gewußt , daß ich zur Partei der Räuber kam , und die Räuber hatten mich regelmäßig zum Hauptmanne gemacht . In dieser meiner Räuberhauptmanns-Eigenschaft hatte ich mich stets so bewährt , daß zuletzt Niemand mehr Gensdarm sein wollte . Wessen ich mich damals im lustigen Spiel so oft gerühmt , daß Niemand mich fangen könne , wenn ich mich nicht fangen lassen wolle , ich konnte es jetzt in bitterm , blutigen Ernst bewähren . Unglücklicherweise fehlte mir heute , wo es meine Freiheit und mein Leben galt , das Beste : die frische , unverwüstliche Kraft , die ich zu meinen knabenhaften Heldenthaten mitgebracht hatte , und die jetzt durch die furchtbaren Gemüthserschütterungen und die ungeheuere physische Anstrengung der letzten Tage nahezu gebrochen war . Dazu gesellte sich bald ein nagender Hunger und ein brennender Durst . Mich immerfort im dichtesten Forst haltend , traf ich auf keine Quelle , auf keinen Graben . Der lockere Waldboden hatte den Regen des gestrigen Tages längst wieder eingesogen , und die geringe Feuchtigkeit , die ich von den dürren Blättern leckte , vermehrte nur meine Qual . Meine Absicht war gewesen , den Forst , der sich fast zwei Meilen weit am Strande hinzog , in seiner ganzen Länge zu durchmessen , um so viel Raum als möglich zwischen mich und meine Verfolger zu bringen , bevor ich den Versuch machte , hier- oder dorthin , wie es der Zufall eben gestatten wollte , von der Insel zu entkommen . Ich hatte die zwei Meilen spätestens bis zum Mittag zurücklegen zu können geglaubt , aber ich mußte mich bald überzeugen , daß in dem Zustande , in welchem ich mich befand , und der sich von Minute zu Minute verschlimmerte , daran nicht zu denken sei . Auch hatte ich mir keine rechte Vorstellung gemacht von den Hindernissen , die ich zu überwinden haben würde . Ich war oft genug in meinem Leben querwaldein gegangen , aber dann war es nur immer auf kürzere Strecken gewesen , und es war nie darauf angekommen , eine ganz bestimmte Richtung inne zu halten und dabei jede Möglichkeit , gesehen zu werden , ängstlich zu vermeiden . Hier aber mußte ich , wollte ich nicht einen großen Umweg machen , durch Dickichte brechen , die kaum für einen Hirsch passirbar waren , oder wieder gerade einen Umweg machen , der mich weit aus der Richtung brachte , um eine Lichtung zu umgehen , die mir keinen Schutz bot . Dann hatte ich , in Laub und Strauchwerk vergraben , still zu liegen , bis ich mich überzeugt hatte , ob das Geräusch , das ich vernommen , wirklich von menschlichen Stimmen herrühre , und zu warten , bis wieder alles still geworden war ; dann kam ich über mehr als einen der den Forst quer durchschneidenden Wege , wo doppelte Vorsicht geboten schien , und dabei nahmen meine Kräfte reißend ab , und ich sah voll Schrecken dem Moment entgegen , wo ich zusammenbrechen würde , um vielleicht nicht wieder aufzustehen . Und dann dort zu liegen , todt , mit starren , verglasten Augen , wie ich es eben gesehen , - und ihn hatten sie doch wenigstens jetzt schon gefunden und hinabgetragen , und , so oder so , mußten sie ihn also auch begraben ; aber wie lange konnte ich hier liegen im tiefsten Forst , bis ich gefunden wurde , es hätte denn von den Füchsen sein müssen ! Es war kein tröstlicher Gedanke , von den Füchsen gefressen zu werden ! Aber weshalb floh ich überhaupt ? Was hatte ich gethan , das man so arg bestrafen durfte ? Und konnte man mir Aergeres anthun , als die Qualen , die ich jetzt erduldete ? Was da ! Hier war ein Weg , der mich in einer halben Stunde aus dem Walde brachte ! Möglich , daß ich dann sofort auf ein paar Gensdarmen stieß ! Um so besser , so war das Stück aus . Und ich ging wirklich eine Strecke auf dem Waldwege dahin , aber plötzlich blieb ich wieder stehen . Der Vater , was wird er sagen , wenn sie dich zwischen sich durch die Stadt führen und die Gassenjungen hinterher lärmen ? Nein , nein , das kannst du ihm nicht anthun , das nicht , viel lieber sich von den Füchsen fressen lassen ! Ich wendete mich wieder in den Wald , aber immer qualvoller wurde der Kampf , den ich mit meiner Erschöpfung zu kämpfen hatte . Meine Kniee wankten , der kalte Schweiß rieselte mir von der Stirn ; mehr als einmal mußte ich mich an einen Baum lehnen , weil es mir schwarz vor den Augen wurde und ich ohnmächtig zu werden fürchtete . So schleppte ich mich wohl noch eine halbe Stunde weiter - es mußte nach meiner Berechnung gegen zwei Uhr nachmittags sein - da war es vorbei An dem Rande einer kleinen Lichtung , zu der ich eben gelangte , stand eine niedrige , aus Baumzweigen und Strohmatten leicht zusammengestellte , bereits halb wieder zusammengesunkene Hütte , fast wie eine Hundehütte anzusehen , die sich Holzfäller oder Wilddiebe errichtet haben mochten . Ich kroch hinein , nestelte mich in das Stroh und das Laub , mit welchem der Boden der Hütte fußhoch bedeckt und das glücklicherweise noch einigermaßen trocken war , und fiel sofort in einen Schlaf , der seinem Zwillingsbruder Tod so ähnlich wie möglich war . Als ich erwachte , war es vollkommen dunkel , und es dauerte lange , bis ich mich besinnen konnte , wo ich mich befand und was mit mir geschehen war . Endlich kam ich zum Bewußtsein meiner schaudervollen Lage . Ich kroch mit großer Mühe aus der Hütte , denn meine Glieder waren wie zerschlagen , und die ersten Schritte verursachten mir die empfindlichsten Schmerzen . Indessen gab sich das bald . Der Schlaf hatte mich doch erquickt , nur der Hunger , der mich erweckt hatte , war