reichte mir das Blatt über den Tisch herüber , legte die Hand auf die Augen und - - weinte still vor sich hin . - - Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß zur Tür hinaus . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben und nicht mehr wiedergekommen ; seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen , denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener Zeit , hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt . Das war alles , was ich erfahren konnte . Keine Spur , wohin sie sich gewandt haben mochten . Auf der Bank hieß es , mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag belegt , man erwarte aber täglich den Bescheid , es mir auszahlen zu dürfen . Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den Amtsweg gehen , und ich wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld , um dann alles aufzubieten , Hillels und Mirjams Spur zu suchen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich hatte meine Edelsteine verkauft , die ich noch in der Tasche gehabt , und mir zwei kleine , möblierte , aneinanderstoßende Dachkammern in der Altschulgasse - die einzige Gasse , die von der Assanierung der Judenstadt verschont geblieben , - gemietet . Sonderbarer Zufall : es war dasselbe wohlbekannte Haus , von dem die Sage ging , der Golem sei einst darin verschwunden . Ich hatte mich bei den Bewohnern - zumeist kleine Kaufleute oder Handwerker - erkundigt , was denn Wahres an dem Gerücht von dem » Zimmer ohne Zugang « sei , und war ausgelacht worden . - Wie man einen derartigen Unsinn denn glauben könne ! Meine eigenen Erlebnisse , die sich darauf bezogen , hatten im Gefängnis die Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben , - strich sie aus dem Buch meiner Erinnerungen . Die Worte Laponders , die ich zuweilen so klar in mir hörte , als säße er mir gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir , bestärkten mich darin , daß ich rein innerlich geschaut haben müsse , was mir ehedem greifbare Wirklichkeit geschienen . War denn nicht alles vergangen und verschwunden , was ich einst besessen hatte ? Das Buch Ibbur , das phantastische Tarokspiel , Angelina und sogar meine alten Freunde Zwakh , Vrieslander und Prokop ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es war Weihnachtsabend , und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten Kerzen nach Hause gebracht . Ich wollte noch einmal jung sein und Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem Wachs . Ehe das Jahr noch zu Ende ging , war ich vielleicht schon unterwegs und suchte in Städten und Dörfern , oder wohin es mich innerlich ziehen würde , nach Hillel und Mirjam . Alle Ungeduld , alles Warten war allmählich von mir gewichen und alle Furcht , Mirjam könne ermordet worden sein , und mit dem Herzen wußte ich , ich würde sie beide finden . Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir , und wenn ich meine Hand auf etwas legte , kam mir ' s vor , als ginge ein Heilen von ihr aus . Die Zufriedenheit eines Menschen , der nach langer Wanderung heimkehrt und die Türme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht , erfüllte mich auf ganz sonderbare Weise . Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen , um Jaromir zum Weihnachtsabend zu mir zu holen . - Er habe sich nie mehr blicken lassen , erfuhr ich , und schon wollte ich betrübt wieder gehen , da kam ein alter Tabulettkrämer herein und bot kleine , wertlose Antiquitäten zum Kauf an . Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln , kleinen Kruzifixen , Kammnadeln und Broschen herum , da fiel mir ein Herz aus rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand , und ich erkannte es voll Erstaunen als das Andenken , das mir Angelina , als sie noch ein kleines Mädchen gewesen , einst beim Springbrunnen in ihrem Schloß geschenkt hatte . Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir , als sähe ich in einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild . - Lange , lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine , rote Herz in meiner Hand . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln , wenn hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen begann . » Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo in der Welt seinen Marionettenweihnachtsabend « , malte ich mir aus , - » und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines Lieblingsdichters Oskar Wiener « : Wo ist das Herz aus rotem Stein ? Es hängt an einem Seidenbande . O du , o gib das Herz nicht her ; Ich war ihm treu und hatt ' es lieb , Und diente sieben Jahre schwer Um dieses Herz , und hatt ' es lieb ! « - - - - - - - - - -