kam eine Autodroschke heran . Er stieg ein und bettete sie bequem . Keinen Augenblick dachte er daran , irgend jemand zu alarmieren . Er brachte sie zu sich , auf seine Stube , entkleidete sie vorsichtig und hüllte sie in einen Bademantel ; dann trug er sie in sein Bett , rieb ihre eisigkalten Glieder , bis sie warm wurden ; aber er duldete nicht , daß sie sprach . In nassen Kleidern , wie er war , nur mit dem trockenen Mantel darüber , entzündete er einen Spirituskocher auf dem Tisch und kochte Punsch ; sorgfältig hielt er die Tasse an ihre Lippen und ließ sie in kleinen Schlucken davon trinken . Dann hieß er sie schlafen . Erst als er ihre tiefen Atemzüge hörte und ihre Stirn feucht wurde von Schweiß , während die Wangen sich röteten , zog er sich um . Dann trank er ein Glas Punsch und legte sich in warmen , trockenen Kleidern auf das schmale Sofa zum Schlafen nieder . - - - Siebentes Kapitel Erfüllungen » Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit , Sie nimmt mit einer , gibt mit einer ; Ist heute dein Besitz auch kleiner - Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit . « Halm . Olga reiste in dem schlesischen Winter , an das Krankenlager ihres Vaters . Lang und ermüdend war die Nachtfahrt in der dritten Klasse . Während der kleinen Strecke , von der österreichischen Grenze an , war die Reise am unerträglichsten . Seit sie in Deutschland lebte , hatte sie vergessen , daß es solche Eisenbahnwagen gab . In dem schlechtgeheizten , übelriechenden , engen und dunstigen Coupé war sie erst mit einer Schar slovakischer Bauern zusammengepreßt . An einer Umsteigestelle wurde das Coupé leer . Sie fand aber auch dann keine Ruhe , da ein unaufhörliches Getöse von aneinander klirrenden Metallteilen den Raum erfüllte . In ihrer Verzweiflung rief sie den Schaffner und bat ihn , zu untersuchen , woher dieser wahnwitzige Lärm käme . Der Mann kroch unter die Bänke und probierte an verschiedenen Schrauben herum , dann erklärte er ihr , daß eiserne Bestandteile des Wagens , welche durch Schrauben gehalten würden , lose seien und bei jeder Umdrehung der Räder donnernd an die Schienen schlügen . Im Morgengrauen kam sie an . Die lehmigen , ungepflasterten Straßen waren von dicken Kotwällen verbarrikadiert . Die von Kohlenstaub und Fabrikrauch verdorbene Luft kroch ihr bei jedem Atemzug beißend in die Kehle . Ihre kleine , verschabte Reisetasche in der Hand , eilte sie , mit angstvoll klopfendem Herzen zu Fuß ihrem Vaterhause zu , das ihr noch finsterer als sonst seine trübe Front wies . Die alte Salke wußte , daß sie mit dem Frühzug kommen würde , und preßte wartend den Kopf an die Fensterscheibe . Olga erkannte trotz des Zwielichtes , unter dem wollenen Kopftuch das gespenstig verschrumpfte Gesicht der Alten . Sie winkte hinauf , und gleich antwortete ihr ein deutliches Nicken . Bald hörte sie die schweren , schleifenden Schritte , der Schlüssel wurde knarrend herumgedreht , und das Tor wich zurück , in den finsteren Flur . » Olgaleben ! « - - - Die knochige Hand tastete nach der ihren . » Gelöbt is Gott - Se sind daham ! « - - - Und dann stiegen sie zum Krankenzimmer des Vaters hinauf . Sie erkannte nicht gleich , ob er lag oder saß . Er war in einen tiefen Fauteuil gebettet . Eine Menge Kissen stützten den Rücken , die Beine lagen , in der Höhe des Sessels , ausgestreckt , auf hoch aufgetürmten Matratzen . Seit das Wasser in ihnen war , konnte er sie nicht mehr hängen lassen und hielt es auch liegend im Bett nicht aus . Seine ehemals so lange Gestalt schien zusammengeschrumpft , der Rest seines grauen Haares war schneeweiß geworden und hing lang und wirr unter dem schwarzen Sametkäppchen hervor ; die wie mit einem grauen Hauch überdeckten Augen flackerten hilflos , und alle Züge des Gesichtes verliefen spitz in tiefen Furchen . » Gut , du kommst « , sagte er mit fremder , hohler Stimme . Er faßte krampfhaft ihre Hand und ließ sie eine ganze Weile nicht wieder los . » Ich hätt ' ka Ruh ' gehabt , mei ' Kind , « flüsterte die hohle Stimme , - » wenn du nicht gekommen wärst . « Sie versicherte ihm , während sie sein abgezehrtes Gesicht küßte und die Tränen herunterwürgte , daß sie schon längst gekommen wäre , wenn er sie nur hatte früher rufen lassen . Sie erzählte auch , daß Stanislaus in wenigen Tagen nachkäme . Der Alte nickte nur , apathisch , mit dem Kopf . - Olga sah sogleich , daß die mühevolle Pflege des Schwerkranken von ihr und der alten Salke allein nicht geleistet werden könnte . So besorgte sie einen Wärter . Der war nun Tag und Nacht um den Kranken , gab bei jedem Besuch des Arztes seine Meinung ab und hörte nicht auf , täglich den immer näher rückenden Termin des Endes zu prophezeien . Die alte Salke bemerkte auch , daß er sich Kleinigkeiten aus dem Besitze des Kranken nach und nach aneignete und erzählte es Olga klagend . Auf die Wäsche des Kranken schien er es abgesehen zu haben , die Taschentücher wurden immer weniger . Auch die Tabakpfeifen , die auf einem Brett aneinandergereiht waren , verschwanden nach und nach ; und eines Tages war sogar das Gebiß des alten Mannes , daß er sich manchmal noch einsetzen ließ , nicht zu finden . Dieser schwarzhaarige Wärter , mit dem gleichzeitig schlauen und verdrossenen Gesichtsausdruck , mit der kolossalen Hakennase , unter den dichtbebuschten Augen , erinnerte an eine unheimliche Dohle , die hier auf die letzte Beute lauerte . » Weggetragen haben se euch alles , - grad ' wie der do - - - « sagte die alte Salke , mit wiegendem Kopf und blickte Olga vorwurfsvoll an