Berührung mit der Zimmerthüre ihres Sohnes , der wäre als böswilliger Verleumder gebrandmarkt worden . Nun stand sie aber in der That da , auf den Zehen und weit hinübergereckt und horchte , horchte , bis sie plötzlich wie von einem Schuß getroffen zurückfuhr und weiß bis in die Lippen wurde . Im nächsten Augenblick hatte sie die Thüre aufgerissen und stand im Zimmer ihres Sohnes . » Wollen Sie die Gewogenheit haben , Lenz , das , was Sie soeben behaupteten , auch mir in das Gesicht hinein zu wiederholen ? « herrschte sie gebieterisch , aber sichtlich an allen Gliedern bebend , dem alten Manne zu - alle Sanftheit war wie weggeblasen von dieser schrillen Stimme . » Gewiß will ich das , Frau Amtsrätin ! « antwortete Lenz sich verbeugend mit bescheidener Festigkeit , » Wort für Wort sollen Sie meine Erklärung noch einmal hören . Der verstorbene Herr Kommerzienrat Lamprecht war mein Schwiegersohn - meine Tochter Blanka ist seine rechtlich angetraute Ehefrau gewesen - « Die alte Dame brach in ein hysterisches Gelächter aus . » Lieber Mann , bis zum Fasching haben wir noch weit - sparen Sie Ihre unfeinen Späße bis dahin auf ! « rief sie mit zermalmendem Hohn und wandte ihm verächtlich den Rücken . » Mama , ich muß dich dringend bitten , in dein Zimmer zurückzukehren ! « sprach der Landrat und reichte ihr den Arm , um sie hinwegzuführen - auch er war bleich wie ein Toter , und in seinen Zügen malte sich eine tiefe , innere Bewegung . Sie wies ihn unwillig zurück . » Wäre es eine Amtsangelegenheit , um die es sich handelt , dann hättest du recht , mich aus deinem Geschäftszimmer zu weisen ; hier aber ist ' s ein schlau eingefädeltes Bubenstück , das unsere Familie beschimpfen will - « » Beschimpfen ? « wiederholte der alte Maler mit einer Stimme , die vor Entrüstung bebte . » Wäre meine Blanka das Kind eines Fälschers , eines Spitzbuben gewesen , dann müßte ich die schwere Beleidigung schweigend hinnehmen ; so aber verwahre ich mich entschieden gegen jede derartige Bezeichnung . Ich selbst bin der Sohn eines höheren Regierungsbeamten geachteten Namens ; meine Frau stammt aus einer vornehmen , wenn auch verarmten Familie , und wir beide sind völlig unbescholten durchs Leben gegangen ; nicht der geringste Makel haftet an unserem Namen , es sei denn der , daß ich mein Brot als akademisch ausgebildeter Künstler schließlich aus Mangel an Glück in der Fabrik habe suchen müssen ... Aber es ist in den bürgerlichen Familien , die zu Reichtum gelangt sind , Mode geworden , auch von Mesalliance zu sprechen , wenn ein armes Mädchen hineinheiratet , und zu thun , als sei das Blut entwürdigt , wie der Adel den bürgerlichen Eindringlingen gegenüber behauptet . Und diesem völlig unmotivierten Vorurteil hat sich leider auch der Verstorbene gebeugt und damit eine schwere Schuld gegen seinen zärtlich geliebten Sohn auf sich geladen . « » O , bitte - ich wüßte nicht , daß der Kommerzienrat Lamprecht seinem einzigen Sohn , meinem Enkel Reinhold , gegenüber irgend eine Schuld auf dem Gewissen gehabt hätte ! « warf die Frau Amtsrätin höhnisch , mit verächtlichem Achselzucken ein . » Ich spreche von Max Lamprecht , meinem Enkel . « » Unverschämt ! « brauste die alte Dame auf . Der Landrat trat auf sie zu und verbat sich ernstlich und entschieden jeden ferneren verletzenden Einwurf . Sie solle den Mann ausreden lassen - es werde und müsse sich ja herausstellen , inwieweit seine Ansprüche begründet seien . Sie trat in das nächste Fenster und wandte den beiden den Rücken zu . Und nun zog der alte Maler ein großes Briefkouvert hervor . » Enthält das Papier die gerichtlich beglaubigten Dokumente über die gesetzliche Vollziehung der Ehe ? « fragte der Landrat rasch . » Nein , « erwiderte Lenz ; » es ist ein Brief meiner Tochter aus London , in welchem sie mir ihre Verehelichung mit dem Kommerzienrat Lamprecht anzeigt . « » Und weiter besitzen Sie keine Papiere ? « » Leider nicht . Der Verstorbene hat nach dem Tode meiner Tochter alle Dokumente an sich genommen . « Die Frau Amtsrätin stieß ein helles Gelächter aus und fuhr herum . » Hörst du ' s , mein Sohn ? « rief sie triumphierend . » Die Beweise fehlen - selbstverständlich ! Diese nichtswürdige Beschuldigung Balduins ist ein Erpressungsversuch in optima forma . « Sie zuckte die Achseln . » Möglich , daß die Verführungskünste der kleinen Kokette , die einst vor unseren Augen auf dem Gang des Packhauses ihr Wesen getrieben hat , nicht ohne Wirkung auch auf ihn geblieben sind ; möglich , daß sich daraufhin draußen in der Welt eine intimere Beziehung zwischen ihnen angesponnen hat - das ist ja nichts Seltenes heutzutage , wenn ich auch Balduin einen solchen Liebeshandel nimmermehr zugetraut hätte . Indes , ich will es zugeben - aber eine Verheiratung ? Eher lasse ich mich in Stücke hacken , als daß ich solchen Blödsinn glaube ! « Der alte Maler reichte Herbert den Brief hin . » Bitte , lesen Sie , « sagte er mit völlig tonloser Stimme , » und bestimmen Sie mir gütigst eine Stunde , zu welcher ich Ihnen morgen auf dem Amte das weitere vortragen darf ! Es ist mir unmöglich , noch länger mein totes Kind so schmachvoll verlästern zu hören ... Nur mit der größten Selbstüberwindung gestatte ich fremden Augen den Einblick in das Schreiben - « Sein schmerzlicher Blick hing wie sehnsüchtig an dem Briefe , den der Landrat an sich genommen hatte . » Es kömmt mir vor , wie ein Verrat an meiner Tochter , welche die einzige Schuld , die sie je auf ihre Seele genommen hat , in den Zeilen ihren Eltern beichtet . Wir haben keine Ahnung gehabt , daß mein Chef und Brotherr hinter unserem Rücken unser Kind zu einem Liebesverhältnis