und die Alte und Lina weinen uns von der Gartentüre aus die hellen Freudentränen nach . Ach , Leonhard , weshalb warest du nicht bei uns , weshalb hatte ich dich nicht mitgenommen nach Nippenburg ? Wo warest du , als er sich in seinem Sessel zurücklegte und der Stadtphysikus , der ihm gegenübersaß , bestürzt aufsprang , die Tischmusik abbrach und der Stadtchirurg , obgleich er sein Besteck bei sich trug und seine Lanzette schnell genug brauchte , doch den Kopf schüttelte ? « » Ich ließ mir von dem Herrn van der Mook und dem Leutnant Kind Geschichten erzählen « , murmelte Leonhard : allein der Vetter fuhr in aller Hast fort : » Wir brachten ihn zurück in sein Haus , diesmal ohne Fackeln , Schützengilde und Stadtmusik , und der Herr von Bumsdorf lief vorauf zu den Weibern . Gestern , den ganzen Tag , hat er still gelegen , bis gegen neun Uhr am Abend . Bei Gott , er war doch ein anständiger , wackerer Gesell in seiner Art , und es tut mir leid , sehr leid , und viel , viel würde ich drum geben , wenn ich ihn ruhig in seinen Grillen und Schrullen hätte sitzenlassen . Ach , Leonhard , das habe ich dir nicht versprochen , als ich am Dienstag vor dem Hotel de Prusse in den Wagen stieg und dir versprach , den Alten herumzubringen ! « Vierundzwanzigstes Kapitel Leonhard Hagebucher hatte den Vetter Wassertreter sprechen lassen , ohne ihn zu unterbrechen , doch ohne mehr als die Hauptzüge , den Kern des Berichtes , aufzufassen : am Schlusse desselben drückte er ihm nichtsdestoweniger die Hand und seufzte : » Es war wohlgemeint , Vetter , und daran wollen wir uns halten , alles übrige ist nicht in unsere Hände gelegt . Ich danke Euch herzlich , Vetter , Ihr habt Euer Bestes getan , wenngleich auf Eure Weise . Was aber wird jetzt das nötigste sein ? Ist schon in irgendeiner Art für die nächsten Tage vorgesorgt , oder - « Ein schnarrender Ton bewog den Afrikaner , sich schnell umzuwenden : der Vetter Wassertreter hatte die Hände im Schoß zusammengelegt und schlief fest auf seinem Stuhle neben dem Bette ; er mußte mit dem letzten Worte seiner Erzählung eingeschlafen sein . Auf den Zehen ging Leonhard zu den Fenstern und schloß sie leise nach einem letzten Blick in die graue Morgendämmerung . Er wollte wachen , er mußte wachen , doch auch er nahm einen Sessel zu Häupten der Leiche und versuchte es , seine Gedanken so klar zu halten wie seinen Willen . Das war schwer und erwies sich bald sogar als eine Unmöglichkeit . Es hätte eine übermenschliche Kraft dazu gehört , unter den Aufregungen der letzten Woche ad sidera tollere vultus , d.h. die Nase so zu tragen , wie es die Naturgeschichte vom Menschen verlangt . Fünf Minuten noch behielt Leonhard das starre Gesicht des Vaters unverwandt im Auge ; dann füllte sich das Gemach mit einem Nebel und dieser Nebel mit einem Hexentanz alles dessen , was die Woche so bunt gemacht hatte . Der gaslichterhellte , menschengefüllte Saal der Vorlesung , der Herr von Betzendorff , der Herr von Glimmern , die Frau von Glimmern , der Professor Reihenschlager und Serena Reihenschlager , der Herr van der Mook - die Stube des Leutnants Kind und der Leutnant Kind selbst - der Weg nach der Katzenmühle , die Mühle und die Frau Klaudine - der Weg nach Bumsdorf - das verstörte Vaterhaus , der tote Vater , die Erzählung des Vetters Wassertreter und , seltsamerweise , aus dem Bericht des Vetters Vorzugsweise der Onkel Schnödler purzelten in seiner Seele durcheinander gleich den Tönen eines Klaviers , auf welchem eine Kinderhand Musik macht , bis - ja , bis Mutter Natur endlich Ruhe gebot und dem wildesten Lärm die tiefste Stille , dem angestrengtesten Denken die völlige Bewußtlosigkeit folgte . Es war heller Tag , als der zum zweitenmal aus der Fremde heimgekehrte Sohn erwachte , und er hatte mancherlei verschlafen . Die Leiche war aus dem Bette gehoben und in einer Nebenkammer auf ein anderes Lager niedergelegt worden : es war wieder ein Feuer in dem erkalteten Ofen des Sterbegemachs angezündet , und unten in dem Familienzimmer wartete das Frühstück und empfing der Vetter Kondolenzbesuche . Als der Schläfer hastig emporfuhr und an das Fenster taumelte , hielt ein Handwagen vor der Gartentür auf der Landstraße , und der Meister Schreiner mit seinen Gesellen lud den Sarg ab , und die Magd des Hauses , mit einem frisch geschlachteten Hahn in der linken Hand und dem Schürzenzipfel vor dem rechten Auge , sah der traurigen Arbeit schmerzlich , jedoch nicht unangenehm interessiert zu . Bestürzt wich Leonhard zurück und blickte schnell nach dem leeren Bett hinüber ; mit beiden Händen griff er nach der Stirn und starrte von Wand zu Wand , von der Decke zum Boden , von dem alten Kupferstich , dem Opfer Isaaks , auf das Porträt des Großvaters in Öl . Das war Bumsdorf , das war das elterliche Haus , das war die Kammer der Eltern ! ... Zitternd , in namenloser Angst nochmals zwei Schritte gegen das Fenster - der schwarze Schrein wurde über des Hauses Schwelle gehoben ; - bei dem klaren Winterhimmel , die Sache verhielt sich so , und es war das vernünftigste , die Treppe hinunterzusteigen , um die alte Frau in ihrer Witwenschaft in ruhiger Trauer zu begrüßen ! Wie von einem Fenster unserer Erzählung treten auch wir zurück ; und gleichwie recht gute Freunde ihre Besuche auszusetzen pflegen , wenn Verdrießlichkeiten über das Haus , in welchem sie aus und ein gingen , hereinbrachen , so lassen auch wir die unerquicklichen Tage , welche jetzt dem Haus Hagebucher zugemessen wurden , vorüberstreichen , ohne uns - aufzudrängen . - Alle Wasser waren erstarrt vor dem kalten Hauche aus Norden . Die Wälder und Täler lagen da , als ob