durch die Zeiten , den die Kanadier noch nicht hören konnten in ihrer Enge . » Sie werden die Religion der Furcht abstreifen , wie eine tote Haut . Dann wird die Religion der Liebe beginnen , die jetzt nur aus den Steinen redet , « dachte Einhart . * * * Dann waren draußen Glocken verklungen , drinnen kaum wie ein dumpfes Klagen und Surren vernehmbar . Einhart war neu auf die Straße hinaus gekommen . Er stand in seiner dunklen Art mit geschärftem Schwarzauge um sich blickend . Aus den Häusern und in den Straßen begannen Maskeraden zu drängen . Der Regen fiel neu . Es dröhnten ferne Pauken . Es schmetterten Trompeten von einer Ecke des Platzes . Eine bunte Bande Musikanten stürmte trappend daher , hinter der sich ein unabsehbarer Schwarm in Narrenflittern und Ritterharnischen ergoß . Einhart hatte die Stille des Domes noch im Ohre wie eine nieausgesungene Feier . Seine blitzenden Augen sahen jetzt in die bunten Lumpen hinein , in das Getümmel , in Geschrei und Gelächter . Der Tag hatte von nun an keine Ruhe mehr . Zu tollem Schwalle drängten sich allmählich die bunten Scharen . Die Menge wuchs und wuchs . Die Häupter schoben sich wie Wellen im Meer . Die Menge trieb um , wie um Pfeiler an Brücken , Kopf an Kopf , die Münder lachend geöffnet , in beständigem Johlen . Der Dom ragte still . Die Musikbanden marschierten am Dom vorbei . Die Masken dahinter durchpatschten die Pfützen . Keiner achtete weiter . » Sie feiern ein Fest , « dachte Einhart vielemale und empfand eine Frage . Die hereinsinkende Nacht sah die Stadt in enger , fahler Lampenhelle . Der Regen rann . Aus Pflastersteinen und Häuserwänden nahe und fern schienen Laute und Lärm , Lachen und wirre Musik ewig zu dringen . Die halblichten Straßen und blendenden Plätze , die unter finsterer Graunacht lagen , die Cafés und die Wirtschaften waren durchstürmt von belustigten Lärmern . Reihen buntumflitterter Weiber gingen in tollen Sprüngen vorwärts , wie in Prozession . Daß ihre Schatten und Bilder in den Pfützen zuckten , und hinter jedem Weibe sein Schatten nachsprang wie der eigene Tod . Tumultuarische Gesänge quollen aus aller Mündern so hart und dumpf , als wenn auch die Schatten traurig hallten . Irgendwoher grollte fortwährend wie sinnloses Pochen dumpfer Paukenschlag durch die Nacht . Einhart war mit dem Zuge rasender Weiber vorwärts gegangen , die als grünweiße Bajazzi über die blinkenden Pfützen einhersprangen , dem tollsten Paare nach , das den Reigen führte . Aber dann blieb er in einer Nebenstraße stehen , bis der Lärm sich vereinzelte und dann völlig verebbte . Nur zwei junge Frauenzimmer , wie blaue Schwalben gekleidet , tanzten und rasten im einsamen Halblicht ruhelos umeinander , den matten Laut ferner Musik noch erhaschend , der irgend woher in dem grauen Straßenschlund sich verlor . » Sie feiern ein Fest « , dachte Einhart vielemale und empfand eine Frage , als er in dem matten Laternenlicht weiterlief . Aus einer kleinen Schenke dröhnte hart und schrill eine Orgel wie von Maschinen getrieben . Der Raum war eng , in den Einhart hinein sah . Die Köpfe drinnen standen wie Ähren im Felde . Matrosen , Schifferknechte und lachende , junge Weiber . Man konnte sich nicht umeinander drehen . Inmitten auf kleinstem Raume vor dem schmutzigen Schanktisch schwang sich ein schwitzendes Paar in Wut und Lust . Einhart war in die Nähe des Domes zurückgegangen . Er witterte empor , sah auf , erlöste seine Bedrückung inmitten des treibenden Getümmels durch einen Blick in die graue Nacht . Die finstere Nacht hing tropfend über der Erde , engte die bleichlichten Menschenwege und gab jedem Dinge und jedem Menschen ihr Schattenzeichen . Der Dom lag dunkel aufragend . Die Fenster spiegelten mit blankem Schein wie von Feuer oder wie Silberplatten . Der graue Turm verlor sich in die Nacht . Und aus der grauen Finsternis nieder hallten über die bleichlichten Menschentaumel und das wirre Tosen dumpf und schwer die Stundenschläge . * * * Einhart kam später auch nach Paris . Welche königlichen Plätze und Straßen ! Daß die Menschheit in bekränztem Reigen durch Triumphbögen und Säulen hineinziehe in die Gärten des Lebens . Da sah er ein Idol hochaufgerichtet über der Stadt . Der Mann mit dem Dreistütz und mit untergeschlagenen Armen , in Bronze ragend , auf einsamer Säule hoch über die Dächer in einsamer Luft . Einhart wußte , daß das der Kaiser der Franzosen war . Der einzige Kaiser . Der heimliche Kaiser noch immer . Der jedem drunten in der hastenden Menge heimlich diese Worte zuflüstert : » Mensch ! Du ! Bist ein Kaiser ! Sei kühn ! Habe Mut ! Befiehl ! Blicke wie ein Tiger ! Alle um dich sind Geängstigte ! Sie liegen vor jedem Idole im Staube ! Mach dich zum Idol ! Vergiß es nie ! So tat ich ! Nun stehe ich über allen ! Das ewige Gleichnis vom kühnen Menschenverächter , vor dem ein ganzes Volk in den Staub sank . « Und Einhart stand auch an dem Sarkophage aus rotem Porphyr , darin die Gebeine des großen Triumphators modern . Er sah die zerschossenen Fahnen seiner menschenmordenden Siege , all die Blutzeichen um ihn aufgestellt . Und die zwölf großen , weißen Engel , die das modernde Gebein bewachen . Und er hörte den Heersoldaten in stumpfem Brüten dort die Reveille trommeln : » Rataplan ! Mensch ! Sei kühn ! Habe Mut ! Befiehl ! Alle um dich sind Geängstigte ! Rage auf ! Du ! Kaiser ! Einziger ! Du selber ! « Und Einhart sah dann auf Straßen und Plätzen in jedes Auge hinein und hörte in jeder Seele nur diese eine Stimme . Und er stieg auch auf die Türme von Notre-Dame und war wirklich in tausend Zweifeln . » Die Dome ragen , « dachte er , » aber die Chimären treiben ein