelte es bereits , nur auf die breite Treppe , die nach oben führte , fiel ein mattes Licht durch die Fenster des Treppenhauses , das mit der großen Halle in Verbindung stand ; wieder schritt sie zögernd weiter . „ Ihr habt es ja nicht anders gewollt , “ hörte sie die etwas schroffe Stimme der alten Baronin sagen , „ Thränen finde ich jetzt bei Gott gänzlich überflüssig , Cornelie . “ Lieschen vernahm gleichzeitig ein Rauschen von Kleidern und leichte Tritte ; auf der obersten Stufe erschien eben die alte Baronin , sich halb zurückwendend zu ihrer Schwiegertochter und Nelly . Sie war in einen ehemals gewiß kostbaren Sammetpelz gehüllt , und das stolze Gesicht schaute unbewegt wie gewöhnlich aus einem schwarzen Spitzenshawl , den sie sich um den Kopf gewunden hatte . „ Es ist die Sorge um Sie , Mamachen , “ sagte die jüngere Baronin , „ bei diesem Wetter ! Und Sie sind so von den Unbequemlichkeiten des Reisens entwöhnt . “ Reisen ? Sie wollte reisen ? Einen Moment zog ein helles Gefühl der Freude in Lieschen ’ s Herz . „ Die nothwendigen Consequenzen Eurer Handlungsweise , Cornelie , “ ertönte es wieder , „ indeß sorge Dich nicht ! Noch bin ich nicht so gebrechlich , daß ich – – “ „ Es ist zu schnell gekommen , Mama , zu schnell . “ „ Zu schnell ? Ich habe mit Ungeduld die Augenblicke gezählt ; ich wäre am liebsten noch in derselben Stunde abgereist . “ „ Es wird mir namenlos schwer , Sie ohne eine Verständigung scheiden zu sehen . “ „ Ich meine , die Verständigung habe ich am meisten gesucht , man wollte mich aber nicht verstehen . Denkst Du , mir wird es leicht zu gehen ? Ich fühle das Traurige in diesem Moment mit aller Gewalt , so jammervolle Zeiten ich auch hier verlebt habe . Aber bleiben unter den Bedingungen , die mir der zukünftige Herr auf Derenberg stellte , bleiben , um ein Leben zu führen , wie er es mir bot , um den Preis , meine Grundsätze seinen neuen durchaus nicht aristokratischen Gesinnungen zum Opfer zu bringen – nimmermehr ! Ich bin noch aus der alten Schule : Noblesse oblige ! “ „ Sie geht meinetwegen , “ flüsterte Lieschen . „ Ich glaube , Army reiste ab , in der sicheren Hoffnung , Sie noch wieder zu finden , Mama , “ bat die Schwiegertochter . Die alte Dame lachte plötzlich laut auf . „ Dio mio ! “ rief sie . „ Er weiß sehr wohl , daß er mich nicht mehr hier findet , und es ist gut so ; ich will ihn nicht wieder sehen . Er weist ein Anerbieten zurück , das ihm eine glänzende Carriere öffnet – – “ „ Ich weiß , “ unterbrach die Schwiegertochter , „ der Herzog – “ „ Kein Wort mehr ! “ fiel die alte Baronin ein