oft beim Essen den des neben ihr sitzenden Jos gesucht hatte . Der Geistliche merkte ihre Verlegenheit und wurde nun noch dringlicher . Ob sie auch Geschenke von ihm erhalten habe ? Wie oft ? Verstohlen vor den anderen Hausgenossen ? Wie sie dafür gedankt , was sie versprochen , zugestanden und sich vorgenommen habe , wenn sie einmal beschenkt worden sei ? Das nun waren lauter Fragen , auf welche das Mädchen etwas , ja sogar viel zu antworten wußte . Der Kaplan hielt eine kleine Rede und wollte dem guten Mädchen klarmachen , daß schon das freiwillige Verbleiben in der nächsten Gelegenheit zur Sünde vor Gottes Augen ein großes Unrecht sei . Er schloß mit der ernstlichen Mahnung , vor allem für die unsterbliche Seele zu sorgen und daher noch heute den gefährlichen Dienst zu verlassen . Wenn eine Heirat mit dem Arbeitgeber dem Willen Gottes gemäß wäre , so könnte sie darum doch noch einmal zustande kommen . Jetzt das aber war denn Dorotheen doch gar zu arg ! Warum hätte sie sich denn nicht freuen sollen über die vielen Beweise von Hansens Zufriedenheit ? Freilich nicht so wie der Geizhals über seine Taler ; aber das war auch bei ihr nie der Fall , indem sie fast alles nur wieder den Ihrigen zukommen ließ . Der Kaplan sagte wohl , daß geschenkte Pracht das Auge blende , sich wie ein Dorn ins Herz bohre und nur zu leicht auch die Unschuld verwunde . Doch ihr ging das nicht mehr recht ein . Hatte sie doch das Prächtigste , das Köstlichste von Hansen nicht so gefreut wie das kleine , ganz einfache Gebetbüchlein , welches Jos ihr im letzten Frühling vom Pfingstmarkt von Dornbirn mit heimbrachte ! Überhaupt stand sie nicht gern beim Beichtvater im Ansehen , als ob nur teure Geschenke von ihr geschätzt würden und sie schon beim Gold und Silber hart und kalt geworden . Nein , so schlecht war sie denn doch nicht und hatte zum Beispiel den armen Jos noch immer , seit sie ihn recht kannte , für so viel oder noch mehr als den reichen Stighans gehalten mitsamt aller seiner Pracht und Herrlichkeit . Sagen mochte sie davon jetzt freilich nichts , ihr selbst aber war es durch die vielen vom Beichtvater an sie gerichteten Fragen noch viel , viel klarer geworden als jemals vorher . War es ihr doch , wenn sie im Wald oder auf dem Felde , mit Hansen oder nur vom blauen Himmel gesehen , neben dem guten Knechte saß , wenn ihr Blick den seinen traf oder sie ihm etwas aus der warmen Hand nehmen sollte , gerade so , wie der Kaplan in seinen Fragen gesagt hatte . Dorotheen ward auf einmal ganz wunderbar leicht und wohl , gerade so , wie wenn schon alles abgeschüttelt und die Lossprechung bereits gewonnen wäre . Sie fühlte jetzt , wo es ihr fehlte . Der Jos war ihr lieber als Hans , und ihr ganzes Innere wehrte sich gegen eine Verbindung mit dem reichen Bauern , obwohl sie ihm nichts Übles nachzureden wußte . Das und nur das war das Unrecht , vor dem sie so gezittert hatte . Nun - Gott Lob und Dank im hohen Himmel ! - fühlte sie sich glücklich darüber hinaus für immer . Eine Weile freilich , da hatte der Kaplan ganz recht , vermochte das Geld sie zu blenden wider Wissen und Willen . Jetzt aber war sie mit Hansen fertig . Drum eben hielt sie auch sein Haus nicht mehr für so gefährlich . Wo noch hätte sie wohl wieder einen so guten Platz gefunden , von dem aus sie auch den Ihrigen soviel helfen konnte , wie auf dem Stighof bei den guten Leuten , die doch ihr und denen sie schon lange ganz eigen geworden war ? Ja , jetzt wollte sie erst recht wieder dem guten Hans dienen und mit den Ihrigen sich seines Wohlwollens freuen und für ihn beten . Warum auf die weite Gasse eilen , wo unter dem Dache keine Gefahr mehr war , sondern Schutz und Sicherheit für sie und die Ihrigen ? Hätte sie nur sich selbst angehört oder den Vater getrost und mit gutem Gewissen ihrem Bruder überlassen dürfen , dann hätte sie schon auch gehen mögen , wo Jos nicht mehr bleiben konnte und man ihn so schnell wieder vergaß . Ja , damals , als Hans den guten Burschen , den treuen Jugendfreund , den unermüdlichen Knecht nicht nur seinen Gegnern überließ , sondern sich selbst an ihre Spitze stellte und ihn dadurch zu jenem verzweifelten Sprunge trieb , da hätte sie gleich auch zusammenpacken , noch am nämlichen Tage gehen sollen , statt sich mit Hansen auf sein erstes gutes Wörtlein hin wieder zu versöhnen . Sie ließ bald sich wieder wohl sein , als ob gar nichts geschehen wäre , suchte das Unrecht zu vergessen , begann sogar ihre eigenen selbstsüchtigen Rechnungen zu machen . Das war es , und nur das , was ihr Gewissen belastete . Der Unfriede mit sich selbst währte auch gerade seit der Kirchweih , obwohl dann erst das , was sie seit der Predigt am vorigen Sonntage hörte und erlebte , sie recht ins Nachdenken und Grübeln gebracht hatte . Jetzt aber war das vorbei . Dem unglücklichen Jos konnte sie gewiß mehr nützen , wenn sie blieb und Hansens Gewissen weckte , daß es ihm gehörig sagte , wie ein großes Unrecht er an dem Burschen wieder wenigstens nach Kräften gutzumachen habe . Solche Gedanken gingen dem Mädchen viel schneller , als sie wiedergegeben werden können , im Kopfe herum und ließen es nur wenig von der langen Rede des Geistlichen hören , der immer entschiedener auf ein sofortiges Verlassen eines Dienstes drang , der nicht nur dem Heile der armen Seele , sondern auch ihrer Ehre recht grausam gefährlich sei . Nun erinnerte sich Dorothee wieder an das entstandene Gerede und sagte nicht ohne Bitterkeit : »