hatte das Blatt einst sorglich zugeklebt , die Inschrift herauszuschneiden , hatte sie nicht übers Herz gebracht . » Hörst du nicht ? « fragte er , als sie still blieb , und suchte den Kopf nach ihr zu wenden . » Doch ! « murmelte sie . » Das Blatt ... Was - was steht denn da geschrieben ? « Er las es ihr vor . » Der arme Mann ! « fügte er bei . » Eine so schöne Schrift - er mag nicht ungelehrt gewesen sein ... Und das Büchlein war das einzige , was er seinem Kinde vermachen konnte ... Hast du ihn gekannt ? « Noch immer war ihr die Kehle wie zugeschnürt . » Nein ! « erwiderte sie endlich . » Ich hab ' das Büchlein von einem verstorbenen Vetter « , fügte sie dann hastig hinzu . » Ich habe es ehrlich erworben . « » Natürlich ! « erwiderte er . » Ob aber jener Vetter ? Vielleicht hat er das Kind dieses Mendele um seinen einzigen Besitz gebracht ! Und er war wertvoll , eines Vaters Segen wiegt schwer . « Frau Rosels Haupt war tief auf die Brust gesunken . » Mein Herr und Gott « , betete sie , » wenn es eine Sünde ist , daß er nichts von seinem Vater weiß , so laß nur mich dafür büßen . « Sender aber fuhr nach einer Weile fort : » Mutter , du hast ja ein frommes Herz , du wirst gewiß einverstanden sein . Wer im Zweifel ist , ob er nicht fremdes Gut besitzt , muß etwas zu frommen Zwek-ken spenden . Ich hab ' das Büchlein nun schon so lang - und wo wär ' auch das Kind jenes armen Mannes zu suchen ? Aber wir wollen in der Schul ' eine Kerze für seine Seele anzünden lassen . Vor mehr als zwanzig Jahren ist dies letzte geschrieben , da wird er wohl tot sein . Gott laß ihn in Frieden ruhen . « » Amen ! « rief Frau Rosel - ihr war ' s , als fiele eine Zentnerlast von ihrer Brust - » Amen ! « - » Mir scheint , er ahnt noch immer nichts « , sagte sie ihrem Vertrauten , dem Marschallik , als er sich wieder bei ihr einfand . » Aber mir ist ' s doch sehr bang ... Soll ich ihm nicht morgen Luisers neue Vorladung geben ? Dann wären seine Gedanken wenigstens vom ersten Anzeichen abgelenkt . « » Behüte ! « rief Türkischgelb . » Das brächte ihn erst recht zum Grübeln darüber . Die Sach ' will so leicht wie möglich behandelt sein , wenn so ganz zufällig die Red ' darauf kommt und mit allem übrigen zusammen . Das laßt mich machen , sobald ich ' s für gut halte . Jetzt müssen sich seine armen Lungen noch ausschnaufen und auch die Seel ' des Menschen , Frau Rosel , auch die Seel ' hat Lungen , die das nötig haben ... Es ist nur deswegen , daß ich warte , denn jetzt hab ' ich auch die Antwort auf jede Frage , die er stellen kann . « Er stemmte die Arme in die Seiten und blickte sie triumphierend an . » Ja ! « rief sie freudig . » Und die Sach ' mit Dovidl macht Euch keiner nach ... Soll ich nun zu ihm hingehen ? « » Nein . Er bekommt die Kollektur und muß Sender haben . Jeder Tag länger macht den Monatslohn größer . « Schon war etwa eine Woche seit dieser Unterredung verstrichen und noch immer hielt es der Marschallik nicht an der Zeit , eingehend mit Sender zu sprechen . » Ausschnaufen lassen « , wiederholte er immer wieder , » er wird schon selbst zu reden anfangen , wenn ihn etwas drückt . « Aber das tat Sender nicht , und wirklich empfand er kaum allzu große Sorgen und Kümmernisse , auch nachdem er wieder zu voller Klarheit über das Geschehene gekommen . Das unendlich wohlige Gefühl des Genesens , das Bewußtwerden der jugendlichen Kraft , die ihm gleichsam aus diesen Frühlingsdüften in die Adern zurückströmte , ließen keine düsteren Gedanken in ihm aufkommen . Aber auch an sich schien ihm nun seine Lage nicht gar so schlimm . Er war wieder gesund , die Gefahr , Soldat zu werden , für immer vorüber ; im nächsten Januar aber harrte seiner sein Gönner , warum sollte er verzweifeln ? Der Rabbi wußte nun um seine heimlichen Kenntnisse , gar so groß schien ja sein Zorn nicht , aber angenommen , daß er ' s war und die Gemeinde ähnlich dachte , so mußte das eben getragen sein , bis die Erlösungsstunde schlug . Allzu schlimm konnte es ja nicht werden , so lang die Mutter und der alte Freund in herzlicher Liebe zu ihm standen , und wenn er sich auch keiner Täuschung darüber hingab , daß die rührende Güte , mit der sie ihm nun begegneten , vor allem dem Genesenden galt , etwas davon blieb ihm auch für die gesunden Zeiten gewiß . Ob ihn Jossele wieder aufnehmen würde , war ihm freilich sehr zweifelhaft , aber wo nicht , dann fand ihm sein findiger Beschützer vielleicht ein anderes Stücklein Brot , und im schlimmsten Falle mußte er sich eben bis zum Januar von der Mutter ernähren lassen . Dieser Gedanke erschreckte ihn auch nicht allzu sehr , er war ja der Sohn eines Stammes , dem die schwersten Opfer der Eltern für ihre Kinder etwas Selbstverständliches sind . Aber ebenso selbstverständlich ist diesem Stamme die dankbare Treue der Kinder für die Eltern , das vierte Gebot wird nirgendwo auf Erden so heilig gehalten , wie im Ghetto des Ostens - und wie konnte er davor bestehen ? ! » Es muß ja sein « , sagte er sich und malte sich aus , welch behagliches und ehrenreiches Alter er