sie zu begrüßen , und dann kam Roswitha mit dem Kinde , und sie nahm es und hob es hoch in die Höhe und küßte es . » Das war der erste Tag ; da fing es an . « Und während sie dem nachhing , verließ sie das Zimmer , drin die beiden schliefen , und setzte sich wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus . » Ich kann es nicht loswerden « , sagte sie . » Und was das schlimmste ist und mich ganz irremacht an mir selbst ... « In diesem Augenblicke setzte die Turmuhr drüben ein , und Effi zählte die Schläge . » Zehn ... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin . Und wir sprechen davon , daß unser Hochzeitstag sei , und er sagt mir Liebes und Freundliches und vielleicht Zärtliches . Und ich sitze dabei und höre es und habe die Schuld auf meiner Seele . « Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und schwieg . » Und habe die Schuld auf meiner Seele « , wiederholte sie . » Ja , da hab ich sie . Aber lastet sie auch auf meiner Seele ? Nein . Und das ist es , warum ich vor mir selbst erschrecke . Was da lastet , das ist etwas ganz anderes - Angst , Todesangst und die ewige Furcht : es kommt doch am Ende noch an den Tag . Und dann außer der Angst ... Scham . Ich schäme mich . Aber wie ich nicht die rechte Reue habe , so hab ich auch nicht die rechte Scham . Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug und Trug ; immer war es mein Stolz , daß ich nicht lügen könne und auch nicht zu lügen brauche , lügen ist so gemein , und nun habe ich doch immer lügen müssen , vor ihm und vor aller Welt , im großen und im kleinen , und Rummschüttel hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt , und wer weiß , was er von mir denkt , jedenfalls nicht das Beste . Ja , Angst quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel . Aber Scham über meine Schuld , die hab ich nicht oder doch nicht so recht oder doch nicht genug , und das bringt mich um , daß ich sie nicht habe . Wenn alle Weiber so sind , dann ist es schrecklich , und wenn sie nicht so sind , wie ich hoffe , dann steht es schlecht um mich , dann ist etwas nicht in Ordnung in meiner Seele , dann fehlt mir das richtige Gefühl . Und das hat mir der alte Niemeyer in seinen guten Tagen noch , als ich noch ein halbes Kind war , mal gesagt : auf ein richtiges Gefühl , darauf käme es an , und wenn man das habe , dann könne einem das Schlimmste nicht passieren , und wenn man es nicht habe , dann sei man in einer ewigen Gefahr , und das , was man den Teufel nenne , das habe dann eine sichere Macht über uns . Um Gottes Barmherzigkeit willen , steht es so mit mir ? « Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich . Als sie sich wieder aufrichtete , war sie ruhiger geworden und sah wieder in den Garten hinaus . Alles war so still , und ein leiser , feiner Ton , wie wenn es regnete , traf von den Platanen her ihr Ohr . So verging eine Weile . Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr : der alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab , und als er zuletzt schwieg , vernahm sie von fern her , aber immer näher kommend , das Rasseln des Zuges , der , auf eine halbe Meile Entfernung , an Hohen-Cremmen vorüberfuhr . Dann wurde der Lärm wieder schwächer , endlich erstarb er ganz , und nur der Mondschein lag noch auf dem Grasplatz , und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie leiser Regen nieder . Aber es war nur die Nachtluft , die ging . Fünfundzwanzigstes Kapitel Am andern Abend war Effi wieder in Berlin , und Innstetten empfing sie am Bahnhof , mit ihm Rollo , der , als sie plaudernd durch den Tiergarten hinfuhren , nebenhertrabte . » Ich dachte schon , du würdest nicht Wort halten . « » Aber Geert , ich werde doch Wort halten , das ist doch das erste . « » Sage das nicht . Immer Wort halten ist sehr viel . Und mitunter kann man auch nicht . Denke doch zurück . Ich erwartete dich damals in Kessin , als du die Wohnung mietetest , und wer nicht kam , war Effi . « » Ja , das war was anderes . « Sie mochte nicht sagen , » ich war krank « , und Innstetten hörte drüber hin . Er hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge , die sich auf sein Amt und seine gesellschaftliche Stellung bezogen . » Eigentlich , Effi , fängt unser Berliner Leben nun erst an . Als wir im April hier einzogen , damals ging es mit der Saison auf die Neige , kaum noch , daß wir unsere Besuche machen konnten , und Wüllersdorf , der einzige , dem wir näherstanden - nun , der ist leider Junggeselle . Von Juni an schläft dann alles ein , und die heruntergelassenen Rouleaux verkünden einem schon auf hundert Schritt : Alles ausgeflogen ; ob wahr oder nicht , macht keinen Unterschied ... Ja , was blieb da noch ? Mal mit Vetter Briest sprechen , mal bei Hiller essen , das ist kein richtiges Berliner Leben . Aber nun soll es anders werden . Ich habe mir die Namen aller Räte notiert , die noch mobil genug sind , um ein Haus zu machen . Und