Schwäherin ! Zwar versteh ich nicht immer recht , wo ' s hinauswill , weil ich eben nicht gelehrt bin , aber ich tu ' s meinen Söhnen zu Ehren , die gebildete Herren sind ! Man soll nicht sagen , daß man ihre Mama nicht in einem gebildeten Gottesdienst zu sehen bekomme ! Sie verdienen es eigentlich nicht ! Aber man ist halt doch die Mutter ! Und wenn sie dann auf den Kanzeln von dem lieben Gott reden , der keine Beine habe und uns persönlich nicht kenne , und wir doch mit einer gewissen Gotteskindschaft dicktun sollen , so lasse ich es dabei bewandt sein und bete dafür das Vaterunser desto andächtiger mit ! Das versteh ich jetzt wieder besser , als auch schon , liebe Frau Salander ! denn ich hab es nicht wie der liebe Gott , ich fange an , meine Beine zu spüren , sie werden müd . « » Darum nehmen Sie doch endlich Platz , gute Frau , da steht ja ein bequemer , weicher Sessel ! Wollen Sie nicht den prächtigen Hut ablegen ? Wer hat den gemacht ? « Marie Salander drängte mit diesen Worten das bittere Gefühl zurück , das der unerwartete Anblick der Zwillingsmutter erweckt hatte : sie entnahm den Gesichtszügen wie den Worten der Frau , daß sie nicht mehr so guten Mutes war wie früher . Diese setzte sich , ihr Kleid vorsichtig in acht nehmend . » Der Hut ? « sagte sie , » den hat die Merklin gemacht , er ist aber viel zu schön und zu teuer ausgefallen , es paßt nicht mehr für mich ! Abnehmen will ich ihn nicht , es ist mir zu mühsam , ihn wieder ordentlich aufzusetzen ! « Sie betrachtete nun ihrerseits ein Weilchen die Gegenschwäherin und lobte ihr Aussehen : » Ihnen geht es gut , Sie bleiben immer gleich ! Und was macht denn der Herr ? Ist er zu Hause ? « » Mein Mann ist früh ins Freie hinausgegangen ; jetzt wird er wohl für eine Stunde oder zwei auf dem Kontor sein . Was macht der Ihrige , Herr Weidelich ? Er ist doch gesund ? « » Gottlob , so ziemlich , die Arbeit hält ihn aufrecht , und doch schont er sich zu wenig und klagt hie und da über Unlust . Es hat eben jedes seinen Teil ! Wir wissen zum Exempel nicht , woran wir mit den Söhnen sind ; um es gerad herauszusagen , bin ich gekommen , zu erfahren , ob Sie mehr von den Kindern wissen und was vorgeht ? « » Wieso denn vorgeht ? « fragte Frau Marie , nicht sowohl überrascht als halb erschrocken . » Ja , es muß etwas vorgehen oder gegangen sein . Unsere Söhne , die uns leider nicht mehr viel nachfragen , kommen nur zur Seltenheit einmal gelaufen . Früher kamen sie zuweilen miteinander , jetzt scheinen sie sich zu meiden , und wenn sie bei uns unverhofft zusammentreffen , so schwatzen sie etwas weniges , und der eine oder andere macht , daß er fortkommt . Erscheint aber einer allein , das geht nun seit einem halben Jahr oder länger , und man fragt nach seinem Bruder , so heißt ' s immer : Weiß nichts von ihm , hab ihn nicht gesehen ! Seh ihn überhaupt wenig die Zeit her ! So heißt ' s bei Isidor , und so bei Julian ! Und doch stecken sie immer hier in der Stadt und haben Geschäfte , jede Woche müssen wir ein paarmal hören , sie seien da und dort gesehen worden , so müssen sie sich doch selber auch begegnen und sollten nicht sagen , sie wüßten nichts voneinander . Da haben wir gesagt , ich und mein Mann , Herr Salander und Frau sind durch ihre Töchter eher auf dem laufenden , gefährlich wird ' s am End nicht sein , sonst würde man uns doch Kundschaft geben ! Da bin ich denn heut richtig abgeschwenkt und zu Euch gekommen ! « Frau Salander schwieg verwundert einen Augenblick , indem sie zugleich überlegte , ob sie der Frau Gegenschwäherin die zum Teil ähnliche Erfahrung an den Töchtern mitteilen solle . Es könne nur zur besseren Erleuchtung der beunruhigten Leute beitragen , dachte sie , wenn sie davon Kenntnis erhielten , die ihnen offenbar ganz abgehe . » Unsere Töchter « , sagte sie , » haben uns von diesen Dingen nichts anvertraut , wahrscheinlich , weil sie ihnen unbekannt sind ; wir haben in letzter Zeit nur gelegentlich von ihnen gehört , daß die jungen Männer viel abwesend seien . « » Natürlich , das glaub ich schon ! « warf Amalie Weidelich ein . » Das ist kein Geheimnis bei der Arbeit , die sie haben ! Sonst wußten sie nichts , die Frauen ? « » Diesmal , ich will sagen von diesem Umstande wenigstens nicht ! « » Wie diesmal und von diesem Umstand ? Aber ein andermal wußten sie , haben sie geplaudert , he ? « Als Marie nicht sogleich zu antworten vermochte , redete die andere Mutter mit gespannterem Tone fort : » Seien Sie nur offen und hinterhalten Sie nichts ! Sehen Sie , wir haben auch davon gesprochen , ob nicht ein Familienzwist , eheliches Zerwürfnis und dergleichen vorhanden sei ; ob die jungen Weiber auch sich in die Verhältnisse schicken oder vielleicht unzufrieden seien und den Männern zu Haus das Leben schwer machen ? Sie müssen es nicht übelnehmen , Frau Schwäherin , man hat Beispiele , daß zwei Schwestern , die in die gleiche Familie geheiratet haben , zusammenhalten und gern miteinander Komplott machen , wenn es Unfrieden gibt , und imstande sind , alles auf den Kopf zu stellen ! Ich will ja nichts damit gesagt haben , nur die Spur suchen ! « Nach nochmaligem kurzen Besinnen fand Marie Salander es an der Zeit , ihr ohne weiteren Rückhalt auf