Fahrten , sie dachte , er wäre am Westerdeich zugange , und achtete nicht sonderlich darauf , ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt nicht zum Essen kam , denn sie selbst hatte auch keine rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher , wie in tiefen , schweren Träumen . Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam , weil es nebelig geworden war und er sich auf der Elbe , zwischen Cranz und Wittenbergen verirrt hatte . Da wachte sie auf und rief und suchte , sie klopfte den Westerdeich ab und lief ängstlich über die Weiden . Als sie ihn nirgends finden konnte , jammerte sie den Deich entlang . Da hörte sie von den Fischern , wie ihr Junge seine Tage verbrachte , daß er ständig mit dem Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete . Sie erschrak sehr , und es fiel ihr schwer aufs Herz , daß sie sich in all den Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte . Wenn er nun ertrunken war ! Gott im Heben , gib ihn mir wieder , betete sie , ich will ihn dann nicht mehr aus den Augen lassen ! Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen auf die Suche , obgleich es so dick geworden war , daß sie einen Kompaß mitnehmen mußten , wenn sie nicht verbiestern wollten . Sie segelten und ruderten hin und her , bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das stille , tote Wasser , aber es war nichts zu hören , noch zu sehen . Sie wollten es schon aufgeben , da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht nach dem Neß . Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen , aber er sprang aus dem Boot , machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein nach Hause , denn er war doch kein kleines Kind mehr , das getragen werden muße ! » Morgen kummt Vadder gewiß « , tröstete er seine Mutter , als er sich das klamme Zeug auszog , sie , aber wußte vor Schmerz und Freude und innerster Aufregung nicht , was sie machen , ob sie ihn streicheln oder schlagen sollte : packte ihn ins Bett , begrub ihn in Kissen und unter Decken und kochte ihm Kamillentee , obwohl er sagte , daß ihm gar nichts fehle . Sie lag die ganze Nacht schlaflos , horchte auf seinen Atem und erschrak , wenn er einmal hustete . Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld daran , daß sie nicht einschlafen konnte . Sie riß sich schwer ab , dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele , das ihr als eine heilige Pflicht , als eine Aufgabe von Gott erschien : den Jungen vom Wasser abzubringen , zu verhüten , daß er mit seinem Kahn ertränke , zu verhindern , daß er ein Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode käme wie sein armer Vater , dafür zu sorgen , daß er sein Brot in Frieden und auf dem Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der wilden See umherzutreiben brauchte ! Dazu war sie von der Geest in dieses Fischerhaus gekommen , sie erkannte es jetzt : um das Geschlecht der Mewes vor dem Untergange zu bewahren , um es wieder landfest und lebendig zu machen ! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt : sie fühlte es und hörte es , was sie hatten sagen wollen : ich habe verspielt , Gesa , nun tu du das deine , daß der Junge es einmal besser habe ; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters , laß ihn nicht nach See ! Das hatte ihr Mann sagen wollen , das war es gewesen ! » Jo , Klaus , dat will ik « , flüsterte sie vor sich hin , » du schallst dien Rauh hebben ! « Starr richtete sie sich iaus den Kissen auf und gelobte es dem Toten und sich . Sie wußte , daß es schwer halten würde , daß sie streng und hart sein mußte , denn der Junge saß voll von diesem Seegift , wie sie es nannte , und war ein Trotzkopf sondergleichen , aber ihr zähes , niedersächsisches Blut übernahm es . Sie wollte sich um ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten , um ihn dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren . Das war ihre Lebensaufgabe nun ! Den Vater von der Schiffahrt abzuziehen , hatte sie nicht vermocht , aber der Junge , der noch so jung war , mußte noch zu biegen und zu lenken sein , wenn ein fester Wille dahinter stand . Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen , sie konnte es nicht ... Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind , ein Kampf um die See . Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große Strafpredigt , bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte . Als seine Mutter dann aber weiterging und davon sprach , daß sein Vater nicht wiederkommen konnte , daß er auf dem Grunde der See lag , da richtete er sich wieder auf und sagte , das sei nicht wahr , sein Vater sei nicht weg , sie wüßten alle nichts davon ! Sein Vater käme wieder : dabei blieb er , und davon ging er nicht ab . Der Ewer könne nicht umkippen , und sein Vater könne nicht ertrinken : er glaubte es nicht , und wenn sie es auch alle zusammen sagten ! Gesa hatte ihm streng untersagt , wieder nach dem Fahrwasser zu schippern , aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah , da dachte